Forderungen von Fridays-for-Future-Aktivistinnen Frau Merkel, stellen Sie sich endlich der Klimakrise!

Ein Gastbeitrag von Greta Thunberg, Luisa Neubauer, Anuna de Wever van der Heyden und Adélaïde Charlier, Fridays for Future
Die EU muss endlich handeln, Deutschland muss die Initiative ergreifen: Investitionen in fossile Energien müssen beendet, der Ökozid muss unter Strafe gestellt werden. Und wir brauchen verbindliche Obergrenzen für unsere Emissionen.
Klimaprotest in Berlin (Archivbild)

Klimaprotest in Berlin (Archivbild)

Foto: F.Boillot / snapshot-photography / imago images

Morgen, am 20. August, ist der erste Schulstreik fürs Klima genau zwei Jahre her. Seitdem ist viel passiert. Millionen Menschen sind auf die Straße gegangen und haben sich denen angeschlossen, die seit Jahrzehnten für Klimagerechtigkeit kämpfen. Am 28. November 2019 rief das Europäische Parlament den Klima- und Umweltnotstand aus.

Aber in diesen vergangenen zwei Jahren hat die Welt auch über 80 Gigatonnen CO2 ausgestoßen. Und rund um die Welt erleben wir Naturkatastrophen ohne Unterlass: Waldbrände, Hitzewellen, Überschwemmungen, Hurrikane, Stürme. Permafrostböden tauen auf, Gletscher und ganze Ökosysteme kollabieren. Viele Menschen haben ihre Lebensgrundlagen verloren, andere ihr Leben. Und das ist erst der Anfang.

Durch Untätigkeit zwei Jahre verloren

Mittlerweile wird in Führungsetagen weltweit von einer "existenziellen Krise" gesprochen. Die Klimakrise wird auf unzähligen Podien und Gipfeltreffen diskutiert. Es werden umfangreiche Zusagen gemacht und große Reden gehalten. Doch wenn es um konkrete Schritte geht, stellen wir fest, dass wir nach wie vor im Stadium der Verweigerung festhängen. Noch nie ist die Klima- und Umweltkrise als Krise behandelt worden.

Das Gap zwischen dem, was wir tun müssten, und dem, was tatsächlich getan wird, wächst von Minute zu Minute. Erneut haben wir durch politische Untätigkeit zwei entscheidende Jahre verloren.

Kurz vor dem EU-Gipfel im Juli haben wir einen offenen Brief mit Forderungen an die EU  und die internationalen Staats- und Regierungschefs gerichtet. Über 125.000 Menschen haben seitdem unterschrieben. Morgen werden wir uns mit Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen und den Brief, die Forderungen und die Unterschriften übergeben.

Wir werden der Kanzlerin sagen, dass sie sich der Klimakrise stellen muss - vor allem jetzt, da Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft innehat. Europa steht in der historischen Verantwortung zu handeln. Die EU und Großbritannien haben 22 Prozent der kumulierten globalen Emissionen zu verantworten. Nur die USA haben mehr emittiert.

Es ist unmoralisch, dass die Länder, die das Problem am wenigsten verursacht haben, als erste und am schlimmsten darunter leiden. Die EU ist gefragt zu handeln, und zwar jetzt. Dazu hat sie sich durch das Pariser Abkommen verpflichtet.

Der Ökozid muss bestraft werden

Mit unserem Brief fordern wir, dass Investition in und Subventionen für fossile Energien beendet werden. Bereits investierte Gelder abgezogen werden. Der Ökozid  muss ein Straftatbestand des Völkerrechts werden. Wir brauchen eine Politik, die ArbeiternehmerInnen und die Schwächsten der Gesellschaft schützt. Eine Politik, die Demokratie bewahrt und stärkt. Und wir brauchen verbindliche Obergrenzen für die Menge an Emissionen, die künftig jährlich ausgestoßen werden dürfen – basierend auf den besten verfügbaren wissenschaftlichen Standards.

