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Psychologie FELD VOLLER FUSSANGELN

Was fördern Psychotherapeuten zutage, wenn sie in ihren Patienten Bilder einer grauenhaften Kindheit wachrufen? Den Schlüssel zum Verständnis seelischer Leiden, sagen die einen. Bloße Phantasien, die der Therapeut seinem Patienten aufschwatzt, sagen die anderen. In der Psycho-Szene tobt ein Glaubenskrieg.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Als Frau Dr. Peterson mit den Zinken ihrer Gabel über das weiße Tischtuch kratzt, weicht das Blut aus Dr. Edwards Wangen. Er verliert die Fassung und stürzt aus dem Raum. Einige Monate und etliche Psychoanalyse-Sitzungen später ist klar: Edwards war gar nicht Edwards, und in dem Schock bei Tisch hat sich ein handfestes Gartenzauntrauma offenbart.

Zu dem Happy-End kommt es nur, weil sie Psychiaterin und Geliebte in Personalunion ist und tief Verborgenes aus dem Innersten ihres Patienten und Geliebten ausgräbt: Daß er als Kind seinen jüngeren Bruder getötet hat, daß es ein Unfall gewesen ist und daß ein Gartenzaun dabei eine Rolle gespielt hat - deshalb der Schock, als Peterson parallele Linien auf die Tischdecke malt.

So einfach kann Therapie sein, wenn Hobby-Freudianer wie Alfred Hitchcock Regie führen.

Aber kann, wie in dem Hitchcock-Film »Ich kämpfe um Dich«, die Erinnerung an einen Mord wirklich für Jahrzehnte unter Verschluß gehalten werden? Kann sie dann von einem Therapeuten wieder aus dem Unbewußten ausgegraben werden? Wird die Vergangenheit als neuronaler Film archiviert, der irgendwann wieder in den Projektor Bewußtsein eingelegt wird?

Oder sind die Abbilder im Hirn nach Jahren vergilbt, verzerrt, entstellt? Sind sie vielleicht manchmal nur eine Ausgeburt der Phantasie, eine trügerische Legierung aus Trieb, Traum und Trauma? Womöglich gleicht das Gedächtnis vielfach einer Collage, zusammengesetzt aus Fetzen von Wirklichkeit und bereichert um Wünsche und Ängste.

Vor allem aber: Können Therapeuten heimlich Regie führen, während ihre Patienten glauben, im Verlauf einer Therapie echte Bilder aus der eigenen Kindheit zum Leben zu erwecken? Gibt es so etwas wie ein »falsches Gedächtnis«? Um diese Fragen ist vor allem in den USA ein Expertenstreit ausgebrochen, den der amerikanische Sozialpsychologe Richard Ofshe als »größten Showdown der Therapieszene« bezeichnet.

Lange waren verschüttete Erinnerungen Sache der Romanciers und Filmemacher. Besonders Hitchcock liebte es, seine Helden unter Angst vor einer ungewissen Vergangenheit leiden zu lassen. Dann peinigte er sie mit jählings sich aufdrängenden Szenen aus ihrer Kindheit: Bildern von Mord, Grauen, Tod.

Erst 1980 gaben die Psychiater dem Hitchcock-Syndrom einen Namen: posttraumatische Belastungsstörung.

Angesichts einer Gefahr, so lehrt die Psychologie, reagiert ein Mensch zumeist mit Angst, Panik, Wut. Steigert sich die Bedrohung jedoch ins Unerträgliche, so kann die Panik - gleichsam als Gnade der Natur - in tranceähnliche, distanzierte Ruhe umschlagen.

»Zweitausend-Jahre-Blick« nannten Soldaten im Zweiten Weltkrieg das betäubte Starren jener Kämpfer, die dem Schußhagel an der Front nicht mehr gewachsen waren: Die Ereignisse dringen zwar noch in ihr Bewußtsein, doch werden sie wie von einem gänzlich Unbeteiligten wahrgenommen und in einigen Fällen sofort wieder verdrängt.

Solche Grenzsituationen »außerhalb der üblichen menschlichen Erfahrungen«, wie das psychiatrische Diagnosehandbuch definiert, sind nicht so selten, wie die Psychiater anfangs annahmen: Nicht nur Soldaten leiden unter »Schützengrabenneurosen«.

Ein ähnliches Schockerlebnis haben auch Hunderttausende von Mädchen, die, abgeschirmt im »Schutzraum Familie«, hilflos den sexuellen Übergriffen von Vätern, Stiefvätern, Brüdern, Onkeln ausgeliefert sind. Auch bei ihnen bleiben seelische Narben zurück, »Kriegsneurosen des Geschlechterkampfes«, wie es die US-Psychiaterin Judith Lewis Herman nennt.

