Zur Ausgabe
Artikel 71 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

GESUNDHEIT Frische Luft im Pub

Bei der Entscheidung über den Nichtraucherschutz in Deutschland empfiehlt sich ein Blick nach Schottland: Seit genau einem Jahr gilt dort eines der schärfsten Rauchverbote Europas.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Ohne Maureen Moore röche - und röchelte - Schottland anders. Zwölf Jahre lang hat die Chefin von »Ash Scotland« ("Action on Smoking and Health") für ein Rauchverbot in der Öffentlichkeit gekämpft. Mit kaum zwei Dutzend Mitarbeitern hat sie eine mächtige Koalition geschmiedet aus Medizinern und Prominenten, sie hat Abgeordneten und Ministern ins Gewissen geredet, sie hat brutal auf die Tabaklobby eingeschlagen.

Sie hat Morddrohungen bekommen - aber am Ende auch genau das Gesetz, das sie sich gewünscht hat. Aufgrund ihrer Initiative hat das schottische Parlament ein ausgesprochen scharfes Gesetz zum Schutz der Nichtraucher in der Öffentlichkeit beschlossen. In allen Räumen, in denen Menschen arbeiten, darf nicht geraucht werden. Seit dem 26. März 2006 sind die Zigaretten erloschen in Restaurants und Kneipen, in Schulen und Krankenhäusern, sie dürfen nicht einmal mehr glimmen auf den Bühnen des Landes und in den Fahrerkabinen der Lkw.

Schottland ist Nichtraucherzone - und gleichsam eine Art Laboratorium, in dem sich studieren lässt, wie ein radikales Rauchverbot Gesellschaft und Kneipenlandschaft verändert. Bleiben Raucher zu Hause? Machen die Wirte pleite? Rauchen die Kneipengäste heimlich auf dem Klo?

Nach fast genau einem Jahr ohne Rauch stehen in Schottland die Gewinner und die Verlierer der Regelung fest. Die deutschen Ministerpräsidenten täten gut daran, sich mit dem schottischen Modell zu befassen - ehe sie am Donnerstag dieser Woche in Berlin über den Nichtraucherschutz in Deutschland entscheiden. Niedersachsen, Thüringen und Nordrhein-Westfalen möchten sich generellen Rauchverboten nicht anschließen und die Entscheidung stattdessen den Wirten überlassen.

Gewonnen hat in Schottland jene Zweidrittelmehrheit, die nicht raucht und trotzdem allenthalben dem Qualm ausgesetzt war. Die Schadstoffbelastung in den Pubs ist um 86 Prozent gesunken, die Luftqualität entspricht fast der von draußen. Maureen Moore hat viel Post bekommen von Asthmatikern, Menschen mit verschiedenen Leiden und von Ex-Rauchern, die jetzt erstmals seit Jahren Gaststätten betraten und das zurückeroberte Terrain genossen.

Gewonnen haben auch die Kellner und Barkeeper, deren Lungenfunktion sich in Tests schon nach wenigen Monaten merklich verbesserte, während Abbauprodukte von Nikotin langsam aus ihrem Blut verschwanden. Gewonnen haben überdies Restaurantketten wie »Frankie & Benny's« und »Garfunkel's": Weil ihren Kunden das Essen jetzt offenbar besser schmeckt, können sie ein Umsatzwachstum im zweistelligen Prozentbereich verbuchen.

Verloren hat die Zigarettenindustrie - aber nur ein bisschen. Sie hat das weitreichende Rauchverbot erstaunlich gut verkraftet, obwohl sie außerhalb der Verkaufsstellen nirgendwo mehr werben darf. Der schottische Markt, so hat gerade der Tabakkonzern Gallaher ("Benson & Hedges«, »Dunhill") berichtet, habe um drei bis vier Prozent nachgegeben. Auch der britische Marktführer Imperial Tobacco ("Davidoff«, »West") fürchtet sich nicht länger vor einem Rauchverbot, weil dessen Effekt auf den Umsatz klein sei: Nach einem kurzfristigen Einbruch habe der schottische Markt rasch nahezu wieder das Ausgangsniveau erreicht.

