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PSYCHOLOGIE Floras Erzählungen

Um die »Multiple Persönlichkeitsstörung«, den Psycho-Hit der frühen Neunziger, ist es still geworden. Jetzt wird bekannt: Die 16 Persönlichkeitsabspaltungen im Paradefall »Sybil«, auf den sich die Psycho-Zunft gern berief, waren die Erfindung einer Therapeutin und einer Autorin.
aus DER SPIEGEL 44/1998

Künstlerisch und intellektuell war das Mädchen aus Willow Corners in Wisconsin hoch begabt. Die 31jährige brachte es auf einen IQ von 170 Punkten; unter dem Pseudonym Sybil Isabel Dorsett ging sie in die Medizingeschichte ein, aufgrund einer seltenen Eigenart: Sybil vereinigte in sich eine ganze Fußballmannschaft, Ersatzspieler eingeschlossen - insgesamt 16 verschiedene Persönlichkeiten drängelten sich in ihrer Person.

Jedes dieser Sybil-Ichs hatte einen eigenen Namen, zeigte besondere Vorlieben und Fähigkeiten, sogar verschiedene Arten, zu gehen, sich auszudrücken und zu sprechen. »Peggy« etwa war, wie Sybil zu Protokoll gab, »selbstbewußt« und »begeisterungsfähig«, »Marcia« eher »depressiv« veranlagt, »Vanessa« hingegen »lebhaft«; »Victoria Antoinette Scarleau« schließlich war eine »gütige und elegante Kunstliebhaberin in zartem Mädchenalter«, die mit einer ebenfalls in Sybil beheimateten »Freundin, der Witwe Marion Ludlow«, regelmäßig »Konzerte und Museen besuchte«. Dann waren da noch Mike und Sid, zwei Teenager männlichen Geschlechts, die sich gleichfalls im Körper der jungen Frau aufhielten.

Sybils vielfältige Persönlichkeitsspaltung war von der amerikanischen Psychoanalytikerin Cornelia Wilbur entdeckt worden. Bei ihr war die junge Frau elf Jahre in Behandlung gewesen, zu insgesamt 2354 Sitzungen in Wilburs Praxis an der New Yorker Park Avenue.

Während dieser Zeit machte Wilbur ihre Patientin mit der Autorin Flora Rheta Schreiber bekannt. Die Journalistin, beim Fachblatt »Science Digest« für die Psycho-Berichterstattung zuständig, zeichnete Sybils Geschichte in Romanlänge auf. Das Buch »Sybil« erschien 1973, wurde als »psychologisches Meisterwerk« gerühmt und gelangte in die Bestsellerlisten.

Nun, ein Vierteljahrhundert nach dem Auftritt von Sybil in der internationalen Psycho-Szene, wird klar, daß sie zu Unrecht als herausragendes Beispiel für ein bizarres Krankheitsbild gilt. »Ihr Ruhm in der Psychologiegeschichte« beschränke sich in Wahrheit darauf, die »zentrale Figur im größten Psycho-Skandal des Jahrhunderts« gewesen sein, konstatiert der New Yorker Psychologe Robert Rieber, 66.

Der »Fall Sybil«, so Rieber vorletzten Monat auf der Jahrestagung des amerikanischen Psychologenverbandes in San Francisco, war in Wahrheit ein »hinterlistig eingefädeltes Betrugsmanöver«. Belege dafür hatte Rieber beim Aufräumen seines Büros im John Jay College of Criminal Justice gefunden - in Gestalt von zwei verstaubten Tonbandkassetten. Rieber hatte sie 1972 von Flora Schreiber erhalten, die seinerzeit am John Jay College an Manhattans West Side arbeitete.

Flora, so erinnert sich Rieber an die vor zehn Jahren verstorbene Autorin, habe sich damals verzweifelt bemüht, den gemeinsam mit der Psychiaterin Wilbur verfaßten Bericht über die vielen Persönlichkeiten Sybils in einem wissenschaftlichen Journal zu veröffentlichen. Da mehrere Plazierungsversuche gescheitert waren, versuchte Schreiber nun den Kollegen Rieber einzuspannen, mit dem sie befreundet war.

Flora gab ihm etwa ein Dutzend Tonbandkassetten. Sie enthielten überwiegend Gesprächsprotokolle zwischen Sybil und ihrer Therapeutin, aber auch, wie der jüngste Fund belegt, Unterhaltungen zwischen Therapeutin und Autorin. Schreiber hatte Rieber die Aufnahmen mit dem Hinweis übergeben, daß Rieber sie wahrscheinlich für sein damals laufendes Forschungsprojekt über das Sprechen und das Schweigen von Geisteskranken werde nutzen können.

