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Gefahr im Schlummertrunk

Viele Schlaflose greifen allzu leicht zur Tablette - und unterschätzen die Risiken der Sucht. Ärzte unterstützen sie dabei häufig noch.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Den Geschmack der Tropfen hat Beate Färber* noch immer auf der Zunge. Herb wie Grapefruitsaft waren sie, bitter, eigentlich eher widerlich. Und doch so unwiderstehlich. In ihrer Handtasche hatte Färber, 48, stets ein Fläschchen Diazepam griffbereit, um sich in unbeobachteten Momenten ein wenig Flüssigkeit in den Mund zu träufeln. Drei-, vier-, fünfmal täglich. Schon seit Jahren konnte ihr das zwar nicht mehr die Angst nehmen, es beruhigte sie auch längst nicht mehr oder wiegte sie gar in den Schlaf. Aber ihr Körper brauchte das.

Ihr Körper braucht die Tropfen auch heute noch. Sie sind jetzt versteckt in dem Tee, den sie von den Krankenschwestern in Ochsenzoll bekommt, der Hamburger Asklepios Klinik Nord für Psychiatrie. Jeden Tag tun sie einen kleinen Spritzer weniger hinein. Beate Färber will ihrem Körper den Stoff abgewöhnen, den sie sich 20 Jahre lang eingeflößt hat. Ihr Magen und ihr Darm sind kaputt, ihre Seele hat gelitten. Die Augen der kräftigen Frau mit den hochtoupierten dunklen Haaren sind schwarz umrändert. Ihr Leben liegt in Scherben, sie will jetzt reparieren, was noch zu reparieren ist.

Rund eine Million Menschen sind in Deutschland nach Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie von Benzodiazepinen abhängig. Die stoßen den Schlaf an, lösen Ängste und entspannen die Muskeln. »Ein mittellang wirksames Medikament erzeugt einen angenehmen Schlaf, man fühlt sich einfach gut und erholt«, sagt Gerd Glaeske, Pharmaexperte am Bremer Zentrum für Sozialpolitik. Von natürlicher Regeneration können Millionen schlafgestörter Menschen nur träumen. Doch kann ihnen bloß noch die Chemie die ersehnte Ruhepause verschaffen?

»Nur die wenigsten brauchten Schlafmittel, die ja nur die Symptome und nicht die Ursache beseitigen«, sagt Geert Mayer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und

* Name von der Redaktion geändert.

Schlafmedizin (DGSM). »Oft stecken Sorgen, Stress oder Krankheiten dahinter, die vorübergehen. Dann kehrt auch der Schlaf zurück.«

Vor allem alte Menschen klagen häufig über quälend lange Wachphasen. Dass der Schlaf im Alter leichter wird, ist normal. Doch schon die Einsamkeit am Tag plagt viele, da wollen sie wenigstens eine angenehme Nachtruhe. 68 Prozent der Schlaf- und Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine wurden 2008 für über 60-Jährige verschrieben, so die Techniker Krankenkasse.

Eine besondere Risikogruppe für Pharmakamissbrauch seien die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, warnt der Mainzer Schlafforscher Reinhard Steinberg in der Fachzeitschrift »Psychotherapie im Dialog«. Benzodiazepine würden hier besonders häufig verschrieben; die geringe Gefahr, selbst bei hohen Dosen den Körper akut zu schädigen, verleite offenkundig zu breiter Anwendung. Dazu trügen auch »überzogene Ordnungsvorstellungen mit Nachtschlafperioden zwischen 18 und 7 Uhr« bei. Schlafforscher Mayer sieht eine der Ursachen im Personal, das häufig überfordert sei. Nicht Müdigkeit, sondern der Schichtdienst bestimme den Schlafrhythmus in den Heimen.

Klagt ein Patient über Schlaflosigkeit, müsste der Arzt zunächst erkunden, was hinter dem Problem steckt: Sorgen, Schmerzen, Drogenkonsum, eine Atmungsstörung, Krankheit, eine Depression? Vielen würden vielleicht schon ein paar Verhaltenstipps zum richtigen Schlafverhalten weiterhelfen.

