Verschmutzung der Ozeane Junge Meeresschildkröte schied sechs Tage lang nur Plastik aus

Millionen Tonnen Plastik schwimmen in den Ozeanen. In Australien zeigte der Darminhalt einer Schildkröte auf drastische Weise, was diese Katastrophe für das Leben in den Meeren bedeutet.
Schicksal vieler Meerestiere: Zehn Prozent des Plastikmülls stammen vom Fischfang, behauptet Greenpeace. Gewichtsmäßig, behaupten aktuelle Studien, könnten sogenannte Geisternetze sogar bis zu 50 Prozent ausmachen.

Schicksal vieler Meerestiere: Zehn Prozent des Plastikmülls stammen vom Fischfang, behauptet Greenpeace. Gewichtsmäßig, behaupten aktuelle Studien, könnten sogenannte Geisternetze sogar bis zu 50 Prozent ausmachen.

Foto: Marco Care/ dpa

Die kleine Grüne Meeresschildkröte, die man am Strand von Sydney gefunden hatte, wog nur 127 Gramm, und es ging ihr nicht gut, berichtete Tierpflegerin Sarah Male vom Taronga Zoo der örtlichen Presse . Eine ihrer Flossen fehlte, eine weitere war beschädigt und im Panzer gab es ein Loch. Weil sie ansonsten aber gesund erschien, beschlossen die Pfleger, sie aufzupäppeln, denn viel zu dünn war sie auch noch.

Den Grund dafür erfuhren die Pflegerinnen, kurz nachdem sie begannen, das Jungtier zu füttern. Seine ersten Ausscheidungen waren bunt, teils scharfkantig und beschriftet. Und das blieb sechs Tage lang so. Offensichtlich hatte die junge Schildkröte seit Längerem nichts anderes gefressen als Plastikmüll. Er füllte seinen gesamten Magen-Darm-Trakt.

Das sorgt nun dafür, dass die Geschichte der jungen Schildkröte medial um die Welt geht. Kein Wunder: Plastikmüll ist ein Thema, das zum einen jedes Land der Erde betrifft, zum anderen aber meist abstrakt bleibt. Zahlen reichen oft nicht, das Problem zu erfassen. Selbst dass man sich in Südostasien oft kaum zum Schwimmen ins Wasser wagen kann, weil sich in der Brandung Plastiktüten um Arme und Beine wickeln, wird meist vor allem als ärgerlich-eklige Einschränkung der Urlaubsqualität verbucht.

Deshalb braucht es sinnfällige Bilder: Delfine, Robben oder Seevögel, die sich in Netzresten verwickeln, ersticken oder ertrinken. Fische, deren Mägen mit Tüten gefüllt sind. Buchten voller Plastik, Wellen, in denen der angeschwemmte Müll alles ist, was noch zu sehen ist.

Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Das Plastik, das wir noch wahrnehmen, steht erst am Anfang seiner Reise durch die Nahrungsketten. Sydneys kleine Meeresschildkröte verhungerte fast fressend, weil diese Jungtiere nach allem schnappen, was sich im Wasser bewegt und die richtige Größe zu haben scheint. Belastend wirkt das für die tierische Verdauung nicht verwertbare Plastik aber selbst dann noch, wenn es winzig klein zermahlen und zerfallen ist.

Frisch geschlüpft: Die meisten jungen Schildkröten werden gefressen – das ist natürlich. Dass viele von denen, die ihren Jägern entgehen, an dem sterben, was sie fressen, ist eine menschgemachte Schande

Frisch geschlüpft: Die meisten jungen Schildkröten werden gefressen – das ist natürlich. Dass viele von denen, die ihren Jägern entgehen, an dem sterben, was sie fressen, ist eine menschgemachte Schande

Foto: Fernando Frazão/ dpa

Die Zahlen sind so groß, dass sie abstrakt wirken

Doch wie groß ist das Problem wirklich? Das können auch Experten nur schätzen: Seit 2011 liegt die jährliche Plastikproduktion bei über 300 Millionen Tonnen, aktuell bei rund 370 Millionen. Eine 2017 veröffentlichte Studie  summierte das Gesamtvolumen des seit 1950 produzierten Plastiks auf rund 8,3 Milliarden Tonnen. Über 90 Prozent davon wurden nicht recycelt. Auf Müllhalden oder in der Umwelt liegen für jeden lebenden Menschen zurzeit geschätzt 650 Kilogramm Plastikmüll.

