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Funkkamera statt Häubchen

Mobile Helferinnen sollen Landärzten die Hausbesuche abnehmen. Nur langsam schwindet in den Standesverbänden die Angst, die Fachkräfte könnten den Arzt ablösen - wie einst DDR-»Schwester Agnes«. VON JOCHEN BÖLSCHE
Von Jochen Bölsche
aus SPIEGEL Wissen 2/2009

Von einem Monster attackiert wähnten sich Deutschlands Weißkittel. Beim Bayerischen Ärztetag 2007 schlugen sie Alarm - sie fürchteten einen »Generalangriff auf den Arztberuf«, angeführt von Gesundheitspolitikern in den neuen Bundesländern.

Das »Schreckgespenst«, das laut »Süddeutscher Zeitung« viele Mediziner »unruhig schlafen« ließ, trug einen biederen Namen: Agnes. Von einem gleichnamigen Modellprojekt drohe, so wetterten die Funktionäre, Gefahr für ihren Stand: die Übertragung von ärztlichen Kompetenzen auf Nichtärzte.

Has die Mediziner-Lobby im Westen schreckte, löste im Osten Jubel aus. »Agnes, die Gemeindeschwester, kommt wieder«, frohlockte das »Neue Deutschland«. Auch »Super Illu« schwärmte von den mehr als 5000 DDR-Gemeindeschwestern, die einst Kranken und Hilfsbedürftigen beigestanden hatten und deren Beruf der Wiedervereinigung zum Opfer fiel: »Jetzt sind sie wieder da - erst als Modellversuch und bald wohl als ständige Einrichtung.«

Dazu zeigten die Zeitungen Bilder aus dem populären Defa-Film »Schwester Agnes«, die das DDR-Fernsehen in den Siebzigern ausgestrahlt hatte. Als Titelheldin kurvte da eine Frau mit Herz und Schnauze, dargestellt von Agnes Kraus, auf einem beigefarbenen »Schwalbe«-Roller von Hausbesuch zu Hausbesuch, um Verzweifelten Trost zu spenden und Bettlägerige zu versorgen - und auf diese Weise den krassen Ärztemangel abzufedern, den die Flucht Abertausender Akademiker aus dem Arbeiter-und-Bauern-Staat hinterlassen hatte.

Ein Dritteljahrhundert später mangelt es im Osten weiterhin an Landärzten, und wieder gilt es eine enorme Lücke zu füllen. Das Konzept, das zu diesem Zweck in Mecklenburg-Vorpommern entwickelt worden ist, weist allerdings - anders als viele Westärzte zunächst befürchteten - »keine strukturellen Gemeinsamkeiten mit der Gemeindeschwester aus DDR-Zeiten« auf, so der Ideengeber, Professor Wolfgang Hoffmann vom Institut für »Community Medicine« der Universität Greifswald.

Denn anders als die weitgehend selbständig agierenden DDR-Gemeindeschwestern werden deren Nachfolgerinnen - zumeist speziell fortgebildete Arzthelferinnen und Krankenschwestern - nur auf Weisung und im Auftrag niedergelassener Ärzte tätig. Die per Handy und Funk-Laptop gleichsam ferngesteuerten Mitarbeiterinnen sollen, so das Konzept, die Ärzte entlasten, aber nicht ersetzen - kein Anlass zur Panik für Standesvertreter, aber auch kein Grund zum Triumph für Ostalgiker.

Medizinforscher und -politiker sind allerdings keineswegs schuldlos daran, dass das Modell im Westen so viele unbegründete Ängste und im Osten so viel falsche Erinnerungsseligkeit geweckt hat. Denn um sicherzustellen, dass das Projekt zur Arztunterstützung in den neuen Ländern akzeptiert wird, haben die Erfinder gezielt eine Bezeichnung gewählt, die bei den Patienten positive Assoziationen an den einstigen TV-Star Agnes auslösen sollte.

Zu diesem Zweck bedienten sich die Gesundheitsstrategen eines sogenannten Apronyms - eines jener sprechenden Kürzel, die ein bereits existierendes Wort ergeben und vor allem in den USA gang und gäbe sind. So erhielt unter George W. Bush das übelste Gesetz zur Einschränkung von Bürgerrechten seinen sperrigen Namen ("Uniting and Strengthening America by Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism") ausschließlich deshalb, weil er zu USA PATRIOT verkürzt werden kann.

Zu einer ähnlich ambitionierten Namensgebung kam es im Schweriner Gesundheitsministerium, als die Beamten im Referat 300 ("Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik") so lange über einen Titel für ihr neues Konzept zur medizinischen Versorgung nachdachten, bis sie endlich eine Bezeichnung ausgetüftelt hatten, die sich zu Agnes abkürzen ließ.

