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MEDIZIN Gebremster Segen

Retortenbefruchtung und Hormonbehandlung führen immer häufiger zu Mehrlings-Schwangerschaften. Gynäkologen beseitigen überzählige Embryonen durch eine tödliche Spritze. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Die strahlende Mutter im Wochenbett, ihr schläfriges Neugeborenes an der Seite - ein Allerweltsphoto, 1978 in einer britischen Klinik aufgenommen, sollte Medizingeschichte machen. Denn der Säugling war in einer Petri-Schale gezeugt und als winziger Embryo in den Mutterleib verpflanzt worden. Als erstes »Retortenbaby« verkörperte Louise Joy Brown den Triumph der modernen Biotechnik.

Die Befruchtung außerhalb des menschlichen Körpers wurde in der nun angebrochenen Ära der »Reproduktionsmedizin« schnell zur Routinemethode - rund 6000 Kinder verdanken ihr mittlerweile das Leben.

Angesichts solcher Beweise ärztlicher Tüchtigkeit schienen Warnungen vor Mißbrauch und Manipulation eher nebensächlich. Doch jetzt, da die niedliche Louise (in Gesellschaft ihrer ebenfalls nach Retortenbefruchtung geborenen Schwester) ihren zehnten Geburtstag gefeiert hat, beginnen die Folgen dieses medizinischen Fortschritts den Gynäkologen über den Kopf zu wachsen. Ursache sind Entwicklungen in Therapie und vorgeburtlicher Diagnostik, die den ärztlichen Babymacher unversehens zum Engelmacher werden lassen:

Um die Erfolgsraten der In-vitro-Fertilisation zu steigern, erhalten die unfruchtbaren Frauen Hormongaben, die oftmals Mehrlinge heranreifen lassen. Auch die normale Sterilitätsbehandlung kommt ohne den Einsatz von Hormonen kaum mehr aus - die Zahl der Drillinge liegt seitdem 60mal, die der Vierlinge sogar 300- bis 500mal höher als zuvor.

Diese immer häufigere »Katastrophe für Eltern und Ärzte«, so der Münchner Gynäkologe Hermann Hepp, hat zu einer fragwürdigen Selektion im Mutterleib geführt. Paare, die für den ersenten Nachwuchs jahrelange Strapazen auf sich nahmen, lehnen nun den unerwarteten Kindersegen ab. So bieten ihnen die Ärzte einen Ausweg an: Überzählige Mehrlinge werden, mit einer Injektion ins Herz, noch als Embryo getötet, zurück bleiben so viele Kinder wie erwünscht.

Ermöglicht wurde dieser Eingriff, in der Fachsprache als »Fetozid« oder, noch diskreter, auch als »Reduktion« umschrieben, erst durch die stetige Verfeinerung der Ultraschalldiagnostik: Schon in der sechsten Schwangerschaftswoche kann der Embryo auf dem Bildschirm sichtbar gemacht werden.

Die Methode des Fetozids wurde erstmals von Professor Charles Rodek vom Londoner King's College angewandt, um einen kranken Zwilling abzutreiben, ohne den gesunden zu gefährden. Rodek tötete den Fetus, indem er ihm Kohlendioxid ins Herz einblies.

Doch bald wurden, etwa mit Injektionen von Sekundenklebern, auch gesunde Mehrlings-Embryonen »reduziert«. Während westdeutsche Ärzte noch Stillschweigen über die bereits praktizierte tödliche Auswahl bewahrten, beschrieben ihre amerikanischen Kollegen in Fachblättern ungeniert die Einzelheiten.

Um ihren elf Patientinnen, die nach In-vitro-Befruchtung und Hormontherapie Drillinge, Vierlinge, Fünflinge oder gar Sechslinge erwarteten, die gesellschaftlichen Belastungen einer Mehrlingsgeburt zu ersparen und zugleich die gesundheitlichen Risiken für Mütter und Kinder zu vermeiden, so argumentieren etwa Gynäkologen von der Mount Sinai School of Medicine in New York, hätten sie vor Ablauf des ersten Schwangerschaftsdrittels eine »selektive Reduktion« vorgenommen.

»Das einzige Kriterium für die Auswahl eines Fetus«, schreiben die Ärzte im »New England Journal of Medicine«, »war seine Nähe zur Bauchdecke.« Unter Ultraschallkontrolle schoben die Mediziner eine Hohlnadel bis ins Herz der ausgewählten Embryonen vor, über die lähmendes Kaliumchlorid gespritzt wurde.

