Zur Ausgabe
Artikel 86 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Medizin Gefahr bei Westwind

Eine mysteriöse Epidemie erschütterte ein hessisches Dorf. Das Marburger Gesundheitsamt konnte die Ursache nicht klären. Eine neugebildete Seuchenpolizei vom Berliner Robert-Koch-Institut eilte zu Hilfe: Mit solchen Notfalleinsätzen bereiten sich Epidemiologen auch in Deutschland auf die weltweite Zunahme von Infektionskrankheiten vor.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Bis zum März dieses Jahres mußten sich die 298 Einwohner von Rollshausen allenfalls am Fernseher vor den großen Seuchen fürchten: Die Pest wütete in Indien, Ebola in Zaire, die Cholera in Peru. In Rollshausen, einem Fachwerkdörfchen in der Nähe von Marburg, ging höchstens mal die Grippe um.

Doch Mitte März wand sich die Apothekenhelferin Anja Schneider, 28, plötzlich mit 41 Grad Fieber und Schüttelfrost in den Kissen, sie fühlte sich so elend, daß sie dachte, sie müsse sterben. Mit einer Lungenentzündung ungewisser Herkunft wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert.

Ähnlich erging es dem Landwirt Georg Laucht, 36. Im Fieberwahn litt er unter Durst und Schweißausbrüchen, in seiner Brust pochte ein so stechender Schmerz, daß er nicht mehr wußte, wie er liegen sollte. Auch seine Mutter hatte sich angesteckt, viele der Nachbarn fieberten gleichfalls in ihren Betten.

Bald darauf hatte die mysteriöse Epidemie den Ort fest im Griff. Bis Juni hatte schon jeder zehnte Dorfbewohner daniedergelegen. Von den über 30 Kranken mußten 7 ins Hospital, im Ortskern blieb kaum eine Familie verschont. Die Unruhe wuchs, als die Rollshausener Gräber ausheben mußten.

»Früher«, sagt Ortsvorsteher Karl-Heinz Schneider, »hatten wir 1,2 Todesfälle im Jahr.« Doch im ersten Halbjahr 1996 starben sechs Dorfbewohner. »Die Toten haben uns wach gemacht«, sagt Schneider.

Auch seine Nachbarin, die Apothekenhelferin Anja Schneider, wurde stutzig. Nach vierwöchiger Krankheit stand sie wieder hinterm Tresen und wunderte sich über den Ansturm der Leidenden. Über ein Dutzend Rollshausener verlangten nach Grippemitteln. Gegen Grippe sprach allerdings, daß keiner von ihnen unter Husten und Schnupfen litt. Besorgt informierte die Chefin der Apotheke das Gesundheitsamt im nahe gelegenen Marburg. Die Amtsärzte tippten auf Legionellen im Wasser, doch das Leitungswasser erwies sich als einwandfrei.

War eine unbekannte Seuche in Rollshausen eingefallen, womöglich eingeschleppt aus den Tropen? Am 10. Juni bekam Claudia Kuhnhen, die Leiterin des Gesundheitsamtes, einen Bescheid aus einem Gießener Labor; dort war das Blut eines Kranken untersucht worden.

Resultat: In Rollshausen war das Q-Fieber ausgebrochen - eine nach dem Bundesseuchengesetz meldepflichtige Infektionskrankheit, die von Tieren auf Menschen übertragen wird. Enger Kontakt ist dabei nicht notwendig - der Erreger fliegt durch die Luft.

Schnell zeigte sich, wie sehr das kleine Gesundheitsamt überfordert war. Einen solchen Ausbruch von Q-Fieber hatte Amtsleiterin Kuhnhen »in 25 Jahren noch nicht erlebt«. Die Amtsveterinäre scheiterten zunächst bei der Suche nach dem Wirtstier, das den Q-Fieber-Erreger ausscheidet. Zu viele Vierbeiner im Dorf waren verdächtig: Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde, Katzen, Hunde, Marder, Füchse, Rehe und Ratten.

An dieser Stelle wäre bisher die Untersuchung der Rollshausener Q-Fieber-Epidemie abgebrochen worden. Mangels Personal, Zeit und Kompetenz hätte das Gesundheitsamt die Akten schließen müssen. Für die Rollshausener wäre Unsicherheit geblieben: Die Krankheitswelle, die nach ihrem Höhepunkt im Mai abflaute, könnte wiederkehren, wenn es nicht gelänge, den Wirt aufzuspüren und zu eliminieren.