Wofür dieses Apronym ursprünglich stehen sollte, weiß Referatsleiterin Sibylle Scriba heute nicht mehr exakt zu sagen. Das Schluss-S, erinnert sie sich noch, habe »Schwester« bedeutet. Doch das schöne deutsche Wort sei den Experten vom Institut für »Community Medicine« wohl als »zu bieder« erschienen: »Die haben das dann anglisiert.«

Herausgekommen ist am Ende das Namensmonster »Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Health-gestützte, Systemische Intervention«. Dass dessen Kurzform AGnES an den einstigen Arztersatz mit Häubchen und Schwalbe erinnert, sei zwar »etwas zweischneidig«, räumt Referatsleiterin Scriba ein. Aber es habe schließlich eines griffigen Namens bedurft. Und um sich vom DDR-System abzusetzen, habe man »bewusst eine andere Schreibweise gewählt« - eben AGnES und nicht Agnes.

Daneben wurden in den letzten Jahren im Osten diverse andere Modelle zur Arztunterstützung erprobt; die Helferinnen hießen mal »Hausärztliche Betreuungsassistentin« (Sachsen), mal »Mobile Praxisassistentin/ MoPra« (Sachsen-Anhalt), mal »Telegesundheitsschwester« (Mecklenburg-Vorpommern). Doch im Volk und in den Medien rangierten sie bald alle unter dem vertrauten Namen Agnes - was, so die Greifswalder AGnES-Koordinatorin Neeltje van den Berg, »sehr zur Akzeptanz bei den Patienten beigetragen« hat.

In den Augen der Kritiker jedoch blieb mit dem Namen aus DDR-Zeiten auch der Verdacht an dem Projekt hängen, die Schwestern sollten auf Dauer die Ärzte ablösen - und womöglich auch noch den Pflegediensten Konkurrenz machen. Entsprechend harsch urteilten die Interessenverbände. »Abzulehnen« sei das AGnES-Konzept, protestierte der Deutsche Pflegerat. Und der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Sachsen-Anhalt, Andreas Petri, schimpfte: »Gemeindeschwestern sind überflüssig wie Schwimmwesten aus Beton.«

Doch seit dem Start des Modellprojekts haben Landflucht, Überalterung und Medizinermangel im Osten weiter zugenommen - weshalb die ohnehin stark überlasteten Landärzte immer größere Gebiete betreuen und immer weitere Wege fahren müssen, um die immobilen und häufig allein lebenden Alten aufzusuchen.

»Bisher verbringen die Hausärzte 10 bis 15 Prozent ihrer Arbeitszeit im Auto«, sagt der Greifswalder Projektbegleiter Hoffmann. Genau hier könnten mobile Schwestern die Mediziner entlasten - wie etwa die Hausärztin Anne Lore Bahr im brandenburgischen Lübbenau, die ohne solchen Beistand »die Besuche nicht bewältigen« könnte. Und schon gar nicht hätte sie zusätzlich auch noch Patienten ehemaliger Kollegen mitversorgen können, die nach und nach in Rente gegangen sind.

Mit einer Verbesserung der Lage auf dem Lande ist nicht zu rechnen, im Gegenteil. Der Fortzug der Jüngeren führt dort zu weit überdurchschnittlicher Überalterung - mit der Folge, dass die Ärzte immer mehr zu tun bekommen.

»Nur ein Drittel der 40- bis 54-Jährigen hat keine chronische Krankheit, in der Altersklasse der 55- bis 69-Jährigen sind nur noch 14 Prozent gesund und bei den 70- bis 84-Jährigen nur 7 Prozent«, meldet die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Ausgerechnet im ländlichen Raum aber, wo sich die demografischen Probleme ballen, mangelt es zunehmend an Ärzten: Binnen zehn Jahren werden etwa in Mecklenburg-Vorpommern 450 Landärzte fehlen, in Niedersachsen sogar über 1000.

Junge Mediziner seien nun mal »lieber arbeitslos in Berlin als Chefarzt in Ueckermünde«, klagt die Ärztin Sabine Meinhold, die unweit der polnischen Grenze praktiziert. Sie ist heilfroh, dass ihr Kerstin Berndt, eine der im Modellversuch eingesetzten AGnES-Kräfte, viele Hausbesuche in den abgelegenen Dörfern am Stettiner Haff abgenommen hat.

