Nils Hansson

Nominierungen als PR-Tricks Und den Nobelpreis bekommt vielleicht...

Nils Hansson
Ein Gastbeitrag von Nils Hansson
Der Friedensnobelpreis gilt als die höchste Auszeichnung überhaupt - sogar die Nominierung ist eine Nachricht wert. Tatsächlich wird jährlich eine große Zahl teilweise absurder Vorschläge eingereicht.
US-Präsident Trump, Russlands Präsident Putin (r., Archivbild): "Es ist selbstverständlich, dass Trump den Nobelpreis erhalten soll" - findet Fox News

US-Präsident Trump, Russlands Präsident Putin (r., Archivbild): "Es ist selbstverständlich, dass Trump den Nobelpreis erhalten soll" - findet Fox News

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KEVIN LAMARQUE/ REUTERS

In der Öffentlichkeit überragt der Nobelpreis alle anderen Symbole von Exzellenz. Keine andere Auszeichnung weltweit kann sich mit dem Nobel-Hype messen. Auch in diesem Jahr ist das Medienecho rund um die Verkündungen in den sechs Preiskategorien Physiologie oder Medizin, Physik, Chemie, Literatur, Frieden und Wirtschaft enorm.

Die Laureaten werden über Nacht zu Superstars: Einige setzen ihre Forscherkarriere umgehend fort, andere engagieren sich verstärkt in tagesaktuellen Fragen außerhalb ihrer Expertise und unterzeichnen Petitionen verschiedenster Art. Lobbyisten wissen: Die Signaturen von Nobelpreisträgern garantieren Schlagzeilen.

In diesem Jahr hat sich ein weiteres absurdes Phänomen offenbart: Etliche Medien berichten nicht nur über die Laureaten, sondern auch über einzelne Nominierungen. So schreiben etwa "New York Times"  und "Huffington Post"  über vermeintliche Friedensnobelpreis-Nominierungen für Donald Trump.

Demnach soll Trump für den "Friedensschritt" zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten oder auch für sein Engagement in Verhandlungen zwischen Kosovo und Serbien vorgeschlagen worden sein. Die Reaktionen auf diese Enthüllung ließen nicht lange auf sich warten: Kayleigh McEnany, Pressesprecherin des Weißen Hauses, nannte die Nominierungen eine "wohlverdiente Anerkennung" für den Präsidenten, und die Journalistin Laura Ingram (Fox News) ging sogar noch einen Schritt weiter: "Es ist selbstverständlich, dass Trump den Nobelpreis erhalten soll." Kurz danach teilten Kommentatoren auch Informationen über Friedensnobelpreis-Nominierungen für Wladimir Putin. Auch er sei mehrmals vorgeschlagen worden, u.a. für seine Aktivitäten im Syrienkonflikt. In beiden Fällen waren (und sind) die Meinungen von Leserinnen und Leser zahlreich und kontrovers, die Kommentarschleifen auf Social Media endlos. Alles nur ein PR-Trick?

Das Auswahlverfahren in den verschiedenen Preiskategorien unterscheiden sich, aber schauen wir uns den Friedensnobelpreis näher an: Sind diese Nominierungen ernst zu nehmen? Wie viel ist eine Nominierung überhaupt wert? 

Nicht wie bei den Oscars

Gerade mit der Analyse von Nobelpreisnominierungen befasst sich ein Projekt an der Universität Düsseldorf. Seit mehreren Jahren erforscht meine Arbeitsgruppe die Archive der jeweiligen Nobelpreiskomitees, in denen Tausende von Nobelpreisnominierungen aufbewahrt werden. Dabei wird der Auswahlprozess hinter den Kulissen näher untersucht. Eine gezielte Analyse der Nobelpreisnominierungen gibt Antworten darauf, wie Originalität und Signifikanz einzelnen Personen zugeschrieben wurden, oder sie als Kandidaten inszeniert werden, die "den größten Nutzen für die Menschheit erbracht" haben sollen - so die Schlüsselformulierung im Testament von Alfred Nobel, das immer noch Dreh- und Angelpunkt in der Juryarbeit ist.