Die Praxis sieht oft anders aus. Wenn Frau Meier mit ihren Schlafstörungen zu Doktor Schulz kommt, hat der meist keine Zeit, nach den Hintergründen zu forschen. Schließlich sitzen noch mehr Leute im Wartezimmer. Der Arzt rät vielleicht zunächst zu Baldriantropfen. Spätestens wenn Frau Meier nach einer Woche wieder kommt, greift er zum Rezeptblock und verschreibt ein Schlafmittel. Besonders effektiv - zumindest für ein paar Tage bis zwei Wochen - sind die Benzodiazepine: Die kleinen Wunderwerke aus dem Zauberkasten der Pharmaindustrie docken im Gehirn direkt an jene Rezeptoren an, über die der Botenstoff Gaba beruhigend auf den Körper wirkt. So eignen sie sich nicht nur für Schlaflose, sondern auch für Angstpatienten, die einen großen Teil der Abhängigen ausmachen. Daneben spielen sie bei der Therapie von Krampfanfällen und bei operativen Eingriffen zur Muskelerschlaffung eine wichtige Rolle.

Als Beate Färber 1988 ihr erstes Benzodiazepin nahm, wollte sie eine kurze Verschnaufpause von ihrem schwierigen Leben. Die älteste Tochter war acht Jahre alt und schwer krank, Färber musste außerdem Zwillinge und ein Neugeborenes versorgen. Der Mann verspielte und versoff fast ihre gesamte Erbschaft. Nachts versuchte er manchmal, seine Frau mit einem Kissen zu ersticken. »Ich konnte einfach nicht mehr«, sagt Färber.

Ihr Arzt verstand das. Als sie seine Praxis verließ, hatte sie das Rezept für ihr erstes Fläschchen Diazepam in der Tasche. »Tagsüber hatte ich keine Angst mehr, und nachts konnte ich wieder schlafen«, erinnert sich Färber. »Das hat unglaublich gutgetan.« Doch schon bald halfen die Tropfen nicht mehr. Da riet ihr der Arzt, halt ein paar mehr zu nehmen. Als auch das nicht mehr half, sagte er: »Das ist aber kein Dauerzustand« - und verschrieb eine neue Flasche.

Das Problem bei den Mittelchen: Wer nach ein paar erholsamen Nächten mit Valium, Rohypnol oder Tavor versucht, wieder chemiefrei einzuschlafen, leidet oft unter dem, was Mediziner »Rebound-Insomnie« nennen. Die Schlaflosigkeit kehrt zurück - mit voller Wucht. Das Einschlummern dauert eine gefühlte Ewigkeit, die Nächte sind kurz und häufig unterbrochen. Der Grund: Schon nach kurzer Zeit kann der vom Körper produzierte beruhigende Botenstoff seine Wirkung nicht mehr entfalten, weil der Organismus in einer Gegenreaktion auf das Pharmakon die notwendigen Rezeptoren abbaut. Schlafstörungen, Zittern oder Schwitzen sind die Folge.

Für viele ist das der Zeitpunkt, erneut zu den Pillen zu greifen - der erste Schritt in die Abhängigkeit ist getan. Sobald die Packung leer ist, tut sich jedoch ein Problem auf: Die Schlafmittel gibt es nur auf Rezept in der Apotheke.

Doch was als Kontrollinstanz gedacht ist, funktioniert in Deutschland eher schlecht als recht. Erst kürzlich hat eine Untersuchung des Hamburger Instituts für Interdisziplinäre Suchtforschung ergeben, dass hierzulande mehr als 1,5 Millionen Menschen ihre Schlummerpillen viel länger nehmen, als die Leitlinien der DGSM es empfehlen, nämlich maximal zwei Wochen.