Daß der Fall jetzt dennoch kurz vor der Aufklärung steht, ist dem detektivischen Spürsinn einer neugebildeten Seuchenpolizei aus Berlin zuzuschreiben. Am dortigen Robert-Koch-Institut arbeitet seit 1995 eine Truppe von ehrgeizigen jungen Epidemiologen, deren Aufgabe es ist, Seuchen zu beobachten, Gesundheitsämter über neue Gefahren zu informieren und rätselhafte Krankheitsausbrüche aufzuklären.

Vorbild der »Fachgruppe Infektionsepidemiologie« unter Leitung des Mediziners Bernhard Schwartländer, 37, sind die Centers for Disease Control im amerikanischen Atlanta, die weltweit führende Einrichtung in der Seuchenbekämpfung.

Am Montag, dem 8. Juli, tauchten die Berliner Experten im Kerngebiet der Q-Fieber-Epidemie auf, die Einsatzwagen voller Geräte. Bei den ersten Besprechungen im Marburger Gesundheitsamt zeigte sich, wie nützlich es war, die eigenen »modern devices« (Schwartländer) mitzubringen. Unverzichtbare Hilfsmittel für die Seuchenpolizei wie Handys und Laptops fehlen in vielen Gesundheitsämtern. »Wir müssen hier noch mit Stift und Karteikarte arbeiten«, klagt die Amtsleiterin.

Die Seuchenermittler befragten die Rollshausener wie Kriminalisten über alle Details des Q-Fiebers und verzeichneten auf einer Karte, in welchen Häusern Menschen krank geworden waren. Dann entwickelten sie einen Fragebogen: Mit welchen Tieren hatten die Dorfbewohner besonders häufig Kontakt? Waren sie bei der Geburt von Ziegen, Kühen, Schafen oder Schweinen dabei- gewesen? Auf welchen Wegen gingen die Erkrankten vorzugsweise spazieren?

Die Mikrobenjäger überprüften beim Wetteramt Windrichtungen und Wetterlagen der letzten Monate sowie die Wanderungen der Schafe und Rinder im Ort.

Bei einem Informationsabend im Dorfgemeinschaftshaus nahmen sie rund 150 Menschen Blut ab. Die Untersuchungen,

die an der Uni Gießen in Kürze beendet werden, sollen den Durchseuchungsgrad mit Q-Fieber-Erregern enthüllen.

Bis zur Gründung der Berliner Seuchen-Truppe existierte in Deutschland keine Behörde, die einen solchen Ausbruch so intensiv untersucht hätte. Dabei ist es »schon lange viel zu gefährlich geworden«, mahnt Schwartländer, »die Infektionskrankheiten als erledigt zu betrachten«. Ärzte wie Politiker hatten das während der letzten 30 Jahre gern so gesehen und die Etats für Seuchenmediziner zusammengestrichen. Lange Zeit schienen Impfungen, Antibiotika und andere hochwirksame Medikamente aus den Labors der Pharmaindustrie die alten Menschheitsplagen besiegt zu haben.

Doch jetzt schlagen viele schon vernichtet geglaubte Erreger mit neuer Wucht zurück. Gegen Malaria oder Tuberkulose, Cholera und Ruhr verlieren moderne Medikamente an Wirkungskraft, weil zahlreiche Mikroben gegen sie resistent geworden sind.

Dazu fallen neue Krankheitskeime wie das Aids-Virus, der Erreger der Legionärskrankheit, das Ebola- oder das Hanta-Virus über die Menschheit her. Mit Flugzeugen und Frachtschiffen wandern Mikroben aus den Tiefen des Urwaldes an jeden Ort der Welt.

»Wir stehen an der Schwelle zu einer globalen Krise«, warnte WHO-Direktor Hiroshi Nakajima im Mai. Weltweit 17 Millionen Menschen wurden 1995 von Infektionskrankheiten dahingerafft. Am meisten gefährdet sind nach wie vor Menschen in Entwicklungsländern. Doch auch in Deutschland rüsten Mikroorganismen zu neuen Angriffen auf den Menschen:

* Beim Ausbruch spezieller E-coli-Bakterien ("Ehec") in Bayern starben seit Juli 1995 sieben Kinder. Die Ehec-Bakterien sind neu - Viren hatten in die harmlosen Darmbewohner fremde Gene eingeschleust und sie so in potentielle Killer verwandelt.

* Vielfach resistente Stämme von Tuberkulose und die Diphtherie drohen aus Osteuropa nach Deutschland eingeschleppt zu werden.

