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Computer Garantiert virenfrei

Mit Computer-Kinderbüchern, EDV-Paperbacks und Billig-Software für den PC kämpft der Buchhandel gegen die Krise.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Vor Computerfreaks hat Bärbel Oesterle keine Scheu mehr. Seit 1990 leitet sie die EDV-Abteilung der Buchhandlung Kaiser in Karlsruhe, den einschlägigen Fachjargon beherrscht die ehemalige Lehrerin mittlerweile besser als ihre Kunden.

Ihr Erfolgsrezept erläuterte die computerkundige Buchhändlerin auf einem Fachseminar des Rowohlt-Verlages im Reinbeker Schloß bei Hamburg: »Ein Lexikon auf der Toilette, eins am Bett« - so lasse sich das nötige High-Tech-Kauderwelsch schnell einbimsen.

Angesichts schrumpfender Umsätze im herkömmlichen Drucksachen-Geschäft _(* Software-Kopierstation in der Herder ) _(Buchhandlung, Berlin. ) (SPIEGEL 40/1992) ist beim Buchhandel Umlernen angesagt: Seit das Geschäft in anderen Sparten schlechter geht, erweitern zahlreiche Verlage und Sortimenter zielstrebig ihr EDV-Angebot.

So versuchen sich neben dem Rowohlt-Verlag mit seiner erfolgreichen Reihe »rororo Computer« neuerdings auch Verlage wie C. H. Beck, dtv und Fischer (Reihe »Computer") mit Paperback-Titeln für PC-Benutzer.

Andere Verlage zielen mit High-Techgestylten Kinder- und Jugendbüchern rund um den Rechner ("Passwort Konstantin") auf die verzweifelten Eltern leseunlustiger Computerkids. Neue Kunden sollen auch mit nützlicher Software für den heimischen Personalcomputer in die Buchhandlungen gelockt werden.

Die Nachfrage nach unterweisender EDV-Literatur steigt weiter, das Angebot reicht von Werken wie »Dos für Dumme« bis hin zu staubtrockenen Abhandlungen wie »Fehlertoleranz in verteilten Realzeitsystemen«. Allein 163 Titel weist das »Verzeichnis lieferbarer Bücher« zur Version 5 des weitverbreiteten Textprogramms »Microsoft Word« aus. »Der Computer und seine Programme«, stellte befriedigt das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel fest, »sind eben erklärungsbedürftige Produkte.«

So profitiert der EDV-Buchhandel von der Schnellebigkeit und dem Preisverfall in der PC-Branche, die größten Umsätze lassen sich mit Ratgeber-Literatur für Computer-Anfänger und fortgeschrittene Anwender erzielen.

Derartige Handbücher veralten schnell, nach wenigen Monaten warten die Software-Hersteller bereits mit neuen, veränderten Versionen ihrer Text-, Datenbank- oder Grafikprogramme für den PC auf. Vielen Benutzern von raubkopierter Software dienen die Handbücher als Ersatz für die Hersteller-Dokumentation der Original-Programme.

Als sichere Wachstumssparte gelten EDV-Taschenbücher. Rund 80 Titel hat beispielsweise Marktführer Rowohlt bereits veröffentlicht, mit Einzelauflagen bis zu 360 000 Exemplaren.

Die EDV-Erfolge der Reinbeker haben nun auch andere etablierte Verlage auf den Plan gerufen. »Voll und ganz in den Computermarkt einsteigen« will C. H. Beck in München, wie Beck-Sprecherin Veronika Pflieger wissen ließ. Zur Buchmesse beglückte Beck den Buchhandel mit einem eigenen Zeitmanagement-Programm namens »Erna« für Personalcomputer. Bereits seit dem Frühjahr bieten die Münchner mit ihrer Reihe »Beck Software im dtv« eine neuartige Buchform an, genannt »Bookware": Paperbacks, zu denen eine in den Buchdeckel eingelegte Speicherdiskette mit Computerprogrammen mitgeliefert wird.

Angeboten wird auf diese Weise überwiegend PC-Software, für deren Benutzung die Programmierer vom Anwender eine freiwillige Nutzungsgebühr erwarten. Als erfolgreiches Beispiel für solche »Shareware« gilt das »Pkzip«-Programmpaket der US-Firma Pkware, das weltweit von PC-Benutzern zum platzsparenden Komprimieren und Archivieren von Computerdateien verwendet wird.

Daß sich am Shareware-Prinzip gutes Geld verdienen läßt, hat in Deutschland der kleine Systhema-Verlag aus München vorgeführt. Gegründet 1988 von _(* Mit Geschäftsführerin Iris ) _(Bellinghausen. ) dem Theologen Ralph Möllers, hat sich Systhema (Umsatz 1991: sechs Millionen Mark) zu einem erfolgreichen Kleinverlag entwickelt.

Zum Bestseller geriet den Systhematikern der Ratgeber-Cartoon »MS-Dos mühelos« (Auflage bisher: 100 000 Exemplare) des Müchner Ex-Pfarrers und Computer-Karikaturisten Werner ("Tiki") Küstenmacher; sein fröhlicher Einführungskurs in die PC-Betriebssoftware MS-Dos wurde vom Verlag in einer zweckentfremdeten Gemüsedose ausgeliefert, verziert mit dem Konterfei von Küstenmachers rundlichem Comic-Helden »M. S. Dose«.

Von der ungebremsten Produktivität professioneller Shareware-Programmierer profitieren indes nicht nur die Verlage, sondern auch findige Software-Unternehmer. So hat sich die Herder Buchhandlung am Berliner Tauentzien vom Anbieter »Topware Computercenter« in Mannheim eine »Shareware-Kopierstation« aufstellen lassen. Für zwölf Mark erhält der Kunde an der Kasse eine codierte Leerdiskette (Einkaufspreis: 70 Pfennig), auf die er sich dann PC-Programme von der Speicherplatte der Kopierstation überspielen läßt; der Disketten-Code soll verhindern, daß Kunden sich unbemerkt Gratiskopien ziehen.

Automatenhersteller Topware »garantiert«, daß es sich bei dem Buchhandel-Sonderangebot »um virenfreie Software handelt« - ein Versprechen, das sogar große Software-Hersteller sonst nicht zu geben wagen. Mit ähnlichem Anspruch wirbt auch die Konkurrenzfirma Softmate aus Stuttgart.

Softmate, in deren Kopierstation neuerdings der PC-Terminplaner »Familienplanung 2.3« abgerufen werden kann, fürchtet Haftungsprobleme anderer Art. Das Kalender-Programm zur computergestützten Empfängnisverhütung funktioniert nach der wenig verläßlichen Knaus-Ogino-Methode, die den empfängnisfreien Tagen der Frau nachspürt.

»Eine Garantie im Sinne der Produkthaftung«, verkündet klug der PC-Bildschirm des Softmate-Automaten, »wird nicht übernommen.«

* Software-Kopierstation in der Herder Buchhandlung, Berlin.* Mit Geschäftsführerin Iris Bellinghausen.

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