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Gesundheit Fröhlich sterben

Leben Freizeitsportler länger? Nur wenn sie sich schinden, behaupten US-Forscher.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Langläufer leben lange«, glaubte James Fixx, »Marathonläufer«, hoffte er bis zuletzt, »sterben überhaupt nicht.« Die Hoffnung trog: Mitten auf der Rennstrecke kippte der 52jährige Autor der Trimm-Trab-Fibel »The Complete Book of Running« tot ins Geläuf.

Zuhauf teilen auch deutsche Jogging-Enthusiasten Fixx' Schicksal, in manchen Jahren kollabierten schon 120 Freizeitsportler auf der Langstrecke.

Nur bockbeinigen Sportmuffeln dienen diese Unglücklichen als Beweis für den Segen eines geruhsamen Lebenswandels; der stetig wachsenden Trimm-Begeisterung bei europäischen und US-Wohlstandsbürgern tun derlei warnende Beispiele keinen Abbruch.

Zu Hunderttausenden fügen sich konditionssüchtige Bundesbürger dem Kommando durchtrainierter Aerobic-Trainer, andere pumpen Eisen beim »Body shaping« in den chromblitzenden Martersälen der Fitneßstudios. Längst sind die durch die Grünanlagen an Alster, Spree und Isar preschenden Jogger-Kolonnen von besinnlich gestimmten Müßiggängern zur Landplage erklärt worden. Jetzt droht Eskalation:

Nur hartes Ausdauertraining, so verkündeten US-Sportmediziner von der Harvard University in Cambridge im Journal of the American Medical Association, zeige bei den Freizeitathleten lebensverlängernde Wirkung. Gartenarbeit, Spaziergänge oder das Golfspiel gelten der US-Medizinerin I-Min Lee und ihrer Forschertruppe als nur halbherzige Leibesexerzitien: »Das bringt kein zusätzliches Lebensjahr«, meint die Wissenschaftlerin; wer länger leben wolle, kommentierte die New York Times, »muß schwitzen«.

Die Harvard-Forscher hatten das Schicksal von 17 300 gesunden ehemaligen Harvard-Studenten über 20 Jahre verfolgt. In diesem Zeitraum wurde mit einem um 25 Prozent geringeren Todesrisiko belohnt, so ergab sich aus den Recherchen der US-Wissenschaftler, wer regelmäßig 1500 Kilokalorien pro Woche bei kraftzehrendem Training verbrannte. Geeignet sind nach den Befunden der Harvard-Forscher jedoch nur Leibesübungen, die den Stoffwechsel auf das Sechsfache der normalen Werte hochhetzen.

Auf ein verlängertes Erdendasein darf der Trimm-Freund demnach erst bei Wochenleistungen wie 30 Jogging-Kilometern oder drei Stunden Einzeltennis hoffen. »Golfspielen«, witzelt der Kölner Sportmediziner Wildor Hollmann, »ist eine ideale Sportart - jenseits des 90. Lebensjahres.«

Rehabilitiert scheint damit auch die Aerobic-Kommandeuse Jane Fonda, die - Motto: »Suche den Schmerz« - in Büchern und Videos das Turnen bis zur Erschöpfung propagierte.

Unheil droht dagegen den Verweigerern schweißtreibender Körperertüchtigung. Rund 60 Prozent der US-Bürger, klagen amerikanische Gesundheitsexperten, bewegten sich nur noch zwischen Auto, Bett und Kühlschrank; ihnen, so ergaben die Rechenkünste der US-Forscher, drohe das gleiche Sterberisiko wie Rauchern oder um 20 Prozent Übergewichtigen.

Zwar gilt den Medizinern die segensreiche Wirkung der Leibesfron längst als gesichert. Schon 1986 hatte der US-Wissenschaftler Ralph Paffenbarger in einer Studie der Universitäten von Stanford und Harvard einen Zusammenhang zwischen Kraftsport und Lebenserwartung nachgewiesen. Übermenschliche Kasteiung hatte der Stanford-Professor allerdings nicht verlangt.

Lebensverlängernd, so hatten die Mediziner zunächst angenommen, wirke der Wochenverbrauch von 2000 Kilokalorien auch dann, wenn er durch geruhsame Spaziergänge erreicht werde - ein Irrtum, wie Lees Medizinerteam nun erkannte.

»Körperliche Fitneß«, konstatierte die New Yorker Sporttherapeutin Kathleen Viola, »bedeutet tägliches Training - heute Stretching und Krafttraining, morgen Aerobic.« Alles eine Frage »der richtigen Einstellung«, tröstete Paffenbarger verzagende Schlaffis, Gesundheit und langes Leben seien »nicht gottgewollt oder Zufall - du hast es in der Hand«.

Gleichwohl rät auch Sportmediziner Paffenbarger den Trimm-Willigen zum Gesundheits-Check beim Internisten; vor allem bei unerkannten Herzleiden kann das rigorose Trainingsprogramm nach Ansicht der Mediziner lebensgefährlich sein. »Traue keinem über 35«, gilt Hollmann als Maxime. Mindestens 85 Prozent aller verborgenen Herzleiden, meint der Präsident des deutschen Sportärztebundes, könnten bei vorheriger medizinischer Untersuchung entdeckt werden.

Gesunde Menschen dürften sich jedoch nach Belieben stählen, meinen die Mediziner. Bei drohender Erschöpfung, versichern sie, versage als erstes die Skelettmuskulatur, lange bevor der Herzmuskel den Dienst verweigere.

Selbst herztote Jogger wie Fixx wollen die Sportärzte nicht als Indiz für eine Gefahr durch die Trimm-Manie anerkennen: Stets habe bei diesen Pechvögeln vorher ein Kreislaufleiden bestanden, behaupten sie: »Die sind nicht durch den Sport, sondern beim Sport gestorben.«

Auch Winston Churchill, wehrt Sportmediziner Hollmann ab, sei immerhin in seiner Jugend begeisterter Polospieler gewesen; das Churchill-Zitat »no sports« dürfe den Sportmuffeln künftig nicht mehr als Ausrede dienen.

»Nur der sportive Mensch«, verspricht er, »kann im hohen Alter jung und fröhlich sterben.« Y

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