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»Für Geplänkel keine Zeit mehr«

Gibt es ein neues Aids-Virus, das unerkannt in Blutkonserven schlummert? Muß ein HIV-Schutz entwickelt werden, den nicht die Männer, sondern die Frauen kontrollieren? Nur mit unorthodoxen Strategien, so das Fazit des HIV-Kongresses in Amsterdam, läßt sich die dramatisch voranschreitende Seuche Aids eindämmen.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Seit dem 1. Januar 1992 haben sich fast 500 000 Frauen mit dem Aids-Erreger HIV angesteckt. Viele von ihnen werden HIV-infizierte Kinder zur Welt bringen, deren Lebenserwartung oft nicht höher ist als fünf Jahre.«

Mit dieser Mitteilung sorgte Michael Merson, bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verantwortlich für das Global Aids Program, zu Beginn der 8. Internationalen Aids-Konferenz in Amsterdam am Montag letzter Woche, für den ersten Schock.

Jonathan Mann, Präsident der Mammutkonferenz mit 12 500 Teilnehmern aus über 130 Ländern, lieferte den zweiten: Zur Jahrtausendwende, so erklärte er, werde es »in aller Welt wenigstens 38 Millionen, womöglich aber 110 Millionen HIV-infizierte Menschen geben«, die nach derzeitigem Stand der Forschung an Aids erkranken und an der Krankheit sterben werden.

Die bitteren Botschaften der beiden führenden Experten der Aids-Seuche wurden begleitet von Alarmmeldungen, die bereits im Vorfeld der Konferenz für Aufregung gesorgt hatten: *___Amerikanische Mediziner berichteten von Patienten, ____deren Krankheit Aids-ähnlich verlaufen sei, ohne daß ____sie einen der bekannten Erregertypen im Blut hatten - ____ein neues Aids-Virus, das unerkannt in zahllosen ____Blutkonserven schlummert? *___Japanische Forscher referierten über eine besonders ____schnell verlaufende HIV-Infektion, die bereits acht ____Monate nach der Ansteckung zum Vollbild von Aids ____geführt hatte. *___Epidemiologen aus den USA und Europa warnten vor einer ____neu aufflammenden Tuberkolose-Epidemie, die mit den ____gängigen TB-Medikamenten nicht bekämpft werden könne ____und die auch Nicht-HIV-Infizierte bedrohe. ____Ausgangspunkt der TB-Gefahr sind HIV-Infizierte, die in ____zunehmender Zahl an dem durch Tröpfcheninfektionen ____übertragenen Lungenleiden erkranken.

Für einige der alarmierenden Nachrichten konnte im Verlauf der Konferenz zumindest Teilentwarnung gegeben werden. Der aus den USA gemeldete »neue Todesvirus« (Hamburger Abendblatt) stelle »keine neue Gesundheitsgefahr« dar - so das Ergebnis einer im Rahmen der Amsterdamer Tagung eilig einberufenen Ad-hoc-Konferenz von Fachleuten.

Bei dem raschen Brainstorming hatten einige Aids-Experten auch aus anderen Ländern von ähnlichen Fällen berichtet. Sie kamen überein, ihre Patientenkarteien unverzüglich nach weiteren Aids-ähnlichen Fällen zu überprüfen, um möglichst rasch »das Geheimnis zu lüften« (Mann).

Nicht auszuschließen ist, daß die Mediziner bei der Jagd nach dem unbekannten Erreger bislang eine falsche Fährte verfolgt haben. So berichtete der französische HIV-Pionier Luc Montagnier, er habe nicht im Blut, sondern im Urin eines Patienten mit dem mysteriösen Krankheitsbild schließlich den Aids-Erreger entdecken können. Dennoch wollen die Forscher sich weiter bemühen, das »Mystery Syndrome« zweifelsfrei aufzuklären, schon um den Verdacht zu zerstreuen, ein bislang nicht entdecktes Virus bedrohe auf dem Umweg über Blutkonserven möglicherweise _(* »Act up«-Aktionisten in der ) _(Ausstellungshalle des Kongreßzentrums. ) Hundertausende von Blutern und OP-Kandidaten.

Den am Beispiel »neuer Todesvirus« vorexerzierten schnellen wissenschaftlichen Austausch wertete Konferenzchef Mann als »Beginn einer neuen Ära« für künftige Aids-Großkongresse und als Ansatz zu neuen Strategien gegen die Seuche (siehe Interview Seite 174).

