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Medizin Gefährliches Heu

Unter Wissenschaftlern wächst die Sorge: Auch Ungeziefer kann womöglich den Auslöser des Rinderwahnsinns übertragen.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Am 25. April 1985 wurde der Veterinär Colin Whitaker auf eine Farm bei Ashford in der Grafschaft Kent gerufen. Eine Kuh taumelte. Der Arzt war ratlos.

Sechs Monate später, das erkrankte Vieh hatte sich längst in Wurst und Steak verwandelt, kam erneut ein Alarmruf von dem Bauern. Nun waren es zwei Kühe, die ataktisch durchs Gras staksten. Whitaker wurde stutzig, meldet die Vorgänge den Behörden - und gilt seitdem als Entdecker des »Mad-cow-Syndroms«, des Rinderwahns.

Elf Jahre nach jenen Vorfällen ist die südenglische Grafschaft, von der die BSE-Epidemie ihren Ausgang nahm, erneut in den Schlagzeilen. Wieder sind es Ärzte aus Kent, die vermehrt wirre Verrenkungen und Muskelzuckungen diagnostizieren - diesmal bei Menschen: ___Im Februar verstarb die Rechtsanwältin Anna Pearson, 29, an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK), dem menschlichen Pendant des Rinderwahns. ___Im Guys Hospital in London liegen drei CJK-Patienten im finalen Stadium: Graham Brown, 36, Barry Baker, 29 (er wohnte neben einer Milchfarm), sowie eine 59jährige Frau. Alle Erkrankten stammen aus dem Umland von Ashford.

Das Cluster gibt Anlaß zu größter Besorgnis. Mittlerweile hat sich die Zahl der CJK-Verdachtsfälle in England auf mindestens 19 erhöht. Steht Großbritannien am Beginn eines großen Seuchenzugs?

Wie nervös die Behörden sind, zeigen die Vorgänge am Krankenhaus von Glasgow. Dort betreut der Neurologe Peter Behan ein 15jähriges Mädchen. Mit Hilfe eines neuartigen Antikörpertests - gemessen wird die Erregerkonzentration im Rückenmark - gelang ihm eine eindeutige Diagnose: Der Teenager leidet am Hirnschwamm.

Ende April machte Behan den Fall publik. Das Mädchen habe »exzessiv Hamburger verzehrt«, berichtete er im Radio. Tags darauf verstummte der Mahner. Eine von Behan geplante Pressekonferenz wurde auf Druck des Londoner Gesundheitsministeriums abgesagt.

Doch wie kann sich das Mädchen angesteckt haben? Trotz intensiver Forschung ist das Infektionsprinzip bei BSE nach wie vor ungeklärt.

Anfangs wurde nach Viren gefahndet - vergebens. Dann kam der Amerikaner Stanley Prusiner mit der Prionen-Theorie. Der Erreger sei ein Eiweiß ohne Erbgut, so die These des Forschers aus San Francisco. Das Eiweißmolekül falte sich, werde dadurch unabbaubar und zwinge seinen gesunden Brüdern den falschen Bauplan auf - eine Art Dominoeffekt.

Die Theorie, die gegen alle Dogmen der Infektionsforschung verstieß, fand dennoch rasch Anklang. »Elegant« nennen seine Anhänger das Szenario - beweisen konnten sie es nicht: Der von Prusiner propagierte Umfaltungsprozeß des Prion-Proteins ließ sich, trotz vielfacher Versuche, im Labor nicht nachstellen. Und wie sich das bösartige Eiweiß im Körper vermehrt und schließlich myriadenfach als Schlacke im Gehirn ablagert, ist nicht einmal in Ansätzen geklärt.

Vom Erreger der - mit BSE und CJK verwandten - Schafskrankheit Scrapie sind rund zwei Dutzend Stämme bekannt. Jede Variante löst unterschiedliche Symptome aus. Niemand weiß, wie ein lebloser Biobauklotz wie das Prion-Protein solch eine Vielfalt erzeugen könnte.

Traditionalisten wie Heino Diringer vom Berliner Robert-Koch-Institut halten denn auch an der Virus-These fest. Die Prionen, so sein Argument, seien nur ein »pathogenes Abfallprodukt«. Irgendwo im infektiösen Material verstecke sich der wahre, winzige, tückische Keim. Doch der läßt sich nicht finden.