800 000 Patienten sind demnach Dauerkonsumenten, 130 000 davon schwerst- abhängig. Frauen sind dabei mit 59 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer. »Sie sprechen offener mit ihrem Arzt über Sorgen und Schlafprobleme«, meint Pharmaexperte Glaeske, »und bekommen daher auch öfter Schlafmittel.«

Ärzte als Dealer in Weiß? Immerhin wissen die Mediziner genau, dass Benzodiazepine süchtig machen: Nachdem Librium, das erste Mittel dieser Wirkstoffklasse, 1960 in den USA zugelassen worden war und alle anderen bis dahin gängigen Hypnotika so gut wie vom Markt gefegt hatte, wurden die Arzneien 1974 in den USA und 1984 in Deutschland als psychisch und physisch abhängig machend eingestuft.

In den letzten Jahren üben zudem Krankenkassen und medizinische Fachgesellschaften zunehmend Druck auf Ärzte aus, die Benzodiazepine zu lang verschreiben - mit Erfolg, wie die Statistik zu beweisen scheint: Die Verordnungen von Schlafmitteln, die in Deutschland über die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) abgerechnet werden, sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Während 1993 noch 11 Millionen Packungen verschrieben wurden, waren es mehr als zehn Jahre später nur noch 2,5 Millionen.

Allerdings: »Die Industriedaten bestätigen diese enorme Abnahme nicht«, sagt Gesundheitsökonom Glaeske. Mit Kollegen verglich er die von Ärztefunktionären vielgerühmten Verschreibungsdaten mit den Einkäufen der Apotheken. Die gingen aber nur von 12,7 Millionen auf 5,6 Millionen Packungen zurück. Glaeskes Schlussfolgerung: »Die Ärzte verschreiben Benzodiazepine zunehmend über Privatrezepte.« Denn diese werden bei der GKV nicht erfasst, »unangenehme Nachfragen der Krankenkassen bleiben den Medizinern so erspart«, sagt der Pharmakritiker.

Damit machen sich die Ärzte jedoch zu Komplizen der Abhängigen. »Mehr als die Hälfte aller Verschreibungen dienen der Langzeitbehandlung und da- mit der Aufrechterhaltung der Sucht«, schätzt Glaeske.

Zudem weichen Mediziner zunehmend auf eine neuere Wirkstoffklasse aus, die sogenannten Z-Hypnotika. Medikamente mit den Wirkstoffen Zolpidem, Zopiclon oder Zaleplon wirken zwar an denselben Rezeptoren wie Benzodiazepine, docken aber an einer anderen Bindungsstelle an. Daher hatten sie jahrelang den Ruf, nicht süchtig zu machen. Wer sie schluckt, schlummert sanft ein und schläft aufgrund der kurzen Halbwertszeit meist die ganze Nacht durch - Hang-over-Effekte am nächsten Tag gibt es kaum.

»Die Medikamente spielen mittlerweile eine sehr wichtige Rolle bei der Therapie von Schlafstörungen«, sagt Falk Kiefer, Leitender Oberarzt am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. »Seit 1992 haben die Verschreibungen um mehr als die Hälfte zugenommen.«

Und auch bei diesen Medikamenten hat Pharmaexperte Glaeske eine auffallende Diskrepanz zwischen GKV-Rezepten und Verkäufen in der Apotheke gefunden: »Ähnlich wie die Benzodiazepine werden auch die Z-Hypnotika immer mehr auf Privatrezepten verschrieben«, so der Wissenschaftler.

Demnach blieb die gesamte Menge der verkauften Schlafmittel seit Anfang der neunziger Jahre relativ konstant, allerdings mit weniger als der Hälfte auf Kassenrezept. Die Daten der gesetzlichen Kassen spiegeln den tatsächlichen Konsum von Schlafmitteln mit Abhängigkeitspotential nicht mehr wider.

Denn das Problem ist: Nach wochenlanger Einnahme verlangen Patienten auch die vermeintlich ungefährlichen neuen Präparate immer hartnäckiger - ihr Körper braucht sie inzwischen. »Z-Hypnotika können auch abhängig machen, deshalb sollten sie nur in Intervallen mit längeren Pausen eingesetzt werden«, sagt Schlafforscher Mayer.