Mit dem Bemühen der Organisatoren, die verfeindeten Gruppierungen des Aids-Dramas unter einem Dach zu versammeln, lieferte die Amsterdamer Tagung ein erstes Beispiel für erfolgversprechende Gemeinsamkeiten: Die Lobby des Kongreßzentrums wurde zur »Gay Lounge« erklärt, in der Schwule und Lesben einander helfen konnten; gleich nebenan präsentierte sich die Pharmaindustrie - in ungewohnter Nachbarschaft zu den Informationstheken von Aids-Hilfen und Schwulengruppen, wo Kondome verteilt und praxisnahe Sex-Videos gezeigt wurden.

Und schließlich die kilometerlangen Stellwandgalerien mit neuesten Berichten aus der Aids-Forschung, aber auch mit den Organisationsplänen afrikanischer Frauengruppen, die sich ohne amtliche Hilfe um die Versorgung von HIV-infizierten Aids-Kranken und Aids-Waisen kümmern.

Das in Amsterdam erstmals zustande gekommene Bündnis von Forschern, Anti-Aids-Kämpfern und Aids-Opfern entschärfte das Konfliktpotential, das sich auf bisherigen Aids-Kongressen in heftigen Protestaktionen entladen hatte. Diesmal, elf Jahre nach dem Auftreten der ersten Aids-Fälle, schienen alle Beteiligten der Meinung, daß »wir für Geplänkel, berechtigt oder nicht, keine Zeit mehr haben« - so der amerikanische Seuchenmediziner Martin Iguchi, der in den Drogen- und Schwulenghettos von Newark mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken arbeitet.

»Aids im Jahre zwölf hat nichts von seiner Macht verloren«, erklärte in Amsterdam Thomas Netter von der Global Aids Policy Coalition, einer Forschergruppe, die Epidemiologe Jonathan Mann 1990 an der Harvard University in Boston (US-Staat Massachusetts) gegründet hat: »Die Pandemie ist dynamisch, sie ist schwer zu packen, unbeständig« - und ihre zerstörerische Wirkung hat sich »innerhalb eines Jahrzehnts verhundertfacht": *___Waren 1981 - nach Rückrechnung der Seuchenforscher - ____etwa 100 000 Menschen HIV-infiziert, so belief sich ____ihre Zahl zu Anfang dieses Jahres auf wenigstens 12,9 ____Millionen, darunter 4,7 Millionen Frauen und 1,1 ____Millionen Kinder. 2,5 Millionen Menschen sind der ____Seuche schon erlegen. *___Bislang konnte nirgendwo auf der Welt das Ansteigen der ____Infektionsrate _(* Holländische Homosexuelle mit ) _(Safer-Sex-Informationen. ) gebremst werden. Alle 15 bis 20 Sekunden steckt sich eine Frau oder ein Mann mit dem Erreger an. *___Die anfangs vor allem auf Großstädte beschränkte Seuche ____dringt »mit teilweise erstaunlicher Geschwindigkeit« ____(Netter) auch in ländliche Gegenden und in Gebiete vor, ____die lange Zeit »als sicher« galten. *___Besonders dramatisch ist die Steigerung der ____Infektionsrate bei Frauen; sie stellten 1990 noch einen ____Anteil von 25 Prozent der HIV-Infizierten, mittlerweile ____sind es mehr als 40 Prozent.

»Aids ist überall«, konstatierte WHO-Direktor Merson, »und überall wird die Epidemie mehr und mehr heterosexuell.«

In den vergangenen Jahren war dieser Übertragungsweg vor allem in Ländern wie Uganda, Sambia oder Zaire für die hohen Durchseuchungsraten verantwortlich. Jetzt sorgt er auch in den industrialisierten Ländern für eine steigende Zahl von Ansteckungen.

Das Kondom, neben sexueller Treue bislang das einzige Mittel, die Infektionsketten zu unterbrechen, wird zwar millionenfach in aller Welt verteilt. Doch an seiner regelmäßigen Anwendung bestehen erhebliche Zweifel.

Das Wissen um die Aids-Gefahr, sagte beispielsweise Eka Esu-Williams, Präsidentin der »Gesellschaft Frauen und Aids in Afrika«, helfe »den Frauen wenig, solange sie weder die wirtschaftliche noch die soziale Stellung haben, mit ihren Partnern über sexuelles Verhalten zu verhandeln«.

