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Medizin Funkender Draht

Kommt nach dem Herzschrittmacher der Hirnschrittmacher? Parkinsonkranke und Epileptiker könnten davon profitieren.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Kreischend fraß sich der Bohrer durch die Schädeldecke - »rums, dann war er durch«.

Bei vollem Bewußtsein erlebte der Berliner Rentner Günter Czirr, 70, vor einigen Wochen, wie die Neurochirurgen Bodo-Christian Kern und Thomas Funk vom Berliner Uniklinikum Benjamin Franklin eine bleistiftdicke Öffnung in seinen Schädel frästen und ihm anschließend eine Elektrode ins Zwischenhirn senkten.

Nur die Kopfhaut des ehemaligen Werkzeugmachers hatten die Operateure vor dem Eingriff örtlich betäubt: Czirr sollte nicht spüren, wie sich die dornenartigen Schrauben des Stereotaxie-Rings, in dem sein Kopf steckte, durch die Haut in den Schädelknochen bohrten.

Sechs Stunden dauerte die Operation. Czirr mußte zweimal operiert werden, weil ihm die Ärzte in jede der beiden Hirnhälften eine Elektrode pflanzten. Seither ist er der erste Berliner und einer von etwa zwei Dutzend Deutschen, die mit einem Hirnschrittmacher ("Neurostimulator") durchs Leben gehen. Ein grobschlägiges Zappeln und Zittern seiner Hände ist seit der Operation »deutlich besser geworden«, wie er berichtet.

Über 200 000 deutsche Parkinson-Kranke teilen Czirrs jahrelanges Martyrium. Die Opfer der Schüttellähmung sind beim Fortschreiten der Krankheit immer stärker auf fremde Hilfe angewiesen. Viele schämen sich, im Restaurant nur noch mit Lätzchen essen zu können. Häufig ziehen sie sich ganz aus der Öffentlichkeit zurück.

Andere trifft ein Flatterleiden namens »essentieller Tremor«, über dessen Ursache die Mediziner noch immer rätseln. Opfer dieses Dauerzitterns sind hauptsächlich Männer jenseits der 50. Aber auch drei bis vier Prozent der über 40jährigen leiden bereits an unkontrollierbaren Ausschlägen ihrer Hände. Bei jedem sechsten bis siebten von ihnen schreitet die Krankheit so rapide voran, daß ihnen nur der vorzeitige Ausstieg aus dem Berufsleben bleibt.

Medikamente sind gegen das Zucken und Zappeln der Gliedmaßen häufig wirkungslos. Deshalb greifen Neurochirurgen seit etwa 40 Jahren in vielen Fällen zur Radikaltherapie: Sie verschmoren die für den Tremor verantwortlichen Hirnzellen. Die Folgen des Eingriffs sind unumkehrbar; das Risiko, daß zuviel graue Masse »verkocht«, ist relativ hoch: Bei etwa acht Prozent der Behandelten, so die Erfahrungen französischer Neurochirurgen, kommt es nach der Operation zu unerwünschten Ausfallerscheinungen unterschiedlichster Art.

Mit dem neuartigen Hirnschrittmacher könnte das Leiden der Zitterkranken auf elegante Weise gelindert werden. Ein unter die Haut verlegtes Kabel verbindet die Elektrode im Kopf mit einem batteriegetriebenen Impulsgeber, der in einer Hauttasche oberhalb der Brust sitzt. Der Schrittmacher sendet Strom zwischen 130 und 180 Hertz in die Elektrodenspitze - Strom, der »schneller ist, als die Hirnzellen nachladen können«, wie es die Berliner Neurochirurgen erklären.

Ergebnis: Die oszillierenden Störzellen bleiben durch das elektrische Feld gelähmt, das Zittern in den Extremitäten wird schwächer oder verschwindet ganz.

Auch der stereotaktische Eingriff selbst birgt für die Patienten keine große Gefahr. Durch ständige Röntgenkontrolle läßt sich die Elektrodenspitze auf den Millimeter genau ins Zielgebiet dirigieren, in dem die Chirurgen das Nervengeflacker vermuten. Die Blutgefäße im Gehirn werden zu diesem Zweck mit einer stumpfen Sonde zur Seite geschoben. Die grauen Zellen weichen vor dem Fremdkörper wie Algen im Wasser auseinander.

Die Feinanpassung der Elektrode findet direkt während der Operation statt: Der Chirurg verändert die Lage des einen Millimeter dicken Drahtes im Zwischenhirn so lange, bis der Patient - oft zum erstenmal seit Jahren - ein Glas Wasser wieder ruhig halten kann. Ausschließlich zu diesem Zweck müssen die Operationskandidaten auf die sonst übliche Vollnarkose verzichten.

»Wie auf Knopfdruck« läßt sich bei der Implantation das Zappeln mitunter abstellen, wie amerikanische Experten berichten. Versagt der Eingriff und bleibt der Erfolg auch nach mehreren Tagen aus, läßt sich der Draht wie ein Spargel wieder herausziehen.

In Deutschland wird die von französischen Neurochirurgen entwickelte Schrittmacher-Technik ("deep brain stimulation") bisher nur an den Universitätskliniken in Homburg/Saar, Heidelberg und Berlin praktiziert. Die Krankenkassen begegnen der Innovation reserviert: Die rund 15 000 Mark für Implantat und Operation bezahlen sie bisher nur in Ausnahmefällen. Dennoch wollen die Berliner Neurochirurgen die Stimulationsmethode demnächst auch bei Epilepsiekranken testen.

»Ich bin lieber der erste als der hundertste«, hatte Czirr seine Rolle als Berliner Pionier nach den beiden Operationen und zwei weiteren, bei denen die Drähte »unter Putz gelegt« wurden, noch wacker kommentiert.

Inzwischen ist seine Freude ein wenig getrübt: Seit der Draht in seinem Zwischenhirn funkt, ist seine Sprechweise etwas schleppend geworden; er hat das Gefühl, als säße ihm ein »Kloß im Hals«.

An der geringfügigen Nebenwirkung hat sich bisher auch nachts nichts geändert - wenn Czirr die Maschine in seiner Brust ausschaltet, um die Batterie zu schonen.

* Am Berliner Uniklinikum Benjamin Franklin.

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