Oder doch? Bereits im Jahr 1994 spürte Diringer mit dem Elektronenmikroskop kugelförmige Partikel auf. Sie sind nur zehn Millionstel Millimeter groß - zehnmal kleiner als ein Aidsvirus. Hat das BSE-Agens womöglich keine Hülle? Auch die US-Forscherin Laura Manuelidis stieß letztes Jahr auf merkwürdige Erbgutfetzen - ein weiterer Hinweis auf Mini-Viren.

Vor kurzem hat Diringer im Medizinfachblatt Lancet noch einmal seine Sicht der Dinge ausgebreitet. Alle bekannten menschlichen Enzephalopathien - die sporadischen CJK-Fälle ebenso wie die bei Südseeinsulanern gefundene Nervenkrankheit Kuru -, aber auch die angeblich erblich bedingten Krankheiten Gerstmann-Sträussler-Syndrom und Fatale Familiäre Insomnie werden seiner Meinung nach über einen »Seuchenpfad aus der Tierwelt« ausgelöst.

Zumindest in einem Punkt sind sich die feindlichen Lager der Epidemiologen einig. Der Erreger besitzt eine »miserable Infektiosität«, wie es der Düsseldorfer Prionenforscher Detlev Riesner ausdrückt. Zu Testzwecken im Labor muß er den Mäusen direkt ins Hirn gespritzt werden. Bei der oralen Ansteckung sind tausendfach höhere Dosen nötig.

Womöglich ist es diese schwache Ansteckungskraft, die den Erreger in der Tierwelt nie richtig zum Ausbruch kommen ließ. Bereits 1883 wurde der erste BSE-Fall bei einem französischen Rind beschrieben. Die erste Übertragung auf eine Ziege ist für 1942 dokumentiert. Doch es blieben Einzelfälle.

Erst der in der modernen Landwirtschaft eingeführte »Kannibalismus durch Fleischmehlfütterung«, so Riesner, habe den Erreger massiv verbreitet.

Auf diese Weise wurden womöglich auch drei Strauße angesteckt, die Ende der achtziger Jahre in zwei norddeutschen Zoos erkrankten. Ärzte von der Tierärztlichen Hochschule in Hannover sezierten die Vogelhirne und diagnostizierten eine Enzephalopathie. Prionen wurden nicht gefunden. Die Tiere waren mit Kadavermehl gefüttert worden.

Obwohl der pulverisierte Aasfraß aus den britischen Rindertrögen längst verschwunden ist, grassiert die Seuche immer noch auf den Weiden jenseits des Kanals. Pro Monat sterben rund 500 Jungtiere, die mit Fleischmehl nie in Kontakt gekommen sind.

Für dieses rätselhafte Phänomen gibt es inzwischen Ansätze einer Erklärung. Zumindest bei Scrapie wird der Erreger auch durch Ungeziefer übertragen, wie jüngst ein isländisch-amerikanisches Forschungsteam herausfand. Im Verdacht stehen nackte achtbeinige Spinnentiere, die sich in jedem Haushalt finden: Milben.

Für ihren Versuch wählten die Experten fünf isländische Bauernhöfe aus, auf denen Scrapie endemisch ist. Dort sammelten sie nasses Heu und Gras ein, auf dem sich Myriaden Milben tummelten. Dann zerhäckselten sie das Ungeziefer und injizierten es in Mäusehirne. Der Ansteckungsversuch hatte Erfolg: Von 71 Mäusen erkrankten 10.

John Major und seinen Tories dürfte das Experiment aus Island kaum gefallen. Sollten auch in Großbritannien BSE-verseuchte Milben gefunden werden, könnte die nun anlaufende Massenschlachtung von Rindern den gewünschten Erfolg nicht garantieren.

Um den hirnzerstörenden Keim auszurotten, bliebe dann noch viel mehr zu tun: Die Insel-Farmer müßten nicht nur das Vieh töten, sondern auch ihre Ställe ausmisten und selbst noch die Weiden von der Milbenbrut befreien.

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