Doch der New Yorker Gerichtspsychologe durchschaute das Manöver: »Die beiden glaubten, mich würden die therapeutischen Interviews so faszinieren, daß ich mich für eine Veröffentlichung einsetze.«

Er habe danach, erinnert sich Rieber, in die Bänder hineingehört; doch die Aufnahmequalität sei miserabel, das Material deshalb für seine Forschung nicht verwendbar gewesen. Daraufhin habe er die Kassetten achtlos in eine Schublade gelegt und sie »dann ganz einfach vergessen«.

Erst im letzten Jahr, anläßlich einer erneuten Expertendiskussion über den Fall Sybil, fielen dem Psychologielehrer die Tonbänder wieder ein. »Ich begann zu kramen, lange Zeit erfolglos, bis ich vor einigen Monaten zwei der Kassetten fand.« Beim Anhören war Rieber dann »total geschockt« über den Inhalt: Es waren die »bislang wohl wichtigsten Informationen, die den rätselhaften Paradefall der Sybil Isabel Dorsett als ein riesiges Lügengebäude entlarvten«.

Auf den jeweils einstündigen Kassetten unterhalten sich die Therapeutin Wilbur und die Autorin Schreiber über Inhalt, Aufbau und Dramaturgie des geplanten Buches. »Eindeutig« dokumentierten die Gespräche, so Rieber, daß »der berühmteste Fall eines Patienten mit multipler Persönlichkeit eine betrügerische Konstruktion ist«.

Daß Wilburs Klientin Sybil verhaltensgestört war, ist laut Rieber »sehr wahrscheinlich«; eine multiple Persönlichkeit sei sie aber »bestimmt nicht« gewesen. Denn dazu wurde Sybil, wie die Mitschnitte zeigen, einzig durch ihre Therapeutin und ihre Biographin.

Cornelia Wilbur verstand es meisterlich, ihre Patientin zu manipulieren. Sie entlockte Sybil, wie sie auf den Tonbändern Schreiber gegenüber mitteilt, nach Verabreichung eines »Wahrheitsserums« Mitteilungen über einzelne »Persönlichkeiten«. Es war die Therapeutin und nicht die Patientin, die diesen »Persönlichkeiten« Namen gab und sie mit Eigenarten ausschmückte.

Psychiaterin Wilbur suggerierte ihrer Patientin auch jene Schlüsselszene, die laut Sigmund Freud die Seelenlage eines Menschen mehr beeinflussen kann als jedes andere Trauma: Sybil glaubte schließlich fest daran, sie habe als Kind im elterlichen Schlafzimmer übernachtet und ihren Eltern beim Sex zugesehen.

Skrupellos nutzte die Psychiaterin Wilbur ihre Machtposition als Therapeutin aus. Durch suggestive Fragen brachte sie Sybil dazu, sich an nicht existierende Vorkommnisse zu erinnern. So habe Sybil sich, wie das Tonband ausweist, zu der Aussage verleiten lassen, ihre Mutter habe ihr als Kind »Eiswasser in die Blase geleitet und sie gezwungen, in diesem Zustand stehend dem mütterlichen Klavierspiel zuzuhören«.

Sybils erzwungene Erinnerung an das frühkindliche traumatische Ereignis, das in Wahrheit nicht stattgefunden hatte, bringt die beiden Verschwörerinnen bei der Buchplanung auf die Idee, Sybils Mutter müsse als »hinterhältig, schlecht und gemein« geschildert werden.

Um Sybils phantastisch anmutender Multiplizität einen weiteren Kick zu geben, beschließen Wilbur und Schreiber, daß Sybil »ihre Mutter hassen muß, je bitterer, desto besser« (Tonband-Text). Die New Yorker Analytikerin hatte offenbar keine Schwierigkeiten, in Sybil die erwünschten Haßgefühle zu entfachen.

Ein rätselhaftes Krankheitsbild, Sex, Gewalt und Mißbrauch, verwoben in ein psychologisches Gebabbel, so hatten es sich Flora Schreiber und Cornelia Wilbur zurechtgelegt, würde ihnen Ruhm, Anerkennung und viel Geld einbringen. Die Rechnung ging auf.

Zwar war die Beachtung, die Psychologe Rieber und seine Kollegen am College dem 1973 erschienenen Sybil-Buch schenkten, zunächst gering: »Wir hielten es für einen schlecht geschriebenen Roman über eine ausgewiesen hysterische Patientin, aufgeschrieben von einer Leidensgenossin: Wir kannten doch alle unsere hysterische Flora Schreiber.«

Doch das Buch verkaufte sich blendend, und seine Verfilmung 1976 (mit dem damaligen Hollywood-Jungstar Sally Field) setzte eine erstaunliche Entwicklung in Gang: Plötzlich häuften sich die Fälle von Patienten, die sich - wie Sybil - im Besitz mehrerer Persönlichkeiten wähnten.

