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AUTOMOBILE Fliegende Brücke

Zum 100-jährigen Jubiläum seiner darbenden Tochtermarke Lancia präsentiert Fiat ein neues Auto. Mit dem Delta HPE soll alles besser werden.
aus DER SPIEGEL 37/2006

Beim besten Willen, diese Stadt taugt nicht für Autos. Streng genommen ist sie ein einziges Aquaplaning.

Dennoch nutzen auch Fahrzeugbauer Venedig zuweilen als Ort feierlicher Besinnung. Zu den diesjährigen Filmfestspielen gesellte sich Italiens Autokonzern Fiat vergangenen Montag mit Feuerwerk und Galadiner in die kulturträchtige Lagunensiedlung.

Anlass war das 100-jährige Jubiläum der Tochtermarke Lancia. Firmenpräsident Luca di Montezemolo sprach von großer Leidenschaft, Vorstandschef Sergio Marchionne vom Geschäft, das nun besser läuft. Fiats neuer Punto verkauft sich gut, die Autosparte schreibt wieder schwarze Zahlen. Und auch die labilen Töchter Alfa Romeo und Lancia sollen bald wieder zu Kräften kommen.

Lancia vor allem durch ein neues Modell, das der Konzern tags darauf im Zentrum der Wasserstadt präsentierte. Auf der Bühne des historischen Opernhauses »La Fenice« drehte sich die Konzeptstudie Delta HPE, Vorläufer eines Serienwagens, der in zwei Jahren marktreif sein soll. Der Name allein erinnert an die letzten Großtaten einer starken Automarke, die - ähnlich wie Alfa Romeo - unter Fiat-Regie arg verkam.

Firmengründer Vincenzo Lancia hatte der Legende nach sein Werktor 1906 mit der Spitzhacke verbreitern müssen, damit das erste Fahrzeug die Produktionsanlage verlassen konnte. Prächtige Automobile trugen fortan den Familiennamen und einen schildförmigen Kühlergrill, der bald zum Markenzeichen wurde.

Der Rennfahrer und Lebemann erlag 1937 einem Herzinfarkt, das Unternehmen wechselte in den Besitz einer zerstrittenen Erbengemeinschaft. Unter diversen Eigentümern (auch der Vatikan hielt zeitweise Anteile) überlebte die Marke als wirtschaftliches Dauerproblem mit traumhaften Produkten. Zu den Lancia-Mythen zählen etwa die Aurelia-Limousinen der fünfziger Jahre, deren Türen sich ohne Mittelsäule zu beiden Seiten öffneten.

Wie viele klangvolle Automarken ging Lancia schließlich ehrenhaft an seiner Technikverliebtheit zugrunde. Fiat kaufte das abgewirtschaftete Unternehmen 1969 zu einer Art Schrottpreis von umgerechnet 17 700 Mark. Unter dem neuen Eigner gewann die Marke zeitweise im Rallyesport neues Profil und holte sich von 1987 bis 1992 sechs Weltmeistertitel in Folge. Das Siegerauto, ein kantiger Kompaktwagen mit der Modellbezeichnung Delta, wurde auch in der handelsüblichen Straßenversion zum Kultgefährt. Mit extremen Fahrleistungen und Allradantrieb zählte der Wagen zu den agilsten Vertretern der Golf-Klasse.

Doch bald verkümmerte Lancia erneut. Fiat hatte inzwischen auch Alfa Romeo erworben und zur Konzern-Sportmarke erklärt (um später auch diese zu vernachlässigen). Lancia sollte als Edel-Ableger zu einem mediterranen Mercedes mutieren - doch die Produkte erfüllten diesen Anspruch nicht. Der Jahresabsatz der Marke sank rapide und liegt derzeit noch bei dürftigen 120 000 Neuwagen, und gut 80 Prozent davon verkauft Lancia in Italien.

All das soll sich nun - ähnlich wie bei Alfa - stark verbessern. Marchionnes Geschäftsplan sieht für das Jahr 2010 einen Verkauf von 300 000 Fahrzeugen für jede der beiden Marken vor.

Für Alfa Romeo lässt die jüngste Modellentwicklung die Prognose realistisch erscheinen. Lancia dagegen stützt sich auf ein verarmtes Produktportfolio. Es wurde seit fünf Jahren nicht mehr nennenswert renoviert. Gänzlich fehlen Modelle in den wichtigen Sektoren der Golf- und der unteren Mittelklasse.

Der neue Delta HPE wird sich mit 4,50 Meter Gesamtlänge zwischen diese beiden Fahrzeuggattungen setzen und so dem gedrungenen Namensvetter vergangener Zeiten überhaupt nicht gleichen. HPE ("High Performance Estate") stand einst für einen zweitürigen Kompakt-Kombi.

Stattdessen schuf Lancia nun einen modischen Komfort-Caravan, der von Motoren mit 120 PS bis zu mehr als 200 PS angetrieben wird und seinen Insassen laut Werkunterlagen »hohe Lebensqualität an Bord« bieten soll. Auf den in Längsrichtung verstellbaren Sitzen im Fond können die hinteren Passagiere »wie im Sessel der Business-Class auf einem Interkontinentalflug« reisen.

Durchweg negiert das Design die martialische Scharfkantigkeit der legendären Delta-Modelle. Das in einem Wellenbogen nach hinten abgleitende Dach, vom Hersteller »fliegende Brücke« genannt, endet wulstartig über einer ungewöhnlich großen, gewölbten Heckscheibe.

Was an alldem ist typisch Lancia? Das Publikum aus Fachjournalisten reagierte zunächst reserviert, als der neue Delta HPE mittels eindrucksvoller Hebetechnik auf der venezianischen Opernbühne erschien. Erst auf die Nachfrage des Markenchefs Olivier François, ob das Auto denn auch schön sei, erhob sich ein höflicher Applaus.

Später bei Wein und Nudeln äußerten sich die Gäste präziser. »Mit ein paar Abstrichen«, knurrte einer der Autotester, »sieht das Ding aus wie ein Opel Astra.«

CHRISTIAN WÜST

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