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Gefangen in der Spirale

Etwa jeder zehnte Deutsche leidet an chronischen Schlafstörungen. Viele können nicht abschalten, grübeln über ihr Wachsein - und leiden am Tag unter Müdigkeit. Sie brauchen Hilfe von Spezialisten.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Er schläft: Vivian schmilzt vor Rührung dahin, als sie aus dem Bad kommt und im Bett den schon selig schlummernden Edward erblickt. Der schläft sonst so gut wie gar nicht, höchstens »ein wenig auf der Couch": Edward ist Workaholic, wie er selbst sagt, ein Finanzhai, immer auf der Jagd nach dem großen Geschäft.

Diesmal aber hat er einen außergewöhnlichen Tag hinter sich. Vivian hat ihn verführt: zu Picknick im Park, Vorlesen im Gras, barfüßigem Nichtstun.

»Pretty Woman«, das Hollywood-Märchen vom Millionär und dem Gossengirl, ist auch eine Parabel dafür, dass es außer Profit noch andere Werte gibt. Mal nicht von Anspruch und Druck getrieben, nach einem erfüllten Tag, fallen dem Spekulanten die Augen einfach zu. Vivian hat er kennengelernt, als er sie nach dem Weg fragte - mit ihrer Hilfe findet er nun den richtigen.

Edward alias Richard Gere ist für Somnologen ein klassischer Fall: »Wer sich tagsüber unter ständigen Druck setzt, ist ein Kandidat für Schlaflosigkeit«, sagt Dieter Riemann, Psychotherapeut und Chefsomnologe an der Abteilung für Schlafmedizin der Universität Freiburg. Anhaltender Stress, so Riemann, stimuliere diese Hochaktiven derart, dass sie schließlich gar nicht mehr abschalten können: »Der Umschaltprozess zwischen Schlafen und Wachen ist dauerhaft gestört.«

Chronische Übererregung spielt eine Schlüsselrolle in der modernen Schlafmedizin: »Hyperarousal« heißt das Phänomen, das »natürlich mit unserem Lebensstil zu tun hat«, wie Riemann erklärt. Menschen wie Edward bleiben selbst im Schlaf auf Touren. Das zeigt sich bei Messungen ihrer Hirnwellen, die auch nachts immer noch in hohen Frequenzen herumtoben. Das Stresshormon Cortisol wird im Übermaß ausgeschüttet, noch erforscht werden auch molekulargenetische Besonderheiten bei den schlaflosen Hyperaktiven.

Unter den Patienten, die sich im Freiburger Schlafzentrum einfinden, sind viele derart Aufgedrehte. Sie zählen zu all jenen, die morgens nicht erholt, sondern geradezu zerschlagen aufstehen. Wem das nicht nur gelegentlich, sondern mehr als dreimal wöchentlich und mehr als einen Monat lang so geht, der leidet unter einer echten »Insomnie« - und die ist laut Riemann »weit mehr als eine Befindlichkeitsstörung«.

Im Lauf der langjährigen Schlafstörungen, so Riemann, »entwickelt sich eine Verwilderung der biologischen Rhythmen«. Die bringt Nerven und Seele und schließlich den ganzen Organismus aus der Balance. Chronisch schlechter Schlaf begünstigt auf Dauer Depressionen, Forscher bringen auch Herz-Kreislauf-Leiden und Diabetes sowie Übergewicht in Zusammenhang mit Schlafstörungen.

Die typische Klientel der Schlafabteilung, sagt Riemann, sind Erwachsene ab 18 Jahren, manchmal ist auch ein Schüler dazwischen. Im Durchschnitt sind die Ratsuchenden Mitte vierzig, zwei Drittel von ihnen sind Frauen, sehr viele Patienten kämpfen schon rund zehn Jahre mit dem Problem, 80 Prozent haben bereits Erfahrung mit Medikamenten. Die chronische Störung geht durch alle gesellschaftlichen Schichten - »vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Regierungsdirektor sind alle davon betroffen« (Riemann).

Etwa jeder dritte Deutsche leidet nur gelegentlich am Nichtein- oder Nichtdurchschlafen. Ständige, behandlungsbedürftige Schlafstörungen sind ein Übel, das jeden Zehnten betrifft und somit »weit gefasst als Volkskrankheit« gelten kann, wie Professor Geert Mayer sagt, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Die Insomnie wird indessen immer gründlicher erforscht und differenzierter behandelt. Keimzelle der systematischen Behandlung und Erforschung war die schon Anfang der siebziger Jahre gegründete Schlafabteilung in der Hephata-Klinik im hessischen Schwalmstadt-Treysa, die Mayer leitet. Mittlerweile ist die Zahl der Kliniken mit eigenen Schlaflabors auf mehr als 300 angestiegen.