Das bizarre Syndrom erhielt alsbald die hohen Weihen der Psychologenzunft, es wurde als eigenständige Krankheit namens »Multiple Persönlichkeitsstörung« (MPS) anerkannt. 1990 hatten Amerikas Psychiater bereits bei mehr als 20 000 ihrer Patienten MPS diagnostiziert; die Zahl der unbehandelten Fälle wurde gar auf rund zwei Millionen geschätzt. Auch in Westeuropa tauchte das Krankheitsbild auf. Mitte der neunziger Jahre gab es allein in der Bundesrepublik, so die kühne Hochrechnung der Kasseler Psychologin Michaela Huber, 80 000 Menschen, in deren Köpfen krankmachende Spukgestalten geisterten.

* Mit Sally Field als Sybil (r.) und Joanne Woodward als Therapeutin.

Zu den Bremsern, die in dem neuen Kranheitsbild von Anfang an eher eine

»Renaissance der Hysterie in neuem Gewand« sahen, gehört der Psychologe Hinderk Emrich von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Zwar mag auch Emrich nicht ausschließen, daß einige seiner Patienten das »Vollbild MPS« entwickelt hätten.

Doch: »Die haben wir wahrscheinlich künstlich in diese Krankheit reingetrieben«, resümiert der MHH-Professor. Die Angaben von Therapeuten, es gebe »multiple Patienten«, deren jeweilige Persönlichkeiten von »unterschiedlicher Haut- oder Augenfarbe« seien oder die gar »ein anderes Immunsystem« hätten, hält Emrich für »puren Hokuspokus«.

Schon in seinen Anfangszeiten begann das MPS-Syndrom sich mit anderen der Hysterie verwandten Moden zu verbinden. Auf wundersame Weise erinnerten sich Patienten, die sich wegen Eßstörungen, Depressionen oder anderer Krankheiten in psychologische Behandlung begeben hatten, plötzlich an sexuelle Mißhandlungen in ihrer Kindheit.

Daß diese Menschen über so viele Jahre die häufig als grausam und schmerzensreich geschilderten Torturen ganz einfach vergessen hätten, erklärten Therapeuten mühelos als simple Bewältigungsstrategie: Um mit den traumatischen Erfahrungen fertig werden zu können, hätten sich die betroffenen Kinder, nach dem Motto »Geteiltes Leid ist halbes Leid«, in mehrere Persönlichkeiten aufgespalten, die sich gegenseitig schützten - bis dann, Jahrzehnte später, die Seelenärzte die grausame Erinnerung an vermeintlich sadistische Mütter, gewalttätige Väter und andere sexuell zudringliche Verwandte wieder wachriefen.

MPS avancierte zum quotensicheren Medienthema; noch letzte Woche wartete der Hessische Rundfunk mit einer Radiosendung auf, in der von »schätzungsweise 40 000« betroffenen Frauen und Männern in der Bundesrepublik die Rede war.

Erst recht in amerikanischen TV-Talkshows machten MPS-Patienten die Runde. Oprah Winfrey holte sich Betroffene ins Studio und outete sich später selbst vor der Kamera als Opfer sexueller Mißhandlungen. Soap-Star Roseanne gab Zahl und Namen ihrer Persönlichkeiten preis, unter ihren 21 »anderen« gab es einen »Bambi«, ein zweiter nannte sich »Fucker«. »Wieder und wieder«, notierte die US-Autorin Joan Acocella in einem MPS-kritischen Beitrag für den »New Yorker«, kam die »TV-Botschaft rüber: MPS ist nicht selten; sie ist weit verbreitet«.

In den USA waren neun von zehn Betroffenen, wie die unvermeidlich in Auftrag gegebenen Statistiken belegten, Frauen, fast immer weißer Hautfarbe. Im Durchschnitt war der Patient zum Zeitpunkt der MPS-Diagnose bereits seit sieben Jahren mit Psychologen oder Psychiatern in Kontakt gewesen, 90 Prozent der Probanden litten an Depressionen, nahezu zwei Drittel berichteten über Selbstmordversuche, jeder zweite war medikamentenabhängig.

Wenn die Betroffenen einem der selbsternannten MPS-Experten in die Hände fielen, begann häufig eine Tortur. »Dem Patienten muß es erst mal schlechtergehen, damit es ihm bessergehen kann«, erläuterte eine der Protagonistinnen, die US-Psychiaterin Diane Humenansky aus Minneapolis, das verquere Credo der MPS-Therapeuten.