Nach der Entdeckung folgte die Inflation des Mißbrauchs. Der Verdacht, Nötigung oder Vergewaltigung könne zwar passiert, dann aber verdrängt worden sein, ließ die Dunkelziffer explodieren. Mittels Hypnose, Körpermassage, Assoziationssteuerung und Psychopharmaka machen in den USA Erinnerungstherapeuten Ausgrabungen im Seelenleben von Tausenden von Frauen. Streng nach der Hitchcock-Dramaturgie wollen sie das Grauen der Kindheit ans Licht fördern, und das heißt nicht selten: den Mißbrauch.

Doch inzwischen regt sich Widerstand gegen die Erinnerungsepidemie. Die radikalsten Kritiker bezweifeln, daß es das Phänomen »Verdrängung« überhaupt gibt. Sie haben das »falsche Gedächtnis« selbst, als »False Memory Syndrom«, zur Krankheit erhoben.

Im Mai dieses Jahres gab ihnen ein spektakuläres Urteil in Kalifornien Auftrieb. Gary Ramona, der 50jährige Vizepräsident einer Weinkellerei, hatte gegen die Therapeuten seiner Tochter Holly, 23, geklagt: Wegen Magersucht und Depressionen hatte sie deren Hilfe gesucht. »In 80 Prozent der Fälle ist die Ursache für solche Probleme sexueller Mißbrauch«, hatte man ihr gesagt. Prompt regten sich, unterstützt von der »Wahrheitsdroge« Natrium-Amytal, die _(* Mit Gregory Peck als seelisch ) _(gestörtem Dr. Edwards und Ingrid Bergman ) _(als Psychiaterin Dr. Peterson. ) ersten schemenhaften Bilder von Mißbrauch in Hollys Gedächtnis.

Erinnerungen daran, wie ihr Vater sie vergewaltigte? Nein, vom Psycho-Doktor aufgeschwatzte Einbildungen vielmehr. Das jedenfalls befanden die Geschworenen. 500 000 Dollar müssen die beiden Therapeuten nun dafür zahlen, daß sie mit ihrer Suggestiv-Therapie eine Familie zerstört und Gary Ramona um seinen Job gebracht haben.

Inzwischen stehen in den USA Dutzende von Therapeuten in ähnlichen Prozessen vor Gericht. Vor erst zwei Jahren wurde eine »False Memory Syndrom Foundation« gegründet. Heute hat sie 8000 Mitglieder. Ihr Ziel ist es, die massenweisen Ausgrabungen in verschütteten Gedächtnissen zu stoppen.

Bislang blieb der Boom der Erinnerungsbuddelei weitgehend auf die USA beschränkt. So heftig die öffentlichen Keifereien auch sein mögen, die sich Mißbrauchsopfer mit der Berliner Pädagogin Katharina Rutschky liefern, die die Erinnerungsepidemie für einen Ausdruck von sexualfeindlicher Prüderie hält - gemessen an dem Krieg um die Erinnerung, der in der amerikanischen Psycho-Branche ausgebrochen ist, gleichen sie friedlichem Gedankenaustausch. Um die harmlose Frage »Wie verläßlich ist Erinnerung?« tobt dort an zwei Fronten ein Glaubensstreit: *___Ein ganzer Berufszweig sitzt auf der Anklagebank. Denn ____die Zweifel am Phänomen der Verdrängung erschüttern das ____psychoanalytische Gedankengebäude. »Ein Wendepunkt in ____der Geschichte der Psychotherapie«, urteilt Psychologie ____Heute. *___Zugleich ist Mißbrauch zum politischen Kampfbegriff ____geworden: Feministinnen sehen in der Vergewaltigung ein ____Herrschaftsinstrument, mit dem patriarchalische ____Machtstrukturen zementiert werden. Für ihre Gegner ist ____die Inflation des Mißbrauchsvorwurfs eine moderne Form ____der Hexenverfolgung - mit Rollentausch der ____Geschlechter.

Die einen stützen sich auf eine Studie, bei der 100 Frauen befragt wurden. Als junges Mädchen war jede von ihnen bei einem Arzt gewesen, der einen Mißbrauch diagnostiziert hatte. Dennoch beantworteten 40 Prozent von ihnen 15 Jahre später die Frage, ob sie je mißbraucht worden seien, mit Nein.

