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WELTRAUM Gedränge am Gürtel

Wem gehören die raren Satelliten-Parkplätze im All? Darüber streiten sich Industrienationen und Länder der Dritten Welt. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Im Auftrag seiner Regierung verteidigt Herbert Wirz vom Bundespostministerium derzeit in Genf die Freiheit. Gefährdet wähnen die Bonner dieses »höchste Gut der Demokratie« (Bundeskanzler Kohl) diesmal im Weltraum - genauer: im sogenannten Synchron-Gürtel rund um den Äquator, in den die Industrieländer seit jeher nach Belieben ihre »geostationären« Fernmeldesatelliten schicken.

Rund 90 zivile und militärische Telekommunikations-Satelliten kreisen inzwischen in jenem 265 000 Kilometer messenden Band, das die Erde in 36 000 Kilometer Höhe gleichsam wie eine Bauchbinde umgibt. Wenn wie geplant in den nächsten Jahren 150 weitere Kunstmonde hinzukommen, wird es eng werden im Synchron-Gürtel - Frequenzüberschneidungen mit entsprechendem Bild- und Tonsalat wären die Folge.

Begonnen hat der Streit um die Parkplätze im Kosmos indes schon jetzt. Auf der Funkverwaltungskonferenz für den Weltraumfunk (WARC-ORB), die von der Internationalen Fernmelde-Union (IFU) in Genf veranstaltet wird, rangeln seit dem 8. August 1000 Experten aus 104 Ländern um Sendefrequenzen und Satellitenpositionen ("Slots"). Auf der Tagung vertreten die Industrienationen der nördlichen Hemisphäre und die Schwellenländer der Dritten Welt gegensätzliche Interessen: *___Frequenzen und Orbitpositionen sollten, so beharren die ____europäischen und nordamerikanischen Länder, wie bisher ____nach freier Unternehmerart verteilt werden - wer einen ____Slot zuerst mit seinem Satelliten besetze, habe ein ____dauerndes Anrecht auf diesen Stationierungsort ____erworben. *___Die Dritte Welt hingegen fordert ein striktes ____Reservations-System, das Ländern, die sich erst in ____späteren Jahren den Bau oder Kauf eines Satelliten ____werden leisten können, schon jetzt eine entsprechende ____Anzahl von Slots offenhält.

»Es kann nicht angehen, daß auch im Weltraum das Recht des Stärkeren herrscht«, so Noemi Sanin Posada, der kolumbianische Kommunikationsminister zum SPIEGEL. »Wenn wir uns jetzt nicht zur Wehr setzen, ist für uns der Weltraum dicht.«

Schon bei der letzten IFU-Konferenz im Jahre 1979 hatten sich die Delegierten der Drittwelt-Länder und der Industrienationen auf eine Kompromißformel geeinigt; die allerdings ist so unpräzise formuliert, daß sie nun von beiden Seiten

unterschiedlich interpretiert wird: »Sendefrequenzen und Orbitpositionen sind«, so hieß es damals, »begrenzte natürliche Ressourcen und müssen daher so verteilt werden, daß Länder nach dem Grundsatz der Gerechtigkeit und Billigkeit Zugang zu ihnen erhalten.«

Für gerecht und billig würden die Drittwelt-Nationen eine Voraus-Verteilung ("a priori«-Planung) halten, nach der alle jetzt noch verfügbaren freien Slots unter den interessierten Ländern aufgeteilt werden, gleichgültig, ob sie in Zukunft in der Lage sein werden, einen Satelliten zu finanzieren oder nicht.

Einziges Kriterium bei der »a priori«-Vergabepraxis sollen, so die Forderung der Dritten Welt, »die Größe und die Bedürfnisse eines jeden Landes« sein - was wiederum in den Ohren der westlichen Konferenz-Delegierten verdächtig nach Planwirtschaft klingt. »Wir können das unter keinen Umständen akzeptieren«, konstatierte Wirz. Schließlich hat sein Kanzler einmal postuliert: »Wir wollen den Sozialismus bekämpfen zu Wasser, zu Lande und in der Luft.«

Dabei sind gerade die Nationen der Dritten Welt auf die moderne Satellitentechnik angewiesen. Ihre schiere Größe sowie ökologische Erschwernisse - etwa die Wüstenregionen in Afrika oder die Inselstruktur Indonesiens - machen den Aufbau eines klassischen Kommunikationsnetzes per Kabel unmöglich. So übertragen schon seit 1976 die indonesischen Nachrichtensatelliten vom Typ »Palapa« Telephongespräche und Fernsehprogramme.

Die Industrienationen hingegen argumentieren, eigentlich bedürfe das Problem gar nicht der politischen Lösung. Denn die Technik entwickle sich so rasch, daß es in zehn Jahren wesentlich leistungsfähigere Satelliten geben werde - je einer dieser zukünftigen Kunstmonde mit enormer Kommunikations-Kapazität könne dann die Arbeit von acht Satelliten heutiger Bauart verrichten.

Dennoch: »Die Leute sind zur Kooperation verurteilt, sonst funktioniert das ganze System nicht mehr«, resümierte in Genf der IFU-Sprecher Rene Fontaine. Von den großen Industrienationen scheinen die Amerikaner dies als erste begriffen zu haben: Während sie vor der Konferenz internationale Garantien für den Zugang jeden Landes zu geostationären Satellitenpositionen strikt abgelehnt hatten, unterbreiteten sie in Genf eine Reihe von Kompromißvorschlägen.

So wollen sie etwa den Drittwelt-Ländern bislang ungenutzte Frequenzen für bis zu 15 Jahre reservieren; überdies erklärten sich die USA bereit, sich an den Mehrkosten für den zusätzlichen technischen Aufwand zu beteiligen, der nötig wird, wenn neue Satelliten in enger Nachbarschaft zu bereits kreisenden placiert werden. Mit hohen Kosten mußten etwa die Inder den Sendeteil ihres Satelliten so abschirmen, daß er dem europäischen Intelsat auf dessen Frequenzen nicht ins Gehege kam.

Die deutschen Konferenzteilnehmer zeigten sich überrascht ob des amerikanischen Sinneswandels. Sauer sind sie auf die Amerikaner ohnehin: Nachdem die US-Behörden fünf Konsortien den Betrieb von Satelliten erlaubt haben, fürchten die Deutschen (und mit ihnen die meisten anderen europäischen Länder), amerikanische Unternehmen könnten die gewinnträchtigsten Telekommunikations-Routen, etwa über den Atlantik, monopolisieren.

Soviel der Freiheit, meinen die Deutschen, müsse nun auch wieder nicht sein.

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