Viele Somnologen konzentrieren sich dort nach wie vor auf das vor allem bei älteren Männern weitverbreitete Schlafapnoe-Syndrom, das beispielhaft ist für die Wechselwirkungen zwischen Schlaf und Gesundheit. Immer wieder kommt es bei dieser Störung, in Verbindung mit heftigem Schnarchen, zu gefährlichem Atemstillstand. Auf diese Weise kurzzeitig mit Sauerstoff unterversorgt und unbewusst geweckt, sind sie tagsüber ständig müde, ihr Risiko, an Lungenhochdruck oder Herzschwäche zu erkranken, ist auffällig hoch.

Doch die Facetten der Schlafstörungen sind zahlreich, Ursache und Wirkung oft schwer zu ermitteln, betont Somnologe Claudio Bassetti von der Neurologischen Klinik der Universität Zürich. Eine Vielzahl von Faktoren müsse erkundet werden, psychische und körperliche Einflüsse, aber ebenso erlernte Verhaltensweisen. Obwohl sie durchschlafen könnte, wacht beispielsweise eine Mutter, nachdem sie längere Zeit nachts ihr Kind gestillt hat, auch weiterhin noch auf.

Insgesamt 88 verschiedene Krankheitsbilder von Schlafstörungen unterscheiden die Ärzte mittlerweile. Außer den chronischen Ein- und Durchschlafstörungen können noch Dutzende von besonderen Beschwerden die Nacht zur Pein und den Tag anstrengend machen.

Besonders zermürbend ist das unbeherrschbare Zappeln der Beine (Restless-Legs-Syndrom), das die Opfer nachts aus den Federn treibt, ihre Zahl wird auf 800 000 in Deutschland geschätzt. Aber auch sogenannte Parasomnien wie Schlafwandeln und Alpträume mit heftigen Angstausbrüchen und Schreien machen vielen schwer zu schaffen. Kopfschmerzen, verkrampfte Muskeln am Kiefer und an den Schläfen können auf nächtlichen »Bruxismus« zurückgehen: Unbewusst pressen die Betroffenen im Schlaf ihre Kiefer aufeinander, der Druck beim Knirschen ist oftmals so stark, dass ihre Partner vom lauten Geräusch geweckt werden.

In Tagesschläfrigkeit äußern sich sogenannte Hypersomnien, zu häufig dösen die Betroffenen vor sich hin. Regelrecht behindert und gefährdet sind in ihrem Alltag jene, die unter »Narkolepsie« leiden. Immer noch, so Narkolepsie-Experte Mayer, sei die Erkrankung »unterdiagnostiziert«, rund 40 000 Betroffene in Deutschland gibt es. Die Dunkelziffer ist hoch. Tagsüber von jähen, manchmal ohnmachtsähnlichen Schlafattacken heimgesucht, müssen sie ihr gesamtes Leben auf diese Störung ausrichten. Von den zahlreichen Selbsthilfeverbänden in der Schlafmedizin ist die Deutsche Narkolepsie-Gesellschaft in Kassel der älteste, der Verband wurde schon 1980 gegründet.

Viele, die an Ein- und Durchschlafstörungen leiden, arbeiten sich in eine Spirale hinein. Darin sieht sich, seit fünf Jahren, Christina Schell, 59, gefangen. Am Anfang stand, wie bei manch anderen Leidensgenossen, ein Trauma: Die Friseurmeisterin aus Bremen verlor 2003 ihren Mann durch Suizid. Damals nahm sie die ersten Schlaftabletten, bis heute geht es nicht ohne - trotz vieler Therapiestunden, trotz Sport und Entspannungstraining: »Du kannst den Yogalehrer neben mich stellen, und ich schlafe nicht ein«, sagt sie. Mit jedem Zubettgehen kommt die Angst vor dem Erinnern - und der Griff zur Tablette: »Bloß nicht wach liegen, das ist mein Gedanke, wenn ich mich auf die Matratze begebe.« Doch das Schlafmittel wirkt meist nur ein paar Stunden, immer wieder sieht sie nachts auf die Uhr, überlegt dann, ob es noch früh genug ist, »etwas nachzuschießen«.

»Wenn man nicht mehr schlafen kann, merkt man erst, wie viel Spaß es macht zu schlafen.« Walter Dorse, 65, ihr neuer Lebensgefährte, wird von seinen »Wackelbeinen« aus dem Bett hochgetrieben: In den Waden kribbelt und krampft es, das Restless-Legs-Syndrom, das sich auch tagsüber bei längerem Sitzen einstellt, raubt ihm nachts viele Stunden.

Mittags sind beide oft todmüde, mit ihren Schlafstörungen haben sie einander noch wechselweitig geweckt, dennoch mögen sie nicht getrennt schlafen. Sie versuchen, so Dorse, »aus jedem Tag trotzdem etwas Gutes zu machen«.

Ein lange zurückliegendes Trauma macht auch Ulrich Schnapauff, 69, für seine fast schon lebenslange Insomnie verantwortlich: Bombenalarm riss ihn als Kleinkind jäh aus dem Schlaf. Mit Eltern und sechs Geschwistern ging es in die überfüllten Hamburger Luftschutzkeller, wo Angst und Kindergeschrei alle wach hielt. In der Nachkriegszeit fand der Junge in der beengten, mit Fremden überbelegten Wohnung keinen Schlafplatz. So übernachtete er auf dem kalten Trockenboden oder auf einer Liege in Vaters Arztpraxis - bis dort morgens um sechs der Betrieb begann.

