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Marco Evers

Elementarteilchen Das dreckige Geheimnis der Kamine

Liebe Leserin, lieber Leser,

hier eine gute Nachricht: Die Atemluft wird zum Glück immer besser in Deutschland. Wie das Umweltbundesamt gerade meldet, haben im vergangenen Jahr nur wenige fest installierte Messstationen zu hohe Stickoxid-Werte angezeigt. Die Grenzwerte für Feinstaub wurden sogar nirgendwo übertroffen. Die Messgeräte standen allerdings oft an den traditionellen Problemzonen, etwa am Stuttgarter Neckartor, der ehemals schmutzigsten Kreuzung Deutschlands. Wie sauber ist aber die reale Atemluft in den Wohnvierteln?

Achim Dittler, Chemieingenieur und Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), hat nachgemessen in einem typischen Neubaugebiet. In Stutensee nahe Karlsruhe haben sich viele Eigenheimer wie anderswo auch den Wunsch nach einem gemütlichen Kamin im Wohnzimmer erfüllt. Bis Feierabend sei die Luftqualität dort bestens, berichtet Dittler (lesen Sie das ganze Interview hier ). Doch dann legten die Menschen Holzscheite in ihre Feuerstellen - und schon beginnt vor allem in den Wintermonaten ein Frevel an Umwelt und Gesundheit.

Holz, besonders wenn es feucht ist, verbrennt nicht sauber wie etwa Gas. Im Kaminfeuer entstehen krebserregende Substanzen wie Ruß und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, darunter Benzo(a)pyren. Die Emissionen werden über den Schornstein oft ungefiltert und ohne jede Abgasreinigung an die Wohnumgebung abgegeben. Wer in einem Viertel mit hoher Kamindichte lebe, der könne Dittler zufolge abends oft nicht mehr lüften: »Es riecht stundenlang nach Waldbrand«. Die Belastung der Luft insbesondere mit sehr feinem, lungengängigem Feinstaub sei dann sogar höher als tagsüber entlang viel befahrener Innenstadtstraßen.

Das ist keine Polemik eines Kaminverächters, sondern Stand des Wissens. Obwohl viele von ihnen nur kurzzeitig betrieben werden, stoßen die rund 30 Millionen sogenannten Kleinfeuerungsanlagen (etwa Kamin-Öfen, aber auch Pelletheizungen) in Deutschland nach offiziellen Zahlen des Umweltbundesamtes pro Jahr mehr Feinstaub aus als alle Verbrennungsmotoren in Pkw und Lkw zusammen. Messungen in Großbritannien kamen dort jetzt zum gleichen Ergebnis. Die dreckige Wahrheit lautet: Kaminabende haben durchaus schwerwiegende Folgen. Nach Erkenntnissen der in Kopenhagen ansässigen Europäischen Umweltagentur war Feinstaub im Jahr 2019 verantwortlich für 307.000 vorzeitige Todesfälle innerhalb der EU.

Dirk Messner, Chef des Umweltbundesamtes, regt nun hierzulande eine wohl überfällige Diskussion an, die viele als Eingriff in ihre Lebensgestaltung empören dürfte: Die Deutschen, so Messner, sollten zum Schutz ihrer Nachbarn künftig auf das Verbrennen von Holz im Haushalt verzichten. Wir sollen demnach Abschied nehmen von einer Kulturtechnik, die der Mensch überwiegend zu seinem Vorteil seit der Neandertaler-Zeit praktiziert - mindestens.

Werden die Bürgerinnen und Bürger dazu bereit sein? Was denken Sie?

Herzlich

Ihr Marco Evers

Ärgernis Kamin

Ärgernis Kamin

Foto: Thomas Trutschel / photothek / IMAGO

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*Quizantworten: -18 Grad Celsius, 4,7 Tonnen / 8,5 Tonnen, 1,2 Grad Celsius

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