»Von Männern dominierte Gesellschaftsformen sind eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit«, konstatierte auch Epidemiologe Mann. Sein hauptsächlich auf afrikanische und asiatische Länder gemünztes Verdikt trifft ebenso auf westliche Länder zu, in denen die Kondombenutzung gleichermaßen in die Verantwortung des Mannes fällt.

Einschlägige Befunde lieferte in Amsterdam die Psychologin Anke Ehrhardt: Nur jeder zweite heterosexuell aktive Schüler und Student, so das Ergebnis einer US-Untersuchung, rollt vor dem Akt die Latexhaut über.

Als Ergänzung zum Kondom, forderte deshalb die New Yorker Wissenschaftlerin, müßten Schutzmethoden entwickelt werden, »die vor allem von den Frauen kontrolliert werden können, mit dem Ziel, die Empfängnis und gleichzeitig die Übertragung von Krankheiten zu verhüten«.

Meldungen, daß bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen HIV-Viren begrenzte Fortschritte erzielt worden seien, sorgten in Amsterdam bei manchen Teilnehmern für gedämpften Optimismus. Die in bislang nur kleinen Versuchsreihen getesteten zwölf Varianten von HIV-Vakzine hatten zwar in keinem Fall umfassenden Schutz bewirkt. Dennoch soll von 1995 an mit umfangreichen klinischen Tests in Europa, in den USA sowie in mehreren Entwicklungsländern begonnen werden.

Doch weder diese Ankündigung noch die Nachricht von der baldigen Markteinführung neuer Medikamente, die bei HIV-Infizierten den Ausbruch von Aids hinauszögern können, vermochte das ernüchternde Fazit des 8. Aids-Kongresses aufzuhellen: Die Wissenschaft allein kann die Seuche nicht besiegen.

Nur eine umfassende Änderung im sexuellen Verhalten von Millionen Menschen im geschlechtsaktiven Alter könnte auf den Verlauf der Pandemie nachhaltig einwirken. Ob eine derart einschneidende Verhaltenstherapie auf dem tabu- und triebbesetzten Gebiet der menschlichen Sexualität aber überhaupt machbar wäre, daran zweifeln nicht nur Sexualforscher. Deutsche Unionspolitiker greifen da lieber zu handfesteren Methoden der Seucheneindämmung; sie forderten letzte Woche rigorose Maßnahmen: Heinrich Lummer von der Berliner CDU will - »massenhaft« und mit einem »gewissen Druck« - deutsche Junggesellen, aber auch Tropenreisende nach ihrer Rückkehr zum Aids-Test zwingen.

Lummers Kollege Norbert Geis, rechtspolitischer Sprecher der CDU/ CSU-Fraktion, brachte gar ein »gesetzlich verankertes Sex-Verbot für HIV-Infizierte« in die Aids-Diskussion ein. Geis forderte zudem, alle am Gesundheitsbetrieb Beteiligten, vom Arzt bis zum Krankenhauspatienten, sollten sich künftig einem Zwangs-Aids-Test unterziehen.

Solche Gedankenspiele müßten, wie Sprecher der Deutschen Aids-Hilfe warnten, in einen Überwachungsstaat münden, in welchem die HIV-Infizierten »rigide abgesondert« würden.

Ein Beispiel für solche Art von Eskalation im Krieg gegen die Aids-Seuche lieferte jetzt der südostasiatische Staat Burma. Dort wurden, wie Ende letzter Woche die Menschenrechtsorganisation »Terre des Femmes« berichtete, junge Burmesinnen, die zur Arbeit in thailändischen Bordellen gezwungen worden waren, nach Rückkehr in ihre Heimat auf HIV getestet.

Bei 25 Frauen war das Ergebnis positiv. Die Betroffenen wurden von Sicherheitsbeamten mit Zyankalispritzen getötet.

[Grafiktext]

_173_ AIDS: Übertragungswege d. AIDS-Erregers b. HIV-Infizierten

_____ Erwachsenen

[GrafiktextEnde]

* »Act up«-Aktionisten in der Ausstellungshalle des Kongreßzentrums.* Holländische Homosexuelle mit Safer-Sex-Informationen.

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