Die wenige Zentimeter großen Keimlinge, das habe sich gezeigt, seien jedoch »in der Gebärmutter außergewöhnlich widerstandsfähig gegenüber Eingriffen«. In mehreren Fällen habe sich der Embryo wieder erholt, nachdem die Nadel herausgezogen war; die Herzen hätten, trotz einminütigen Stillstands, erneut zu schlagen begonnen. Die Prozedur sei nach einer Woche wiederholt worden, zumal das Kind beim ersten Eingriff höchstwahrscheinlich schwere Schäden davongetragen habe.

Tötungen nach der zwölften Schwangerschaftswoche seien nicht mehr ratsam, weil der tote Fetus dann nicht mehr

so leicht resorbiert werde, meint das Ärzteteam. Je länger die Patientin mit dem Eingriff warte, desto größer würden auch die seelischen Schwierigkeiten, warnen die Gynäkologen; der Anblick der Embryonen bei den häufigen Ultraschalluntersuchungen könne emotionale Bindungen auslösen.

Erst angesichts aufsehenerregender Veröffentlichungen wie dieser sahen sich die westdeutschen Frauenärzte zur Stellungnahme gezwungen. Über mögliche »Gefahren für die Menschenwürde«, die von solchen Methoden ausgingen, diskutierten beispielsweise im September die Teilnehmer des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. »Wir sind zutiefst nachdenklich geworden«, räumte Kongreßpräsident Hans Ludwig ein.

Deutlicher wird Professor Hepp, Chef der Frauenklinik in München-Großhadern: Der Fetozid, »dieses neue Machbare«, kennzeichne eine »erschreckende Entwicklung«. »Zynisch und pervers« sei eine Sterilitätsbehandlung, die, um des vordergründigen Erfolgs willen, sogenannte höhergradige Mehrlinge in Kauf nehme und damit von vornherein den Fetozid einprogrammiere. Solche Mehrlinge seien, schimpft der Gynäkologe, »in der Regel das Ergebnis einer nicht qualifizierten Sterilitätsberatung und daher eine Fehlleistung der Medizin«.

Bei umsichtiger Sterilitätsbehandlung, so meint auch Heribert Kentenich von der West-Berliner Universitätsfrauenklinik Charlottenburg, dürfe es ungewollte Vierlinge, Fünflinge oder gar noch mehr Kinder nicht geben. Die Hormon-Stimulation müsse so vorsichtig gehandhabt werden, daß sich nicht mehr als zwei oder drei Eizellen pro Zyklus in den Eibläschen bilden. Die Patientin müsse während der Therapie ständig mit Ultraschall- und Blutuntersuchungen kontrolliert werden. Erkennen die Ärzte, daß zu viele Eibläschen heranreifen, »verzichten wir auf die Hormonspritze, die den Eisprung auslöst«.

Bei der Befruchtung außerhalb des Körpers werden an der West-Berliner Klinik nicht mehr als drei Embryonen eingesetzt, damit höchstens Drillinge »angehen« können.

Im übrigen, so Hormonspezialist Kentenich, sei mit einer Erfolgsquote von unter 25 Prozent die Bilanz der Retortenbefruchtung eher ernüchternd. Durchschnittlich fünf Jahre müßten Paare mit Kinderwunsch ihre Sexualität ärztlich reglementieren lassen, ehe sich der Erfolg einstellt.

»Unheilvolle Allianzen zwischen einem krankhaften Kinderwunsch und einem Arzt mit unbedingtem Erfolgsstreben« beklagt Professor Manfred Stauber von der I. Universitäts-Frauenklinik München. Der Psychosomatiker weist darauf hin, daß in der »Kinderwunschsprechstunde« seiner Klinik von rund 1000 Schwangerschaften fast die Hälfte ohne organische Behandlung eintrat, häufig seien seelische Schwierigkeiten Ursache der Unfruchtbarkeit. Bei 50 Prozent aller Fälle von Kinderlosigkeit, darin stimmen die Experten überein, ist keinerlei organischer oder hormoneller Defekt zu finden.

Stauber kritisiert deshalb die »gedankenlose Ausdehnung der Indikationen« durch die ärztlichen Arbeitsgruppen, die sich der In-vitro-Fertilisation verschrieben haben.

Die Experimentierlust dieser Gynäkologen dürfte demnächst kräftig gebremst werden: Gesundheitsreformer Norbert Blüm will künftig aufwendige Sterilitätsbehandlungen nicht mehr von den Krankenkassen bezahlen lassen.

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