Die Gegenfraktion dagegen verweist auf Fälle, in denen sich das Gedächtnis als wahrhaft unerschöpflich beim Erzeugen von Greuelgeschichten erwiesen hat - zum Beispiel im Fall des Polizisten Paul Ingram, der 1988 wegen Mißbrauchs zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

In einem soeben erschienenen Buch rekonstruiert der Journalist Lawrence Wright anhand von Polizeiprotokollen, wie sich das friedliche Provinzstädtchen Olympia im US-Bundesstaat Washington in eine Brutstätte des Satans verwandelte*. Im August 1988 hatte dort eine Predigerin vor 60 jungen Frauen verkündet: »Ich spüre: Eine von Ihnen ist von einem Verwandten vergewaltigt worden.« Ericka Ingram, damals 22, lief schluchzend aus dem Saal.

Drei Monate gärte der Mißbrauchsvorwurf gegen ihren Vater im fundamentalistisch-christlichen Milieu von Olympia. Dann wurde er verhaftet.

Inzwischen glaubten sich auch Erickas vier Jahre jüngere Schwester und Pauls ** Lenore Terr: »Unchained Memories«. Basic _(Books, New York; 382 Seiten; 22 Dollar. ) _(* Lawrence Wright: »Remembering Satan«. ) _(Alfred A. Knopf-Verlag, New York; 208 ) _(Seiten; 22 Dollar. ) Ehefrau Sandy an regelrechte Vergewaltigungsorgien zu erinnern: Fast allabendlich seien Paul und seine Pokerfreunde ins Schlafzimmer der beiden Töchter eingedrungen. Das Entsetzen in Olympia kannte schließlich keine Grenzen mehr, als sich Ericka auch daran erinnern konnte, wie sie in eine Scheune geschleppt worden sei. Im Verlauf blutiger Rituale seien dort 25 Babys ermordet und geopfert worden.

Ungewöhnlich an dem Fall ist, daß der Beschuldigte mit seinen Aussagen den Horror schürte. Erst konnte er sich an gar nichts erinnern. Dann verwirrte er seine ihn verhörenden Polizistenkollegen mit Geständnissen im Konjunktiv: »Ich müßte sie ausgezogen haben. Dann könnte ich ihre Scheide gestreichelt haben.« Nach freundschaftlich ermunterndem Drängen seiner Freunde wurden seine Erinnerungen klarer: Er versank in eine Art von Trance, und wenn er daraus erwachte, präsentierte er geradezu stolz neue detailreiche Schilderungen seiner Vergewaltigungen und Bluttaten.

So grotesk die Eskalation der Vorwürfe in diesem Fall klingt, einzigartig ist sie nicht. In einer Studie im US-Bundesstaat New York gab jeder dritte befragte Psychiater an, schon Patienten behandelt zu haben, die sich an satanische Rituale zu erinnern meinten. Die Beschreibungen ähneln sich: Opferung abgetriebener Föten, zeremonielles Trinken von Blut, immer wieder die rituelle Vergewaltigung von Kindern.

Nicht weniger bizarr sind Erzählungen von sexuellen Übergriffen durch Außerirdische (SPIEGEL 21/1994). Auch Vergewaltigungen im Säuglingsalter oder einem früheren Leben gehören zu den Trophäen besonders eifriger Therapeuten.

Derlei Absurditäten beweisen, daß sich zumindest in einigen Fällen das Gedächtnis in erstaunlicher Weise kneten läßt. Was folgt daraus für Fälle, in denen Menschen von Erinnerungen heimgesucht werden, die im Bereich des Möglichen liegen? Was zum Beispiel für den Fall von George Franklin?

Die amerikanische Psychiaterin Lenore Terr, eine Expertin für die Folgen kindlicher Traumata, schildert in einem ebenfalls kürzlich erschienenen Buch, wie die 28jährige Eileen Franklin-Lipsker im Januar 1989 in die blauen Augen ihrer Tochter Jessica blickte**. Wie sich Jessica plötzlich in Eileens Kindheitsfreundin Susan Nason zu verwandeln schien. Und wie Eileen dabei ins Bewußtsein schoß: Es war ihr Vater gewesen, der Susan vor 20 Jahren vergewaltigt und dann ermordet hatte.

Bald folgten genauere Bilder, Details, weitere Szenen. Eileen erinnerte sich daran, daß sich ihr Vater auch an ihr selbst vergangen hatte, daß er ihr den Mund zuhielt, während ein anderer sie vergewaltigte.