Schwester Kerstin und 37 Kolleginnen haben während des Probelaufs, der von den Greifswalder Forschern wissenschaftlich begleitet wurde und im Dezember vorigen Jahres endete, insgesamt mehr als 11 000 Hausbesuche absolviert. Von den 53 Ärzten, in deren Auftrag sie tätig waren, sowie von den rund 1400 Patienten erhielten sie nur gute Noten: 90 Prozent der teilnehmenden Hausärzte schätzten sie als Entlastung, 99 Prozent der Kranken sahen in ihnen kompetente Ansprechpartnerinnen.

Die Projekt-Patienten waren im Schnitt 79 Jahre alt, litten an jeweils sechs Krankheiten und lebten häufig allein. Den Besuch der Schwester sehnten viele geradezu herbei. Denn die Fachkraft darf, wenn der Arzt die Diagnose gestellt und eine Therapie verordnet hat, nicht nur Spritzen verabreichen und den Blutdruck messen. Die Schwester achtet auch auf Stolperfallen im Haushalt, entsorgt abgelaufene Arzneimittel - und hat mehr Zeit für einen Plausch als ein Arzt mit überfülltem Wartezimmer.

Spätestens als der Greifswalder Projektleiter Hoffmann voriges Jahr die positiven Resultate publik machte und auch noch anmerkte, dass es bei AGnES-Patienten zu dauerhaften Blutdrucksenkungen gekommen sei, bröckelte die Ablehnungsfront der Ärzte-Lobby.

Als die Verbände schließlich auch noch sichergestellt sahen, dass die AGnES-Einsätze auf unterversorgte Regionen beschränkt bleiben und ärztlicher Verantwortung obliegen, stand einer Aufnahme in die sogenannte Regelversorgung nichts mehr im Weg. Im März vereinbarten Krankenkassen und Kassenärzte, wie viel Geld für die Delegation eines Hausbesuchs an eine speziell geschulte Fachangestellte berechnet werden darf: 17 Euro pro erstmals aufgesuchten Patienten und 12,50 Euro für einen Folgebesuch.

Einer Ausdehnung AGnES-ähnlicher Modelle auf unterversorgte Regionen auch im Westen steht nun nichts mehr im Wege. Bauminister Wolfgang Tiefensee, der als Ostbeauftragter der Bundesregierung die Entwicklung des Projekts angestoßen hatte, lobt die neuen Länder als soziales Testlabor: Sie hätten bewiesen, so der SPD-Politiker, »dass sie aus eigener Kraft Strukturprobleme beispielhaft für die ganze Bundesrepublik bewältigen können«.

Das Beispiel beginnt in den alten Bundesländern Schule zu machen. An der Nordseeküste unterstützt Niedersachsens Gesundheitsministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) ein erstes Modellprojekt, das von den Greifswalder AGnES-Erfindern begleitet wird und Erfahrungen mit »aufsuchenden Hilfen von qualifiziertem, nicht ärztlichem Praxispersonal« sammeln soll.

Die Greifswalder Wissenschaftler sind zudem dabei, ein Curriculum für die Fortbildung von Schwestern und Arzthelferinnen zur »Community Medicine (CM-)Nurse« zu entwickeln, die, so Professor Hoffmann, bei ihren Hausbesuchen auch verstärkt »Telemonitoring, Telediagnostik, Telekonsultation, Telemanagement« nutzen soll.

»Durch eine computergestützte Video- und Audioverbindung sind die zukünftigen ,CM-Nurses' jederzeit in der Lage, bei einer medizinischen Notwendigkeit den verantwortlichen Hausarzt hinzuzuziehen und zum Beispiel Werte wie Blutdruck und EKG im Verlauf der Konsultation zu übermitteln«, beschreibt der Wissenschaftler die mögliche Zukunft der Patientenversorgung auf dem Lande. Die Telemedizin trage so dazu bei, dass der Hausarzt auch ohne häufige Hausbesuche seiner Überwachungspflicht nachkommen kann.

Damit die Nurse eines Tages nicht doch noch den Doktor ersetzt, legten die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Bundesärztekammer Wert darauf, dass den Besuchsschwestern alle Tätigkeiten untersagt werden, die »für Patienten mit akuten, für die Fachkraft unter Umständen nicht beherrschbaren Gefahren verbunden« sind. Zudem dürfe die CM-Nurse nur eingesetzt werden, »wenn der Arzt den jeweiligen Patienten zunächst selbst besucht oder in seiner Praxis gesehen und eingehend untersucht hat«.

Weil das nun gewährleistet scheint, droht kaum mehr Widerstand. Das durch die Agnes-Reminiszenzen heraufbeschworene Gespenst einer Rückkehr der DDR-Medizin hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. Schwester Agnes, so das Fachorgan »Ärztliche Praxis«, »gilt vielen Ärzten inzwischen nicht mehr als Dämon - solange sie nur arztentlastend und nicht -ersetzend wirkt«.

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