Stark verloren haben die Bingo-Spielhallen, wo häufig alleinstehende Damen kettenrauchend ihr Glück auf die Probe stellten. Elf dieser Salons haben in Schottland geschlossen in den vergangenen Monaten; weitere werden folgen, wenn das Rauchverbot bis Juli auch den Rest des Vereinten Königreichs ergreift. Allerdings steckte in diesem Wirtschaftszweig ohnehin nicht mehr viel Leben.

In den Pubs von Schottland ist das Bild ein anderes. Einige der kleinsten Bars, vor allem auf dem Land, haben offenbar verloren. Viele ihrer Kunden trinken und rauchen nun lieber daheim. Dennoch: »Wir haben keine Kenntnis von einer erhöhten Rate von Kneipenschließungen«, sagt eine Sprecherin der schottischen Regierung.

Und wer jetzt durch die Bars von Edinburgh streift und die Wirte spricht, der spürt vor allem eines: weitverbreitete Erleichterung. Viele finden Gefallen an der Atemluft - und die Geschäftsflaute, wie von der Tabakindustrie prophezeit, ist ausgeblieben.

In der Innenstadt liegt das berühmte »Café Royal«, ein Gastro-Pub mit erlesener Küche. Die Stammkundschaft hier rekrutiert sich aus den Angestellten der umliegenden Banken und Kanzleien, die sich nach der Arbeit zum Bier oder Imbiss treffen. Managerin Valerie Graham, eine Nichtraucherin, hat keinen Umsatzeinbruch zu beklagen. Ein paar Raucher kämen nicht mehr so oft, dafür aber äßen hier jetzt ganze Familien, die vorher den Laden nie betreten hätten. »Wer ein gutes Ambiente hat, gute Getränke,

gutes Essen und guten Service, der hat vom Rauchverbot nichts zu befürchten«, resümiert sie.

Doch was ist mit denen, die eben keine Küche haben und kein teures Ambiente? Das »Blind Beggar« ist eine Biker-Bar in einem wüsteren Viertel der Hauptstadt. An den Wänden hängen Motorradteile, auf zerschlissenen Bänken sitzen wilde Kerle und gepiercte Frauen; der Barmann trägt einen Irokesenschnitt in Pink. Die klassische Nichtraucherklientel lässt sich hier nicht blicken.

Trotzdem ist, wie fast überall in Schottland, auch im »Blind Beggar« die Disziplin der Raucher vorbildlich: Sie drehen ihre Kippen selbst und verschwinden einer nach dem anderen zur Nikotinaufnahme vor die Tür, wenn auch mitunter maulend über den Bevormundungsstaat. Lieber würden sie drinnen rauchen, doch sie haben sich damit abgefunden, das nicht zu tun, denn wenn sie erwischt würden, müssten sie 50 Pfund (75 Euro) Strafe zahlen und der Wirt sogar 1000.

Mark Forsyth, Miteigentümer des »Blind Beggar«, raucht selbst zwei Päckchen am Tag an der frischen Luft, und seit dem Rauchverbot raucht er nicht weniger, dafür »dreimal schneller«, vor allem im Winter. Das Rauchverbot, sagt auch er, habe kein Loch gerissen in seinen Umsatz, eher im Gegenteil: Es war für ihn Anlass, sein Angebot zu verbessern. Er hat ein Dartboard aufgehängt, einen Fernseher ("für die Rugby-Fans"), er veranstaltet Live-Musik und Bar-Quiz-Wettbewerbe und verkauft Snacks als orale Ersatzbefriedigung. »Man muss den Leuten was Neues zu tun geben.« Auf diese Weise sei es ihm gelungen, dass seine Stammgäste weiterhin nahezu vollzählig erscheinen.