Humenansky verordnete ihren Patienten massenhaft Medikamente: Valium, Xanax und Ativan gegen die Angst, Prozac

* Zelebriert 1996 in der Nähe von Paris.

und andere Seelenaufheller gegen die Depression. Komplettiert wurde der Cocktail durch Restoril gegen Schlafstörungen. »Wenn man genug Medikamente schluckt«, erinnert sich eine MPS-Patientin, klappe es auch mit dem Gedächtnis: »Ich konnte mich an alles erinnern.«

Problemlos gruben vor allem solche Patienten Jugenderinnerungen aus, die von den Therapeuten leicht zu hypnotisieren waren oder sich während der Psychositzungen selbst in Trance versetzen konnten. Humenansky-Klientin Elizabeth Carlson beispielsweise erinnerte sich - jeweils unter dem Einfluß und auf Wunsch ihrer Therapeutin - an Veranstaltungen einer satanischen Kultgemeinde. Auf dem Altar lag die Nachgeburt eines gerade geborenen Kindes, Männer in Kapuzenroben verspeisten das blutige Gewebe und luden die zur Priesterin des Teufels ernannte Elizabeth Carlson zur Teilnahme an der Mahlzeit ein.

Für die »multiple« Carlson, in deren Körper angeblich mehr als 25 Wesen hausten, wurde die Therapie lebensbedrohend. In Büscheln riß sie sich die Haare aus und schlug ihren Kopf gegen die Wände. »Ich war reif für den Selbstmord«, erinnert sich die Patientin.

Der jungen, zum zweitenmal verheirateten Mutter gelang es durch Glück und Zufälligkeiten, sich dem Einfluß der MPS-Therapeutin zu entwinden. Carlson verklagte Humenansky; ein US-Gericht sprach der Ex-Patientin 2,5 Millionen Dollar Schadensersatz zu.

Fast viermal soviel erstritt eine andere Patientin, Patricia Burgus, für die Unbill, die ihr und ihren zwei Kindern während einer sechsjährigen psychotherapeutischen Behandlungsorgie widerfahren war. Am Rush-Presbyterian-St-Luke''s Hospital in Chicago war die Frau nach der Geburt eines Kindes wegen schwerer Depressionen stationär behandelt worden.

Unter Hypnose und mit anderen Tricks, so erklärte die Patientin später vor Gericht, hätten Klinikärzte ihr Erinnerungen an einen Satanskult entlockt. Zu ihren zwangserinnerten kannibalistischen Erfahrungen gehörte die Episode, daß Burgus'' Ehemann von einem Picknick einen Hamburger mitbrachte, dessen Fleischteile ihr suspekt erschienen. Sie übergab den Klops ihren Therapeuten mit der Bitte, prüfen zu lassen, ob das Fleisch menschlichen Ursprungs sei.

Selbstredend wähnte sich die zur MPS-Patientin beförderte Patricia Burgus von zahlreichen Männern sexuell mißbraucht, das war inzwischen krankheitstypisch. Neu im Burgus-Fall war die Tatsache, daß die Patientin sich angeblich auch daran erinnerte, ihre eigenen Kinder mißbraucht zu haben.

Die Folge: Die beiden Burgus-Söhne, vier und fünf Jahre alt, wurden gleichfalls stationär behandelt. Dieselben Therapeuten, die erfolgreich die Mutter manipuliert hatten, zeigten den beiden Kindern nun Handschellen und Schießprügel, um auch bei ihnen die Erinnerung an vermeintliche mütterliche Mißhandlungen wachzurufen.

Die von Carlson und Burgus erstrittenen Zahlungen in Millionenhöhe stehen beispielhaft für eine Vielzahl ähnlich gelagerter Ansprüche. Zumindest in den USA werden die meisten dieser Verfahren außergerichtlich beigelegt, um noch größeren Imageschaden von der Psychologenzunft abzuwenden.

Gleichzeitig bemühen sich die eingeschworenen MPS-Anhänger, unrühmliche Spuren zu verwischen. Die dabei gewählte Taktik hat sich schon öfter bewährt: Die mit vergangenen Skandalen belasteten Begriffe verschwinden aus Lehrbüchern und Veranstaltungstiteln und werden durch neue Namen ersetzt.

Die Multiple Persönlichkeitsstörung wurde vor einiger Zeit offiziell in »Dissoziative Identitätsstörung« umbenannt.

* Mit Sally Field als Sybil (r.) und Joanne Woodward alsTherapeutin.* Zelebriert 1996 in der Nähe von Paris.

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