Und im Wasser? Dort schwimmen davon derzeit zwischen 86 und 150 Millionen Tonnen, schätzen aktuelle Studien – vieles davon schon zu mikroskopischen Partikeln zerrieben, die sich von dort aus auf den Weg in die Nahrungsketten machen. Jedes Jahr kommen rund zehn Millionen Tonnen dazu. Sehr viel davon landet in den Ballungsgebieten Asiens, denen eine geregelte Abfallwirtschaft fehlt, vor allem in der Monsunzeit über die Flüsse in den Meeren. Eine weiße Weste haben aber auch wir Europäer keineswegs: Die industrialisierten Länder sind die Hauptkonsumenten von Kunststoffen, und wir exportieren noch immer große Teile des so verursachten Mülls – es ist auch unser Müll, der in den Meeren landet. Auch unsere Flüsse sind nicht frei davon: Täglich, schätzt man, spült allein die Donau rund 4200 Kilogramm Plastik ins Meer .

Eigentlich ein Traumstrand: Müllverwerter suchen am Korle Gono Strand (Ghana) nach Verwertbarem. Für die Touristensaison wird dort regelmäßig Plastik weggeräumt.

Eigentlich ein Traumstrand: Müllverwerter suchen am Korle Gono Strand (Ghana) nach Verwertbarem. Für die Touristensaison wird dort regelmäßig Plastik weggeräumt.

Foto: Christian Thompson/ dpa

Was längst dazu führt, dass auch wir Plastik essen. Rund fünf Gramm pro Woche  durchlaufen den Magen-Darm-Trakt des Durchschnittseuropäers, was zunächst nach wenig klingt. Bei einer Lebenserwartung von 79 Jahren summiert sich das allerdings auf über 20 Kilogramm. Und anders als Sydneys Grüne Meeresschildkröte scheiden wir nicht alles davon wieder aus: Eine kleine, aber bahnbrechende Studie, die auf Blutuntersuchungen von 22 gesunden Europäern beruhte, wies im Frühjahr 2022 erstmals nach, dass bei 77 Prozent der Untersuchten Formen von Mikroplastik oder deren chemische Bausteine den Weg in den Blutkreislauf gefunden hatten. Dass Babys besonders viel Mikroplastik zu sich nehmen, weiß man seit Längerem: Sie bekommen es über die Muttermilch, weit mehr noch aber über Babyfläschchen .

Anders als kleine Grüne Meeresschildkröten verhungern wir nicht wegen dieses Plastikkonsums. Der könnte allerdings andere Gesundheitsrisiken mit sich bringen: Ob der Konsum von Mikroplastik eventuell karzinogen, also krebsauslösend wirken könnte, ist ungeklärt und umstritten. Deutsche Behörden und die WHO geben hier bisher Entwarnung: Eine Anreicherung von Mikro- und Nanoplastik im Körper sei bisher nicht festzustellen. Als gesundheitlich bedenklich gelten dagegen einzelne chemische Bestandteile, die sich aus dem Plastik lösen – und nun im Blut von Menschen nachgewiesen werden konnten.

So oder so bleibt Plastik ein Problem, das sich anhand der Grünen Meeresschildkröte in Sydney zeigen lässt: Gerade in den Meeren bedroht es die Nahrungsketten. Wenn Tiere fressend verhungern, erreicht uns das irgendwann auch an der Spitze der Nahrungskette. Was man dagegen tun könnte: Jeder könnte, wenn er draußen unterwegs ist, ein wenig Müll aufsammeln, regte Tierpflegerin Male an: Das würde schon etwas verändern.

Der Meeresschildkröte geht es inzwischen übrigens besser. 400 Gramm bringt sie nun auf die Waage. Ob und wann sie irgendwann wieder hinaus ins Meer darf, ist noch nicht klar.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.