Es ist uns bewusst, dass die Welt kompliziert ist und unsere Forderungen nicht einfach zu erfüllen sind. Vielleicht erscheinen sie einigen unrealistisch. Doch anzunehmen, dass die Menschheit in der Lage wäre, die globale Erhitzung zu überleben, auf die wir aktuell zusteuern, ist um ein Vielfaches unrealistischer. Dasselbe gilt für weitere katastrophale ökologische Folgen, die wir erleben werden, wenn wir so weitermachen wie bisher. Alles wird sich so oder so unweigerlich und grundlegend verändern müssen. Die Frage ist nur: Diktiert die Klimakrise die Bedingungen, oder gestalten wir die Veränderung selbst?

Mit dem Pariser Abkommen haben sich die Staats- und Regierungschefs dieser Welt verpflichtet, den globalen durchschnittlichen Temperaturanstieg auf nicht mehr als 2°C zu reduzieren, wenn möglich auf 1,5°C. Unsere Forderungen zeigen schlicht, was diese Zusage bedeutet. Trotzdem sind sie nur das absolute Minimum dessen, was erforderlich ist, um die Zusagen des Pariser Abkommens wirklich zu halten.

Sollten die politisch Verantwortlichen nicht bereit sein, ihren Worten Taten folgen zu lassen, müssen sie erklären, warum sie das Pariser Abkommen aufgeben, ihre Versprechen brechen und somit die Menschen in den am stärksten betroffenen Gebieten im Stich lassen. Wir erwarten eine Erklärung dafür, warum sie die Chance verstreichen lassen, ihren Kindern eine sichere Zukunft zu ermöglichen. Und warum sie aufgeben, ohne es überhaupt versucht zu haben.

Wir können uns nicht freikaufen

Die Wissenschaft schreibt niemandem vor, was zu tun ist. Sie sammelt und präsentiert lediglich Evidenzen und geprüfte Informationen. Es liegt an uns, die Informationen zu erfassen und eins und eins zusammenzuzählen. Wer den 1,5-Grad-Bericht des Weltklimarats und den Production Gap Report des Umweltprogramms der Vereinten Nationen liest und mit den Selbstverpflichtungen der Staaten unter dem Pariser Abkommen vergleicht, erkennt unweigerlich, dass die ökologischen Krisen innerhalb der heutigen Systeme nicht mehr gelöst werden können. Jedes Kind versteht, dass die gegenwärtige Politik nicht zu den Erkenntnissen der Wissenschaft passt.

Wir müssen die anhaltende Ausbeutung und Zerstörung unserer lebenserhaltenden Systeme beenden und eine vollständig dekarbonisierte Wirtschaft gestalten, in deren Mittelpunkt das Wohlergehen aller Menschen und der natürlichen Umwelten sowie der Schutz von Demokratie stehen.

Wenn wir eine Chance haben wollen, unter 1,5°C Erderwärmung zu bleiben, müssen wir ab sofort unsere Emissionen drastisch senken, sie möglichst schnell auf Null bringen und anschließend negative Emissionen erreichen. Das ist ein Fakt. Da wir bisher keine Maschinen haben, die das für uns übernehmen, müssen wir mit dem arbeiten, was schon heute umsetzbar ist. Das heißt, wir müssen mit manchem aufhören. Das ist auch ein Fakt. Allerdings wollen die meisten Menschen dies nicht akzeptieren. Allein die Vorstellung einer Krise, aus der wir uns weder freikaufen, herausinvestieren noch herausbauen können, scheint eine Art kollektiven, kognitiven Kurzschluss auszulösen.

Diese Mischung aus Ignoranz, Leugnung und Unwissenheit ist der eigentliche Kern des Problems. Stand jetzt können wir so viele Treffen und Klimakonferenzen abhalten, wie wir wollen – sie werden nicht zu den Veränderungen führen, die wir brauchen. Denn die Bereitschaft zum Handeln und die Akzeptanz der Klimakrise sind noch immer nicht in Sicht. Der einzige Weg nach vorn besteht darin, dass wir als Gesellschaft die Krise endlich auch als solche behandeln.

Noch halten wir die Zukunft in unseren eigenen Händen. Aber die Zeit rinnt uns durch die Finger. Noch können wir die schlimmsten Folgen vermeiden. Aber dazu müssen wir uns der Klimakatastrophe stellen und uns vom business as usual verabschieden. Das ist die unbequeme Wahrheit, der wir uns nicht entziehen können.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.