Laut Zahlen der Nobelstiftung wurden für das Jahr 2020 211 Kandidatinnen und Kandidaten und 107 Organisationen für den Friedensnobelpreis  vorgeschlagen. Die relativ hohe Anzahl ist wenig überraschend, wenn man sich die Nominierungseinladungen näher ansieht. Ganz exklusiv sind sie keineswegs: Vorschlagsberechtigt sind in dieser Preiskategorie nämlich eine ganze Reihe von Menschen, darunter nationale Parlamentsabgeordnete und Professoren u.a. in den Fächern Geschichte, Jura, Philosophie, Sozialwissenschaften, Theologie und Religion, sowie frühere Laureaten. Somit sind allein in Deutschland mehrere Tausend Personen vorschlagsberechtigt. Es braucht nicht einmal ein Einladungsschreiben, man kann mit seinem Vorschlag selbst auf die Jury zugehen. Eine Nobelpreisnominierung ist somit keineswegs mit einer Oscar-Academy-Award-Nominierung zu vergleichen, wo wenige Kandidaten um einen Preis mitfiebern. 

Die Motive und Vorgangsweisen hinter einer Nobelnominierung sind vielfältig: Einige Nominatoren bitten möglichst einflussreiche Personen, den Vorschlag zu unterschreiben (Kampagnen dieser Art, in denen sich mehrere Nominatoren zusammenschließen, um einen Kandidaten zu unterstützen, sind keine Rarität), andere nutzen offenbar die Nominierung als Mittel, um sich selbst vor der Preisjury oder den Medien zu inszenieren.

Alle Nominierungen für den Friedensnobelpreis werden dann vom fünfköpfigen Nobelkomitee in Oslo gesichtet, aber nur ein Bruchteil (Shortlist) davon wird einer umfassenden Evaluation unterzogen. Aufschluss über die Entscheidungsprozesse bei der Preisvergabe bieten die Archive der Nobelstiftung, einsehbar jedoch erst fünfzig Jahre nach dem entsprechenden Nominierungsjahr. 

Die Gerüchte haben freien Lauf 

Der Nobelpreis dient weitgehend als eine Art weltliche Heiligsprechung. Wenn wir die Pracht der Nobelpreise untersuchen, können wir die scheinbar unantastbaren Mechanismen erkennen, die zu sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit in der Gesellschaft insgesamt führen. Alfred Nobel legte in seinem Testament fest, dass die Preise an die Besten ihres Fachs vergeben werden sollten, unabhängig von ihrer Nationalität. Die Praxis sieht anders aus. Die absolute Majorität der Preisträger kommt aus den USA oder Europa. Auch beim Geschlechterverhältnis hat sich in den letzten 120 Jahren kaum etwas verändert – die Entscheidungen in diesem Jahr bestätigen als Ausnahme die Regel, als die zwei Wissenschaftlerinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer A. Doudna den Nobelpreis für Chemie erhielten. 

Auch wenn einzelne Nominierungen für Politiker wie Trump und Putin wenig aussagekräftig sind, bieten die Nominierungsmuster über die Zeit hinweg mehr als Klatsch und Tratsch. Sie weisen auf bedeutende Reputationsfaktoren hin, etwa die Konstellation internationaler Unterstützernetzwerke und Rezeptionsgeschichten von Leistungen. Wir werden voraussichtlich erst 2070 mehr über die mögliche Nobelpreiswürdigkeit von Trump und Putin erfahren – wenn die Archive die Akten freigeben und wir überprüfen können, ob sie es auf die Shortlist geschafft haben.

Das Nobelkomitee kann deshalb auch keine Informationen über Nominierungen bestätigen oder dementieren. Die Gerüchte haben freien Lauf: Kandidaten verbreiten Screenshots ihrer Nominierungen auf Twitter, und die Medien verbreiten diese Neuigkeiten nur allzu gern weiter – garantieren solche Artikel doch jede Menge Klicks. Damit machen sie jedoch aus einer Mücke einen Elefanten, denn eine Nominierung für den Friedensnobelpreis ist kein Qualitätsstempel. 

Allerdings lehnen sich jetzt schon ziemlich viele Leute aus dem Fenster mit einer Meinung, die auch ich nicht anzweifeln möchte: Dass die beiden Politiker wohl eher nicht zu den engeren Favoriten in Oslo gehören.

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