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PSEUDOMEDIZIN Galilei aus Gelsenkirchen

Ein Professor behandelt neurodermitiskranke Kinder mit einer Mischung aus Diät und Psychokursen. Experten warnen, die Methode sei nicht nur nutzlos, sondern auch riskant.
aus DER SPIEGEL 10/2005

Wir ändern Weltbilder«, verkündet Ernst August Stemmann den gespanntlauschenden Eltern in der Kinderklinik Gelsenkirchen. »Sie lernen hier,wie Menschen funktionieren.«

Vier Mütter und ein Vater bilden sein Publikum, und noch gucken sieetwas skeptisch drein. Doch Stemmann ist sich seiner Sache sicher: »Esist mir verboten zu lügen. Ich habe seit Jahrzehnten nicht gelogen.«Dann kommt er zu jenem Kernsatz, der die verzweifelten Eltern hierhergelockt hat: »Neurodermitis ist heilbar.«

Stemmann ist Leitender Arzt der Umweltabteilung der GelsenkirchenerKlinik, bis letztes Jahr war er Ärztlicher Direktor. Er trägt einenProfessorentitel der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und einegroße Wut auf die Wissenschaft im Herzen. »Die haben versucht, mich zuvernichten«, erzählt er empört.

Stemmann behandelt vor allem Kinder mit schwerer Neurodermitis, undzwar nach dem »Gelsenkirchener Behandlungsverfahren«. Entwickelt hatder Professor diese Methode höchstpersönlich, und er ist sich sicher:Sie wird die Medizin revolutionieren. Deshalb scheut er sich nicht,seinen Namen in einem Atemzug mit dem Galileo Galileis zu nennen.

Neurodermitis ist eine Krankheit, die oft noch vor dem erstenGeburtstag ausbricht. Schon Babys scheuern sich den juckenden Rückenauf dem Wickeltisch wund. Sobald sie gelernt haben, ihre Händeeinzusetzen, kratzen sie sich Arme und Beine blutig.

Bei der Neurodermitis richtet sich das Immunsystem gegen die eigeneHaut. Die genauen Ursachen sind unbekannt; sicher aber ist, dass Geneeine wichtige Rolle spielen. Solange die Krankheit andauert, lassensich nur die Symptome behandeln, etwa mit Kortison. Das ist der Standder Wissenschaft.

Stemmann behauptet, weit darüber hinaus zu sein. Nach eigenerAussage behandelt er jährlich 2000 Patienten - hinsichtlich der PR mitgroßem Erfolg: Regelmäßig wird er von der lokalen Presse lobenderwähnt. Sogar NRW-Gesundheitsministerin Birgit Fischer (SPD) hat seinKonzept schon empfohlen.

Auch einen Selbsthilfeverband gibt es, der sich für die Verbreitungseiner Methode einsetzt. Erster Vorsitzender ist Ulrich Neumann,Regionaldirektor der AOK. Dessen Krankenkasse übernimmt die Kosten fürdie Therapie routinemäßig.

Doch Fachmediziner sind entsetzt, sie warnen vor gefährlicherQuacksalberei. Der Hamburger Kinderarzt und Dermatologe Peter Högeretwa warnt vor Stemmanns Ansatz: »Das ist okkulte Medizin.«

Die Theorie des selbsternannten Revolutionärs: ChronischeKrankheiten wie die Neurodermitis werden grundsätzlich durch Stressausgelöst. Alle anderen Faktoren - ganz gleich ob Gene, Viren oderGiftstoffe - sind von nachrangiger Bedeutung.

Neurodermitis sei deshalb »nicht als eine Hauterkrankung zubetrachten«, doziert Stemmann in einer Broschüre desSelbsthilfevereins. Es handle sich um eine psychische Erkrankung:»Minutiöse Analysen haben ergeben, dass dem erstmaligen Auftreten einerNeurodermitis meist ein traumatisches

Trennungsereignis vorausgegangen ist«, schreibt Stemmann in derFebruarausgabe der Zeitschrift »Naturarzt«. Als Trauma muss dabeiwahlweise die Geburt, das Abstillen oder das Weggehen der Mutter imfalschen Augenblick herhalten.

Stemmanns Schlussfolgerung: Nur der Patient selbst kann seineKrankheit heilen. Zwei Maßnahmen sollen ihm dabei helfen: einekomplizierte Diät und ein »Trennungstraining«, bei dem die Mutter übensoll, ihrem Kind fern zu bleiben, selbst wenn dieses schreit.

