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UMWELT Gefährliche Langmut

Die US-Umweltschutzbehörde stoppte den Einsatz des Pflanzenschutzmittels EDB - Bundesbürger schlucken es mit importierten Cornflakes und Zitrusfrüchten. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Im Winter 1981, Ronald Reagan war gerade einen Monat im Amt, alarmierte Amerikas Nährstand seinen Mann in Washington: Die Regierung plane, den Einsatz des Schädlingsbekämpfungsmittels EDB zu verbieten - dies aber müsse, so der Auftrag an den Lobbyisten James H. Lake, unbedingt verhindert werden.

Da traf es sich gut, daß Lake eines der führenden Mitglieder des »Komitees zur Wahl des Präsidenten« gewesen war. Innerhalb weniger Wochen war die lästige Angelegenheit vom Tisch, die Öffentlichkeit hatte nichts bemerkt.

Diesen Winter, drei Jahre später, mußte Lake in gleicher Sache wieder antichambrieren, diesmal jedoch vergebens: Ende Februar verbot die amerikanische Umweltschutzbehörde das Pflanzenschutzmittel, das vornehmlich bei Getreide und Zitrusfrüchten eingesetzt wird - und setzte überdies Höchstmengen für EDB-Rückstände in der Nahrung fest.

Zu dieser »mutigen Entscheidung« (so Amtschef William Ruckelshaus) kam die Behörde, die seit Reagans Regierungsantritt häufig eher die Interessen der Industrie als die des Umweltschutzes vertritt, freilich weniger aus eigenem Antrieb: Anfang des Jahres hatten sechs US-Bundesstaaten damit gedroht, den Einsatz des umstrittenen Pflanzenschutzmittels zumindest auf ihrem Gebiet zu untersagen, nachdem in Florida Spuren des Giftes sogar im Trinkwasser gefunden worden waren.

Dabei steht die Bromverbindung Äthylendibromid (Kurzformel EDB, nach der englischen Schreibweise Ethylene dibromide) schon seit zehn Jahren in dem durch zahlreiche Tierversuche erhärteten Verdacht, Krebs zu erregen sowie für Erbschäden und Mißbildungen verantwortlich zu sein: EDB gehöre zu den stärksten Kanzerogenen, so das National Cancer Institute, die bislang entdeckt worden seien.

Kaum war die Höchstwerte-Verordnung des Washingtoner Umweltamtes in Kraft, zogen zahlreiche lokale Gesundheitsbehörden EDB-verseuchte Lebensmittel aus dem Handel, vor allem Cornflakes, Müsli, Reis, Mehl und Zitrusfrüchte. Verunsichert von ausführlichen Berichten in Presse und TV, riefen Hunderttausende bei den Gesundheitsbehörden an und fragten, was sie denn nun essen dürften und was nicht.

Prompt wiegelten Bauernverbände und Lebensmittelhersteller sowie die ihnen verpflichteten Wissenschaftler ab: EDB im Essen sei »kein besonders großes Risiko«, so der amerikanische Biochemiker Dr. Bruce N. Ames; sein Kollege William R. Havender verstieg sich sogar zu dem Schluß, selbst ein stark EDB-verseuchtes Brötchen sei zehnmal weniger gesundheitsschädlich als ein (nicht mehr frisches) Erdnußbutter-Sandwich (wegen der darin enthaltenen »Aflatoxine").

Nicht hinwegfabulieren freilich lassen sich die Ergebnisse von Untersuchungen, die das National Cancer Institute schon vor sechs Jahren durchführte. Dabei erkrankten 90 Prozent der Versuchstiere, die dem Chemiestoff EDB ausgesetzt wurden, an Magen-, Leber- und Lungenkrebs; die Geschwulste bildeten sich schon nach zwölf Wochen - so rasch, daß oftmals alle Tiere einer Versuchsreihe vor Ablauf des Experiments starben.

Amerikanische Landwirte und Nahrungsmittelfirmen benutzen jährlich rund 10 000 Tonnen EDB - mal wird das in den Speichern lagernde Getreide zur Abwehr von Vorratsschädlingen mit der gefährlichen Chemikalie begast, mal spritzen die Farmer den Stoff direkt in den Boden; auch Zitrusfrüchte werden, zwecks Vernichtung der gefürchteten Fruchtfliege, mit EDB behandelt - dabei dringt ein Teil der Substanz durch die Schale ins Fruchtfleisch.

In der Bundesrepublik ist die Anwendung des Chemiestoffes seit Jahren verboten. Dennoch müssen die Bundesbürger EDB in Nahrungsmitteln schlucken, die aus den USA importiert werden. Da die kürzlich erlassene EDB-Höchstmengenverordnung nur für den amerikanischen Markt, nicht aber für Exportware gilt, fürchten Experten, daß nunmehr mit EDB behandelte Nahrungsmittel vermehrt auf den bundesdeutschen Markt umgeleitet werden.

Um diesen »chemischen Kolonialismus« (so der Chemiker Dr. Fritz Vahrenholt vom hessischen Umweltministerium) zu unterbinden, hat der Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit des Bundesrates kürzlich einem vom Land Baden-Württemberg eingebrachten Antrag zugestimmt, den EDB-Höchstwert auf 0,01 mg/kg (Milligramm pro Kilogramm) festzusetzen - bis jetzt waren etwa bei Getreide oder Zitrusfrüchten theoretisch bis zu 50 mg/kg zulässig.

Hautnah mit EDB in Kontakt kommen können die Deutschen freilich beim Tanken - die Chemikalie ist dem Benzin beigesetzt, um Bleiablagerungen im Motor zu verhindern. Während des Verbrennungsprozesses entsteht aus dem Zusatzstoff das ebenfalls krebserregende Vinylbromid, das über den Auspuff in die Luft geblasen wird. »Bleifreies Benzin«, so Vahrenholt, »würde die Verwendung von EDB im Kraftstoff überflüssig machen.«

Auf das seit langem bestehende EDB-Verbot in anderen Ländern (wie etwa der Bundesrepublik) haben amerikanische Naturschützer und kritische Wissenschaftler das Washingtoner Umweltamt immer wieder hingewiesen. Warum es so lange dauerte, bis die EPA das Pestizid verbot, untersucht nun der Umweltausschuß des amerikanischen Senats.

Dabei kam erst jetzt heraus, daß Vertreter der amerikanischen Farmerverbände und der chemischen Industrie den EPA-Experten in zahlreichen Beratungen bei der Entscheidungsfindung behilflich waren.

Ob dies etwas mit der langmütigen Haltung des Umweltamtes gegenüber dem umstrittenen Pestizid zu tun habe, wurde im Senatsausschuß der stellvertretende EPA-Verwaltungschef John Moore gefragt. »Ehrlich«, so seine Antwort, »ich weiß es nicht.«

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