Als medikamentöse Alternativen bleiben Psychopharmaka wie Antidepressiva oder Neuroleptika, pflanzliche Präparate und Melatonin, das Hormon, das den Schlaf-wach-Rhythmus lenkt. Unter dem Markennamen Circadin ist es EU-weit zugelassen. Weil viele Menschen mit einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung niedergeschlagen sind, bieten sich häufig auch bestimmte Antidepressiva an. Sie lösen Ängste und Anspannungen, die den Schlaf verhindern, machen aber nicht abhängig.

Neuroleptika setzen Ärzte normalerweise nur dann ein, wenn auch eine psychiatrische Störung vorliegt. In Ochsenzoll, wo Beate Färber derzeit ihren Körper von den Benzodiazepinen entgiften will, kann sie sich eine solche Arznei geben lassen, wenn die Entzugserscheinungen zu stark werden. Diese schwachen Psychopharmaka, niedrigpotente Neuroleptika, machten nicht süchtig, sagt ihr behandelnder Psychiater Ulrich Mautsch, Oberarzt an der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen. »Denn die Wirkung ist nicht nur positiv. Viele empfinden ein nicht nur angenehmes Distanzgefühl zu sich und der Welt.«

Bleibt noch die Kräuterküche: Baldrian, Hopfen und Melisse wird von Heilkundlern eine einschläfernde Wirkung zugesprochen, für Schulmediziner sind sie bloße Placebos. »Der objektive Nachweis einer hypnotischen Wirkung solcher Präparate ist insgesamt bislang nicht überzeugend gelungen«, heißt es im Arzneiverordnungsreport. Seit sechs Jahren werden diese nicht rezeptpflichtigen pflanzlichen Präparate für Erwachsene nicht mehr von den Kassen erstattet. Von 2003 auf 2004 brach daraufhin der Umsatz ein.

Dabei könnten Hopfen und Co., so die Pharmakologen Martin Lohse und Bruno Müller-Oerlinghausen, helfen, »die Entwicklung einer Benzodiazepin-Abhängigkeit zu vermeiden«. Denn die süchtig machenden Präparate sind leider leicht erschwinglich, selbst wenn die Patienten sie mit Privatrezept aus eigener Tasche bezahlen müssen: Ein durchschnittlicher Vorrat Benzodiazepine für zwei Wochen kostet nur zehn Euro.

Auch Beate Färber konnte sich 20 Jahre lang ihre Sucht leisten - obwohl ihr Mann, von dem sie inzwischen geschieden ist, nicht nur ihren Schmuck und die Möbel, sondern auch das Geld fürs Essen vom Sozialamt verspielte. »Mein Körper hatte so ein riesiges Verlangen nach dem Stoff, und meine Gedanken kreisten nur noch darum, wie viele Stunden ich noch bis zur nächsten Dosis warten muss«, sagt sie und knetet ihre Hände. Nur ein einziger Arzt wollte ihr nach mehreren Monaten keine neuen Tropfen mehr verschreiben. Da hat sie sich eine andere Praxis gesucht.

Wie hart die Entwöhnung von den vermeintlich harmlosen Helferchen ist, erlebt Färber gerade schmerzhaft. Oft zeigt erst ein Absetzversuch, wie stark sich der Körper an die Dosis Chemie gewöhnt hat. Der Gepeinigte kann nicht mehr in den Schlaf finden, sein Kopf dröhnt, die Glieder zittern, Schweiß rinnt aus seinen Poren, er wird aggressiv oder ängstlich.

Vor allem bei älteren Patienten drohen zudem psychische Probleme: Sie hören Stimmen, werden paranoid, fühlen sich nicht mehr ihrem eigenen Körper zugehörig. »Drogensüchtige, die sowohl von Heroin als auch von Benzodiazepinen loskommen wollen, sagen oft, dass ein Entzug von den Schlafmitteln weit schlimmer ist«, berichtet Psychiater Kiefer.

