Um 38.000 Jahre verschätzt Forscher datieren Alter des Homo sapiens neu

Der moderne Mensch ist offenbar mehr als 233.000 Jahre alt. Das genaue Alter bestimmten nun Vulkanologen, berichtet »Nature«.
Schädel von »Omo 1«, entdeckt in Ägypten

Schädel von »Omo 1«, entdeckt in Ägypten

Foto: Mary Evans / INTERFOTO

Eines der ältesten jemals entdeckten Fossile des Homo sapiens ist »Kibish Omo I«, dessen Überreste 1967 in Ägypten gefunden worden waren. Bislang waren Wissenschaftler von einem Alter von 195.000 Jahren ausgegangen. Dabei ist der Fund wohl rund 38.000 Jahre älter, als bislang vermutet – nämlich 233.000 Jahre.

Die Überreste von Omo I. bestanden nur aus Knochen- und Schädelfragmenten, die sich nur schwer datieren ließen. Geologen hatten 2005 die Gesteinsschicht unter dem Fund analysiert und waren so auf das Alter von 195.000 Jahren gekommen.

»Aber es gab immer noch eine Menge Ungewissheit«, sagt Celine Vidal, Hauptautorin der in »Nature« veröffentlichten Studie. Die Vulkanexpertin an der Universität Cambridge untersuchte deswegen die Ascheschicht, die sich über den Fossilien abgelagert hatte. Mit neuen Methoden brachte ihr Team diese Schicht mit einem großen Ausbruch eines Vulkans namens Shala in Verbindung. Demnach ist die Schicht, in der Omo I. gefunden wurde, rund 233.000 Jahre alt. Es bleibt bei den Erkenntnissen allerdings eine Fehlerspanne von 22.000 Jahren.

»Das ist ein großer Zeitsprung«, kommentiert der Paläoanthropologe Aurelien Mounier die neuen Erkenntnisse. Er fügte hinzu, dass das neue Mindestalter für Omo I. besser mit den jüngsten Theorien zur menschlichen Evolution übereinstimmt.

»Einziges Fossil mit Merkmalen des modernen Menschen«

Auch nähert sich das Alter der Omo-Funde nun dem der ältesten bekannten Überreste eines Homo sapiens an, die 2017 in Marokko entdeckt und auf 300.000 Jahre datiert wurden. Der Fund aus Marokko scheint die lange Zeit anerkannte Theorie zu widerlegen, wonach die »Wiege der Menschheit« in Ostafrika zu finden ist.

Der Paläoanthropologe Mounier hält den Marokko-Fund allerdings für weniger überzeugend: Die Fossilien weisen zwar auf ein modernes Gesicht und ein großes Gehirngehäuse hin, das jedoch eine eher archaische Form hat. »Omo I. ist das einzige Fossil, das alle morphologischen Merkmale des modernen Menschen aufweist«, sagt Mounier.

Omo I . war 1967 von Richard Leakey entdeckt worden. Gemeinsam mit seinem Team fand der Anthropologe die Überreste von zwei Schädeln und Teile der dazugehörigen Skelette in der Nähe von Kibish in Äthiopien. Damals waren die Fossilien anhand des Zerfalls von Uran und Thorium auf ein Alter von 130.000 Jahren datiert worden. Die Forscher hatten dazu Muschelschalen aus einer Felsschicht in unmittelbarer Nähe der Schädel analysiert.

Werkzeuge sind erst 50.000 Jahre alt

Der Geologe Ian McDougall von der Australischen National-Universität in Canberra und seine Kollegen untersuchten Jahrzehnte später Schichten vulkanischer Asche ober- und unterhalb der Sedimente, in denen die beiden Schädel eingebettet waren. Sie bestimmten das Alter der Gesteinsschichten mithilfe einer Technik zur Datierung, die mit dem radioaktiven Zerfall der Elemente Kalium und Argon arbeitet. Eine Schicht vulkanischer Asche 50 Meter oberhalb der Schädel datierten die Wissenschaftler auf ein Alter von 104.000 Jahren. Die Schicht nur drei Meter unterhalb der Fundstätte ist rund 196.000 Jahre alt.

Das Auftauchen des Homo sapiens auf mehr als 200.000 Jahre zurückzudatieren, vergrößert die zeitliche Kluft zwischen den ersten anatomisch modernen Menschen und ersten eindeutigen Anzeichen der Kulturentwicklung. Funde wie Werkzeuge, Nadeln, Knochenschnitzereien oder Malereien tauchen erst vor etwa 50.000 Jahren auf.

Demnach hätte der moderne Homo sapiens mehr als 150.000 Jahre ohne diese kulturellen Errungenschaften gelebt. Es gab also eine große Lücke zwischen dem Auftreten des modernen Skeletts und modernen Verhaltens, erklärten die Forscher damals.

fww/AFP
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