* Resistenzen machen auch die Behandlung von Infektionen immer schwieriger, die sich Patienten im Krankenhaus zugezogen haben.

Monate hatten die Berliner Experten gebraucht, ehe sie eine Charge verseuchter Teewurst als wahrscheinlichste Quelle der Ehec-Epidemie in Bayern ausmachten. Anders diesmal in Rollshausen: Schon nach wenigen Tagen der Indiziensuche fügten sich dort die Daten zu einem konkreten Verdacht zusammen.

Auf der Karte mit den Kranken war die Herborner Straße im Ortskern deutlich als Hauptinfektionsgebiet auszumachen. Hier wohnt auch Anja Schneider, die als eine der ersten erkrankte. In 300 Meter Luftlinie von ihrem Haus entfernt liegt der Winterstall von Willi Bopper, 67, dem Schäfer von Rollshausen.

Im Winter hatte Bopper über 1000 Schafe in dem Quartier stehen. 650 hatten gelammt - viel Arbeit für den Schäfer: »Manchmal waren das 22 Stück am Tag.«

Rund um den Jahreswechsel, so folgerte Epidemiologe Schwartländer, muß die Krankheitswelle hier ihren Anfang genommen haben: Der Q-Fieber-Erreger Coxiella burnetii gelangte vermutlich beim Geburtsvorgang mit dem Fruchtwasser in die Außenwelt. Dort trocknete das unverwüstliche Bakterium ein. Später blies der Wind den Bakterienstaub tief hinein ins Dorf und durch die Fenster in die Häuser, wo die Menschen ihn einatmeten. Nach einer Inkubationszeit von bis zu 39 Tagen wurden sie krank.

Zahlreiche Indizien paßten zum Verdacht. Während der Epidemie herrschte dauernder Westwind. Manche der später Erkrankten waren gern rund um den Schafstall spazierengegangen. Und schließlich: Willi Bopper hatte bei seinen Schafen ungewöhnlich viele Fehlgeburten zu beklagen - nachträglich ein Anzeichen für eine Q-Fieber-Epidemie unter seinen Tieren (die ansonsten während der Erkrankung beschwerdefrei bleiben).

Seither hat Bopper einen schweren Stand im Dorf, obwohl ihm kein Veterinär einen Vorwurf machen könnte. Seit 53 Jahren zieht er mit seinen Schafen über die Wiesen, doch jetzt wird er geschnitten. Beim traditionellen Beerdigungskuchen geht er leer aus. Seine englischen Schafscherer haben ihn sitzen- lassen. Der Metzger kauft ihm kein Fleisch mehr ab - obwohl sich Menschen durch Verzehr von Lammkeulen oder Steaks nicht mit Q-Fieber-Erregern anstecken können.

Bopper nimmt die Härten mit Trotz: »Ich muß abends die Schafe satt haben, alles andere ist mir egal.«

In der Indizienkette fehlt dem Bakteriendetektiv Schwartländer allerdings noch ein entscheidendes Glied: Der Erreger war noch nicht zu finden.

Stichproben an Boppers Schafen lieferten noch kein eindeutiges Ergebnis. Das Bakterium könnte sich inzwischen verflüchtigt haben, doch es hinterläßt eine Art Schleifspur im Blut der Tiere. Weitere Antikörpertests sollen deshalb folgen, positive Schafe müßten dann nach dem Bundesseuchengesetz gekeult werden.

Wie viele der sechs verstorbenen Rollshausener den Folgen des Q-Fiebers erlegen sind, ist gleichfalls ungewiß. Ein Mann starb mit Sicherheit an Krebs, doch bei den übrigen kann der Verdacht, daß die Q-Seuche sie ins Grab brachte, nicht mehr ausgeräumt werden.

Fast alle waren hochbetagt, mindestens einer starb an einer Lungenkomplikation, die auch beim Q-Fieber möglich ist. Kein Arzt hat die Leichen auf den Q-Fieber-Erreger untersucht. Mit der seltenen Infektionskrankheit haben Mediziner meist nur einmal in ihrem Leben zu tun - als hinterlistige Fangfrage im Staatsexamen.

Für das Marburger Gesundheitsamt unterdessen fängt das Q-Fieber-Drama von vorne an. Vor zwei Wochen wurde ein neuer Ausbruch gemeldet: In Schweinsberg, weit von Rollshausen entfernt, sind sieben Menschen erkrankt. Wieder fehlt vom Erreger jede Spur.

* An den Centers for Disease Control in Atlanta.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 86 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.