Ihre erste Entgiftung versuchte Beate Färber vor einem Jahr. Das war, nachdem ihr Ex-Mann sie vor einen fahrenden Bus gestoßen hatte und ihre Magen- und Darmgeschwüre in einer Not-OP entfernt worden waren. »Ich konnte mich wochenlang nicht bewegen und war komplett von fremder Hilfe abhängig«, erzählt Färber. »Seitdem weiß ich, dass es so nicht weitergehen kann.«

Mit einem Hausarzt, der ihr jeden Tag eine kleinere Medikamentendosis nach Hause brachte, schaffte sie den Entzug - fast. Eines Tages bekam sie plötzlich eine Panikattacke. Sie hyperventilierte, der Notarzt kam. Und spritzte ihr, nichtsahnend, zur Beruhigung Diazepam. »Schon am nächsten Tag«, sagt sie, »war ich wieder voll drauf.«

Zu Hause und allein gelingt ein Entzug nur selten, oft müssen die Süchtigen in ein Krankenhaus. »Wer direkt nach der Entgiftung in der Klinik ohne professionelle Hilfe in seinen Alltag zurückkehrt, wird zu 90 Prozent wieder rückfällig«, sagt Ulrich Mautsch, der neben Färber viele Abhängige behandelt. »Von denen, die sich etwa in einer Rehaklinik ambulant oder stationär weiterbehandeln lassen, bleiben 40 bis 50 Prozent abstinent.« Anders als Alkoholabhängige kommen die Rückfälligen meist nicht so schnell wieder: »Benzodiazepine machen so schön ruhig, deswegen ecken die Süchtigen im Gegensatz zu Alkoholikern kaum an«, sagt Mautsch. »Häufig bemerkt die Umgebung den Rückfall nicht einmal.«

Hausärzte stehen vor allem bei älteren Menschen häufig vor der schwierigen Frage, was dem Patienten mehr schadet: die Abhängigkeit oder ein Entzug. Psychiater Kiefer kennt zahlreiche Frauen um die siebzig, die bereits seit Jahren »Mutters kleine Helfer« schlucken, wie die Rolling Stones sie nannten. »Viele nehmen eine Pille pro Tag, steigern die Dosis nicht, fühlen sich nicht abhängig und funktionieren im Alltag«, so Kiefer. »Ärzte fragen sich oft, ob in den Fällen nicht eine kontrollierte Abhängigkeit besser ist als ein Entzug.«

Aber harmlos ist auch diese Niedrig-Dosis-Abhängigkeit keinesfalls. Wer monate- oder jahrelang Benzodiazepine schluckt, verändert sich psychisch. »Die Pillen flachen Empfindungen ab«, erläutert Kiefer. Die Menschen werden teilnahmslos, ziehen sich zurück, werden noch einsamer. Weil die Pillen auch die Muskeln entspannen, können gerade alte Menschen Feinmotorik und Gang oft nicht mehr steuern. Sie stürzen, ziehen sich Brüche zu und landen nicht selten im Rollstuhl oder Pflegeheim. Die Pillen selbst sind billig, aber die Folgen der Sucht kosten ein Vermögen.

Auch Beate Färber hat ihren Körper langsam zerstört. Heute kann sie nur noch ein paar hundert Meter gehen, dann streiken ihre Muskeln. Ihre Kinder sieht sie deshalb nur noch selten. Eine der Töchter hat sie kürzlich mit dem jüngsten Enkel in der Entzugsklinik besucht. Der sechs Monate alte Junge weinte, als seine Großmutter ihn auf den Arm nehmen wollte. »Dass er mich nicht kennt, bricht mir das Herz«, sagt Färber. »Ich will nach dem Entzug wieder für meine Familie da sein.« Ihr Gesicht bleibt dabei regungslos, Gefühle sind darin nicht zu erkennen.

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