Seit mehr als 20 Jahren schon praktiziert Stemmann unbehelligt seineForm der Behandlung - und dies, obwohl sie unter Kollegen nicht nur alsnutzlos, sondern auch als gefährlich gilt. »Stemmanns Theorien sindwissenschaftlich eindeutig widerlegt«, erklärt Uwe Schauer von derUniversitätskinderklinik Bochum. »Zwar ist richtig, dass mit derNeurodermitis psychische Probleme bei Kindern und Eltern auftreten; dieKrankheit wird aber nicht durch diese ausgelöst.«

Vor allem vor der Gelsenkirchener Diät warnen die Fachärzte. »Dieist Unsinn. Nahrungsmittelallergien spielen nur bei einem Drittel derKinder eine Rolle, die Rundumschlagsdiät selbst ist das Gefährliche«,sagt Dermatologe Höger. Stemmann bestreitet, dass es je zu Problemengekommen sei. Höger dagegen erklärt, er habe Kinder behandelt, »die alsFolge dieser Diät unterernährt und in ihrer Entwicklung deutlichzurückgeblieben waren«.

Auch Stemmanns Trennungstraining ruft bei Kinderärzten Unbehagenhervor. Systematisch sollen Eltern in Gelsenkirchen lernen, nicht mehrdarauf zu reagieren, wenn sich die Kinder kratzen.

Laut Kinderarzt Schauer kann es für manche Eltern zwar durchaussinnvoll sein, nicht auf jeden Schrei ihres Kindes sofort zu reagieren.»Problematisch ist jedoch die dogmatische Umsetzung.« Ähnlich urteiltHöger: »Die Notwendigkeit der Trennung wird den Eltern eingehämmert,bis sie weinend zusammenbrechen.«

Zudem, so die Kritik, würden den Eltern in Gelsenkirchensystematisch Schuldkomplexe eingeimpft. Denn wenn die Neurodermitistrotz Stemmann-Kur nicht verschwindet, habe der Begründer derTrennungslehre natürlich eine Erklärung parat: Verantwortlich seienMutter und Kind selbst. »Die übliche Methode von Wunderheilern«,urteilt Kinderarzt Höger. »Der Heiler gibt nur die Mittel an die Hand,ob es klappt, ist Sache des Patienten.«

Rüdiger Szczepanski vom Kinderhospital Osnabrück warnt vor denpsychischen Folgen: Finde die Mutter das vermeintlich auslösendeTrennungsereignis nicht, könne sie ihr Kind nicht heilen. Die Mutterist also nicht nur am Entstehen der Krankheit schuld, sondern auchdaran, dass das Leiden bestehen bleibt. »Das ist eine auswegloseSituation, die Familien zerstören kann«, sagt Szczepanski.

Stemmann indes versichert, er habe seine Form der Behandlung durchumfängliche Forschung untermauert. In angesehenen Fachzeitschriftenveröffentlicht hat er indes seit 1989 nicht mehr. Unwirsch reagiert erauf Fragen nach dieser Enthaltsamkeit: »Ich bin Professor, habe alleserreicht. Wer sich für meine Arbeit interessiert, der soll hierherkommen.«

Jeden Kritiker könne er mit seinen Ergebnissen »platt machen«,versichert er. Gerade das rufe aber die Neider auf den Plan: »MeineErgebnisse sind zu gut. Wenn Sie etwas wirklich Neues machen, und Siekommen mit Ergebnissen auf den Markt, werden Sie zerlegt.«

Einer, dessen Lehren Stemmann »natürlich studiert« hat, hält sichderzeit in Frankreich auf - im Gefängnis. Ryke Geerd Hamer, so seinName, hatte Tumorpatienten jegliche Behandlung verweigert, einige vonihnen starben. Wie Stemmann ist auch Hamer der Meinung, ein psychischerKonflikt löse Krankheiten aus; werde der Seelenkonflikt geheilt,verschwinde wie von Zauberhand auch die Krankheit.

Einerseits distanziert Stemmann sich klar von Hamers Ablehnungjeglicher Therapie. Andererseits bot im Internet eine merkwürdige»International Meta-Medicine Association« bis Anfang Januar StemmannsDienste als Ausbilder an. Deren Grundlagen basierten laut Homepage »aufden Forschungen und Erkenntnissen von Dr. Hamer«. Mittlerweile sindsowohl die Hinweise auf Hamer als auch Stemmanns Name von der Websiteverschwunden. Stemmann entschuldigt sich, er sei einmal zum Kongressder Metamediziner gefahren, nicht wissend, »was für ein Club daswar«.

In einer Hinsicht zumindest unterscheidet sich Stemmann von Hamer:Er kann tatsächlich geheilte Kinder vorweisen, die er als Beleg für dieWirksamkeit seiner Methode ausgibt. Fachmediziner allerdings finden daswenig erstaunlich: »Bei 70 Prozent der Kinder verschwinden die Symptomebis zum dritten Lebensjahr von selbst«, erklärt Peter Höger, »wirnennen das Spontanremission.« DENNIS BALLWIESER

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