Foto:

SPIEGEL

Jörg Blech

Gefährliche Polypharmazie Wenn Menschen viel zu viele Medikamente nehmen

Liebe Leserin, lieber Leser,

normalerweise sollen Menschen Medikamente nehmen, damit es ihnen besser geht. Das Gegenteil ist ebenso angebracht: auf die Mittel wieder zu verzichten, damit es ihnen besser geht. Im Oktober wird im dänischen Kolding die erste internationale Konferenz zum »Ent-Verschreiben« abgehalten, in der angelsächsischen Fachliteratur »Deprescribing« genannt.

Für das Treffen ist es höchste Zeit, denn das Absetzen von Arzneimitteln findet in der Medizin noch immer viel zu selten statt. Für ältere Menschen in Deutschland ist es Alltag, dass sie viele verschiedene Medikamente auf einmal nehmen. Der Allgemeinmediziner Thomas Kühlein vom Universitätsklinikum Erlangen berichtet gemeinsam mit zwei Kolleginnen im Fachblatt »Geriatrie-Report« von einer 85 Jahre alten Dame, auf deren Medikamentenplan sage und schreibe 16 verschiedene Präparate standen. Dabei drohen schon ab fünf Substanzen unkalkulierbare Wechselwirkungen. Der pharmakologische Cocktail kann die Denkkraft einschränken, die Organe belasten und das Leben verkürzen.

So weit kommt es, wenn keiner der Verschreibenden den ganzen Menschen im Blick hat. Sie geben die aus ihrer Sicht sinnvollen Mittel und lassen mitunter außer Acht, was den Patientinnen und Patienten von anderer Seite noch empfohlen wird. Oft entstehen Verschreibungskaskaden: Ein Medikament wird verschrieben, damit es die Wirkung eines anderen aufhebt. Diuretika erhöhen die Urinmenge, deshalb gibt es ein Präparat gegen Inkontinenz. Schlafmittel erhöhen die Sturzgefahr, deshalb müssen Tabletten zur Erhöhung der Knochendichte her. Bestimmte Substanzen gegen Rheuma können auf den Magen schlagen, da darf ein Protonenpumpeninhibitor nicht fehlen.

Gegen diese gefährliche Polypharmazie können auch Patienten oder deren Angehörige etwas tun. Gemeinsam mit einer kritischen Hausärztin oder einem Hausarzt könnten sie die Liste der Rezepte sichten und werden dabei wohl feststellen: Bestimmte Mittel sollten ab einem gewissen Alter eh nicht mehr genommen werden. Für andere Pillen ist eine Indikation möglicherweise nicht mehr gegeben. Und wieder andere Mittel waren schon von Anfang an überflüssig.

Herzlich

Ihr Jörg Blech

(Feedback & Anregungen? )

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

Quiz*

1. Wie viel wurde 2020 in der gesetzlichen Krankenversicherung für Arzneimittel ausgegeben?

a) 817 Millionen Euro

b) 43,3 Milliarden Euro

c) 91,5 Milliarden Euro

2. Wie viele Arzneimittel hält die Weltgesundheitsorganisation für unentbehrlich?

a) 557

b) 3000

c) 14.000

3. Wie viele verschiedene Arzneimittel sind in Deutschland zugelassen?

a) 557

b) 27.000

c) mehr als 100.000

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche

Foto: Nicolas Economou / Reuters

Hubschrauber nehmen vorigen Dienstag vor dem Strand des beliebten Badeorts Pefki Löschwasser auf. Obwohl die Piloten unablässig Einsätze fliegen, sind allein auf der nördlich von Athen gelegenen Insel Euböa mehr als 50.000 Hektar Wald verbrannt. Nicht nur in Griechenland, sondern auch in der Türkei, in Italien, Russland, Kalifornien, Brasilien und im südlichen Afrika stehen Wälder in Flammen. Die Klimakrise begünstigt offenkundig die Heftigkeit der Feuer, verursacht wurden die meisten aber von Menschen.

Fußnote

330 Milliarden Zellen werden jeden Tag im Körper des Menschen durch neue ersetzt. Das haben Wissenschaftler des israelischen Weizmann-Instituts im Fachblatt »Nature Medicine« am Beispiel eines 70 Kilogramm schweren Mannes errechnet. Dieser besteht insgesamt aus 30 Billionen Zellen. Hinzu kommen Bakterien, Viren, Pilze und andere Mikroben, die auf und im Körper des Menschen leben. Die Zahl allein der Bakterien liegt bei 38 Billionen, aber sie haben nur eine Masse von etwa 200 Gramm.

Empfehlungen aus der Wissenschaft

*Quizantworten

1. b) 43,3 Milliarden. Das entspricht einem Anteil von 16,5 Prozent an den Leistungsausgaben (Quelle: Verband der Ersatzkassen).

2. a) 557. Die WHO-Liste der unentbehrlichen Arzneimittel ist digital verfügbar: https://list.essentialmeds.org 

3. c) mehr als 100.000. Etwa die Hälfte davon ist verschreibungspflichtig.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.