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Genetik Freie Liebe

Alle reden vom Treue-Gen. Zwei amerikanische Psychologen nicht.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Per Pille werde es bald möglich sein, Casanovas in handzahme Ehemänner zu verwandeln, versprach Bild seinen weiblichen Lesern - und schockte die männlichen: »Treuepille: Kein Mann merkt's, wenn die Frau sie ins Essen mischt.«

So machte, nach Intelligenz- und Aggressions-, nach Schizophrenie- und Schwulen-Gen, im August das Treue-Gen die Runde, eine weitere angebliche Neuheit aus dem Genlabor. Der Mann, hieß es, ist von Natur aus untreu. Die Gene treiben ihn in fremde Betten. Arzneien aus dem Genlabor könnten ihn folglich von dieser Unart heilen.

Alles Unfug, verkünden nun die beiden US-Psychologen Niels Waller und Phillip Shaver von der University of California in Davis. Die Gene lassen der Libido freien Lauf, so glauben sie herausgefunden zu haben. Zumindest soweit es nach den Genen geht, könne der Mensch lieben, soviel und so viele er wolle. Waller und Shaver befragten 338 weibliche und 107 männliche Zwillingspaare und ihre jeweiligen Ehepartner nach ihrem Liebesleben. Etwa drei Viertel von ihnen waren eineiige Zwillinge, hatten also identische Erbanlagen, die anderen waren zweieiig, genetisch betrachtet also ganz gewöhnliche Geschwisterpaare.

Die beiden Forscher berufen sich auf eine Theorie des amerikanischen Soziologen John Lee: Demnach gibt es sechs Grundtypen des Liebhabers. In ihren Interviews zergliederten die beiden Psychologen die erotische Biographie ihrer Probanden, um darin die Anteile dieser Urtypen aufzuspüren: des Leidenschaftlichen, des Spielers und des Freundes, des Gemarterten, des Pragmatikers und des Barmherzigen.

Der Leidenschaftliche verliebt sich schnell, heftig und mit Erfolg; der Gemarterte hingegen zermürbt sich in Gram, Zweifel und Eifersucht; der Freund sucht Vertrautheit und Nähe; der Pragmatiker statt dessen Sicherheit, Geld und Sozialprestige; der Barmherzige lebt in der Partnerbeziehung sein Helfersyndrom aus; der Spieler seine Triebe.

Das für die Frage der Vererbung entscheidende Fazit des kalifornischen Forscher-Duos lautet nun: Eineiige Zwillinge lieben oft grundverschieden.

Hinsichtlich ihrer Treue, Dominanz, Leidenschaft oder ihres Selbstbewußtseins in der Partnerschaft ähneln sie einander nicht mehr als jedes andere Geschwisterpaar. Der Einfluß der Erbanlagen auf den Liebesstil sei folglich sehr gering. Viel stärker werde er bestimmt vom Vorbild der Eltern und Freunde, von kulturellen Vorgaben und eigenen Erlebnissen in der Liebe.

Damit ist die neue Untersuchung die erste Zwillingsstudie, die den Einfluß der Umwelt auf den Menschen hoch einschätzt. Bisher hatten gerade die Zwillingsforscher immer wieder den prägenden Einfluß der Gene betont - selbst Eigenschaften wie Intelligenz, Charakter oder Begabungen seien dem Menschen zu großen Anteilen schon in die Wiege gelegt.

Auch einen Erklärungsversuch, warum sich seine Ergebnisse so von denjenigen seiner Kollegen unterscheiden, bietet Waller an: »Intelligenz und Charakter sind möglicherweise Folge vererbter Unterschiede in der Hirnfunktion«, spekuliert er. Liebe hingegen »ist eine soziale Fähigkeit«. Y

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