Die Geschworenen glaubten ihr. Die Bilder, die in ihrem Bewußtsein aufgetaucht waren, waren ihnen Beweis genug. George Franklin wurde zu lebenslangem Gefängnis verurteilt.

Die Schätzungen, wie viele Väter in den USA auf ähnliche Weise schon der Fluch der Erinnerung ihrer Töchter getroffen hat, liegen zwischen 25 000 und 50 000. Wie viele von ihnen zu Unrecht?

Das Spektrum der Antworten reicht von »keiner« bis »alle«. Vertreter beider Positionen stützen sich auf Theorien, die anmuten wie Spinnennetze - gesponnen, um den jeweiligen Gegner unausweichlich zum Schuldigen zu machen.

Die Zweifler an der verschütteten Erinnerung können sich auf Sigmund Freud berufen. Schon der Vater der Psychoanalyse konstruierte ein Netz, in dem sich jede Frau verfangen mußte, die mit Erinnerungen an einen Mißbrauch zu ihm kam: Nicht wahre Erlebnisse, nur sexuelle Phantasien manifestierten sich in derlei Vorwürfen, dozierte der Wiener Seelendoktor. Wirklich vergewaltigte Töchter machte Freud so ein zweites Mal zum Opfer.

Ein nicht minder subtiles System psychischer Fußangeln haben die Propagandisten der verschütteten Erinnerung geschaffen. Zunächst grenzen sie mittels einer Symptomliste die Zahl der potentiell mißbrauchten Frauen ein: Depressive, Magersüchtige, Übergewichtige, Ängstliche, Drogen- oder Medikamentenabhängige, Frauen mit dem Gefühl von Unzulänglichkeit, mit Beziehungsstörungen oder mangelndem Selbstwertgefühl. Kurz: fast alle.

Dann ködern sie die Betroffenen mit Heilsversprechen: Jedes seelische Leiden könne gelindert werden, wenn erst die Ursache offenbar sei - vermutlich sexueller Mißbrauch in der Kindheit. Je heftiger sich eine Frau gegen diese Vermutung wehre, desto schlimmer müsse der Mißbrauch gewesen sein.

Tauchen dann die ersten schemenhaften Bilder im Gedächtnis auf, so werden die Konturen in Therapiesitzungen und Selbsthilfegruppen Schritt um Schritt herausgearbeitet. Vor Widersprüchen, so die Doktrin, muß die Mißbrauchte abgeschirmt werden, bis sie sich ihrer Sache sicher ist.

In diesem Labyrinth von Fallstricken ist es extrem schwierig, Wahrheit und Irrtum voneinander zu scheiden. Elisabeth Loftus an der University of Washington in Seattle ist eine von denen, die es seit 20 Jahren versuchen.

Sie bewies, daß sich das Gedächtnis schon von Kleinigkeiten zum Narren halten läßt. Auf die Frage »Haben Sie das Vorfahrtsschild gesehen?« antworteten weit mehr Versuchspersonen mit Ja, als wenn in der Frage »das« durch »ein« ersetzt war. Hatten sich die Probanden aber erst auf eine Antwort festgelegt, waren sie kaum mehr davon zu überzeugen, daß in dem Film, den sie gesehen hatten, gar kein Vorfahrtsschild zu sehen gewesen war.

Nun ist ein Vorfahrtsschild etwas völlig anderes als eine Vergewaltigung. Kaum jemand bestreitet, daß Details eines Erlebnisses oft ungenau erinnert werden. Aber können ganze Geschichten ins Gedächtnis implantiert werden? Selbst so dramatische wie ein jahrelanger Mißbrauch durch den Vater?

Loftus beantwortet auch diese Frage mit Ja. Als Beleg führt sie ein anderes Experiment an: Sie bat einen Kollegen, seinem 14jährigen Bruder zu erzählen, er sei als kleines Kind einmal in einem Kaufhaus verlorengegangen. Zwei Tage später begann der Junge, diese Geschichte weiterzuerzählen, ausgeschmückt mit Details über das Kaufhaus, den Mann, der ihn gefunden habe, und die Panik, die er gehabt habe.