Forsyth ist sogar, was nicht zu erwarten war, heilfroh über die neuen Regeln. »Früher musste ich hier jeden Morgen Hunderte Kippen auflesen und die Aschenbecher auswischen. Und dauernd musste der Klempner kommen und das Klorohr von Kippen befreien.« Jetzt weiß Forsyth: »Die Raucherei war einfach dreckig.«

Am anderen Ende der Stadt liegt »Kay's Bar«, klein, aber fein, rote Plüschsofas und alte Fässer zur Zierde, ein Etablissement für die solide Mittelklasse. Dave MacKenzie, der Besitzer, hat das Rauchverbot gehasst und so leidenschaftlich dagegen gestritten, »als ginge es um die Menschenrechte«. Aber das Verbot kam, und es dauerte nicht lange, bis er seine Meinung änderte: »Glauben Sie mir, es ist das Beste, was mir als Wirt je passiert ist.« Wenn er nachts nach Hause kommt, beklagt sich seine Frau nicht mehr über den Gestank in seinen Kleidern und Haaren, und er hat keine Halsschmerzen mehr. »Ohne Rauch«, sagt MacKenzie, »ist der Arbeitsplatz sehr viel besser geworden.«

Die neue Ära hielt Überraschungen parat. Als der Qualm abgezogen war, wurde MacKenzie plötzlich gewahr, dass jetzt andere Gerüche den Gastraum prägten, billige Parfums, Körperausdünstungen und leider auch das Männerklo.

Umgehend führte MacKenzie den lange eher vernachlässigten Ort intensiver Pflege zu: »Ich habe eine Spezialfirma mit einer Totalreinigung beauftragt«, sagt er. Außerdem hat er der Kneipe einen neuen Teppich und neue Polster spendiert. Jetzt sind sie fast ein Jahr alt und immer noch ohne Brandlöcher, vor dem Rauchverbot war so etwas schlicht undenkbar.

Nur, dass er jetzt dauernd die Straße fegen muss, das nervt MacKenzie, denn die Raucher unter seinen Gästen benutzen nun den Gehweg als Aschenbecher, obwohl die Stadtverwaltung auch dafür schon 50 Pfund Strafe angedroht hat.

Der Umsatz sei gesunken in den vergangenen zwölf Monaten - nicht dramatisch, aber um »ein paar Prozent«. Doch MacKenzie sorgt sich deswegen nicht: »Mal geht's rauf, mal runter; ich kann nicht sagen, dass das Rauchverbot daran schuld ist.«

Wenn es die Schotten den Wirten freigestellt hätten, ob bei ihnen geraucht werden darf, so hätten sich Forsyth, MacKenzie und wohl auch Managerin Graham auf die Seite der Raucher gestellt. Ansonsten hätten sie fürchten müssen, Kundschaft an Konkurrenten zu verlieren. Ein allgemeines Rauchverbot hingegen schafft für Wirte, Raucher wie Nichtraucher, klare Regeln, mit denen offenbar alle gut zurechtkommen.

Das hat auch die börsennotierte Bar-Kette »Wetherspoon« gelernt. Sie betreibt 650 Pubs in Großbritannien. Vor einiger Zeit hatte sie dem drohenden Rauchverbot mit Furcht entgegengesehen, doch das ist vorbei. 40 Gaststätten hat die Firma in Schottland, und seit dem Rauchverbot ist deren Umsatz gleich um fünf Prozent gestiegen. Verantwortlich dafür war mehr Durst nach Bier - und vor allem mehr Appetit: In der sauberen Luft wollten mehr Leute als zuvor essen.

Maureen Moore unterdes, die Initiatorin des Rauchverbots, gehört paradoxerweise eher zu dessen Verlierern: Sie hat die Schlacht ihres Lebens lustvoll geschlagen, mehr gibt es nicht zu tun, und nun wird sie sich in Kürze ausgekämpft ins Privatleben zurückziehen. Doch sie geht hochdekoriert vom Feld: Prinz Charles hat sie kurz vor Weihnachten im Buckingham Palace mit einem Orden ausgezeichnet.

MARCO EVERS

Zur Ausgabe
Artikel 71 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.