»Natürlich beweist das nicht, daß alle wiedererlangten Erinnerungen falsch sind«, gesteht Loftus. Doch gäben ihre Experimente allen Anlaß, der Erinnerung zu mißtrauen. »Nichts ist weniger verläßlich als das Gedächtnis«, versichert auch der Bremer Hirnforscher Hans Flohr. In drei Phasen könne es manipuliert werden: *___Während der Wahrnehmung: Gelegentlich gelangen schon ____die Eindrücke der Sinnesorgane in verzerrter Form ins ____Großhirn, wo sie dann als Gedächtnis abgelegt werden. *___Während der Aufbewahrung: Gedächtnisinhalte können sich ____verändern, auch ohne daß sie dabei je ins Bewußtsein ____gelangen. *___Beim Abruf: Erinnerungen werden der Situation angepaßt, ____in der sie ins Bewußtsein zurückgerufen werden.

Über einmal gespeicherte Informationen fluten unentwegt neue Sinneseindrücke und Gedanken hinweg, die darin Spuren hinterlassen können (siehe Grafik Seite 163). So mag das Bild eines Bekannten durch ein neuronales Informationsleck in die Erinnerung an ein Fest hineingeraten, bei dem er gar nicht anwesend war; oder zwei Urlaubsreisen überlagern sich, bis sie zu einer einzigen verschmelzen.

Ob in solchen Fällen die Originalversion eines Erlebnisses unwiderruflich überschrieben wird, oder ob die Urfassung in irgendwelchen Hirnarealen aufbewahrt wird, ist strittig. Einigkeit aber herrscht darüber, daß die Erinnerung _(* Hubschrauberschütze mit getötetem ) _(Kameraden im Vietnamkrieg. ) besonders leicht durch Autoritätspersonen beeinflußt werden kann.

In Experimenten zeigte sich, daß es einfacher ist, frei erfundene Geschichten ins Gedächtnis zu implantieren, als wirklich Erlebtes zu manipulieren. So gelang es dem amerikanischen Psychologen Stephen Ceci, Kindern durch hartnäckige Wiederholung einer erfundenen Geschichte die Erinnerung daran aufzuschwatzen, wie sie mit dem Finger in eine Mäusefalle geraten waren. Eigenständig begannen sie schließlich, Geschichten von der Fahrt ins Krankenhaus und dem Verband, den sie bekommen hatten, zusammenzufabulieren.

Als wichtigste Quelle derartiger Phantomerinnerungen gilt der Abrufprozeß. Beim Abrufen von Erinnerungen versucht das Gehirn, Informationen, die in ganz verschiedenen Arealen der Großhirnrinde - etwa der Hör-, Seh- oder Fühlrinde - gespeichert sind, im Bewußtsein zu vereinen.

Regie führen dabei vermutlich Nervenzellen direkt hinter der Stirn. Zumindest können Menschen mit Schäden im Stirnhirn ihre Erinnerungen nicht mehr zuordnen: In wirrer Form generieren sie Erinnerungsfetzen und fügen sie zu absurden Kompositionen zusammen.

Genau darin liegt die Gefahr allzu suggestiver Behandlung: Therapeuten können das Stirnhirn ihrer Patienten überlisten, indem sie diese Erinnertes, Erfundenes und Phantasiertes frei durcheinander assoziieren lassen. Geschürt durch Hypnose und enthemmende Pharmaka, kann das Gehirn schließlich einzelne Fetzen zu Dramen zusammenknüpfen, die der Patient glaubt, wirklich erlebt zu haben.

Nicht immer, warnt der Psychologe Michael Yapko, müssen detailreiche Erinnerungen, selbst wenn sie von schulbuchmäßigen Ängsten begleitet sind, auch zutreffen: Er berichtet von einem Patienten, der mit Depressionen, Wutausbrüchen und Schuldgefühlen zu einem Therapeuten kam. Der diagnostizierte eine schwere posttraumatische Störung: Der Patient, Navigator eines F4-»Phantom«-Flugzeugs, sei in Vietnam abgeschossen worden. 15 Tage lang hätten ihn Vietcongsoldaten in einem Bambuskäfig gefangengehalten, bis er habe fliehen können.

Erst nach seinem Tod sah seine Frau die Armeeakten ein: Ihr Mann war nie in Vietnam gewesen. Y

Die Therapeuten überlisten das Stirnhirn ihrer Patienten

[Grafiktext]

_163_ Speicherung von Erinnerungen im Gehirn

[GrafiktextEnde]

* Mit Gregory Peck als seelisch gestörtem Dr. Edwards und IngridBergman als Psychiaterin Dr. Peterson.** Lenore Terr: »Unchained Memories«. Basic Books, New York; 382Seiten; 22 Dollar. * Lawrence Wright: »Remembering Satan«. Alfred A.Knopf-Verlag, New York; 208 Seiten; 22 Dollar.* Hubschrauberschütze mit getötetem Kameraden im Vietnamkrieg.

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