»Die Zeit zieht sich nachts so zäh in die Länge«, sagt Journalist Schnapauff, der das regelmäßige, lange Wachliegen aber schon als Junge genutzt hat: »In einem halben Jahr schaffte ich nachts 36 Bände Karl May.« Als Student las er auf diese Weise »den ganzen Balzac«.

Kaum einen Tag im Jahr gibt es, an dem Schnapauff durchschläft. Nach all den Jahren habe er sich mit seiner Schlaflosigkeit eingerichtet, sagt der Schlechtschläfer.

Aus Resignation, zum eigenen Schutz, versuchen auch andere, das chronische Übel anzunehmen, statt ständig dagegen anzugehen: »Willkommen, ihr Schlafstörungen«, scherzt Jenni Brunner, Sekretärin in München. Die 34-Jährige lag schon als Kind lange wach, während die Geschwister schliefen, die Mutter litt schwer an gestörtem Schlaf. Tabletten hat Brunner nur einmal, drei Tage lang, genommen - sie halfen ihr nicht. Nach zehnjährigem Experimentieren mit Selbsthilfegruppen und auch mit Verhaltenstraining fühlt sie sich längst »austherapiert«, nach den Gründen für ihren schlechten Schlaf hat sie vergebens gesucht, vielleicht hat sie ihn von der Mutter geerbt?

Seit Jahren nutzt sie nun die Nacht auch zum Wäschemachen und Bügeln. Im Urlaub, trotz Entspannung auch dort schlaflos, läuft sie mit ihrer Freundin, einer Leidensgenossin, manchmal durch die Nacht, die beiden machen ihre Späße darüber. »Doch morgens sieht man uns das an.«

Obwohl die Schlafmedizin in den vergangenen zehn Jahren »einen Quantensprung« gemacht hat, haben es Patienten mit Ein- und Durchschlafstörungen in Deutschland immer noch schwer, eine angemessene Behandlung zu finden, kritisiert Tilmann Müller vom Interdisziplinären Zentrum für Schlafmedizin der Universität Münster. Mit dem zehnminütigen Standardgespräch beim Hausarzt sei es nicht getan. Eine Dreiviertelstunde brauche der Experte allein für die Anamnese, daran schließen sich meist gleich drei, vier Termine an. »Ohne Schlafprotokoll und später dann auch das Schlaftagebuch kommen wir den Ursachen nicht auf die Spur.«

Als erste Hilfe für all die Schlaflosen hat der junge Psychologe aus eigener Tasche ein detailliertes »Informationsangebot« im Internet zusammengestellt, zu finden unter schlafgestoert.de. Mit seiner Arbeit für die Patienten schlägt er sich selbst die Nächte um die Ohren, seinem Engagement kommt entgegen, dass er ein Abendmensch ist, »mit knapper Liegezeit von sechs Stunden«.

Die Krankenkassen akzeptieren die Diagnose Insomnie. Doch weil sie sich nicht ernst genommen fühlen, brechen viele Patienten die Therapie ab, weiß auch Schlafforscher Riemann. Eine »empathische Wertschätzung« sei sehr wichtig, viele Schlaflose würden durch »ein vorschnelles Suchen nach vermuteten psychologischen Ursachen« abgeschreckt. Routinemäßig seien Patienten vorher mit einem Rezept »rasch abgespeist« worden und nun überrascht, wie genau in der Schlafsprechstunde ihre Störung durchleuchtet werde.

Ganz einfache Fälle gebe es nur manchmal, berichtet der Somnologe: etwa den Mittfünfziger, der nicht durchschlafen konnte und erzählte, dass er seit 20 Jahren abends sein Viertel Wein trinke. Riemann: »Als er den Wein wegließ, waren auch seine Schlafstörungen weg.« Oder die angestrengte Berufstätige, die aus lauter Angst vor dem Nichtausgeschlafensein regelmäßig schon um neun ins Bett ging. Ihr half der simple Rat, länger aufzubleiben, sich erst um Mitternacht in die Kissen zu begeben.

Manch Älterer habe auch schlicht nur »unrealistische Erwartungen« an die Qualität seines Schlafs, sagt Riemann: Der ist schon mit 40 oder gar mit 60, 70 Jahren nicht mehr so selig und ununterbrochen wie mit 20.

Die meisten Schlaflosen brauchen Zeit, um mit Hilfe des Schlafkundlers nachts wieder zur Ruhe zu finden. Tabletten, die schnell wirken, sind zwar nicht mehr das rote Tuch für die Somnologen. Doch sie werden nur als kurzfristige Hilfe, höchstens für vier Wochen, akzeptiert (siehe Seite 58).

Im Vergleich zur Tablettenschluckerei, sagt Riemann, habe sich die Verhaltenstherapie als »hocheffektiv« erwiesen. Wer auf Dauer wieder besser schlafen wolle, müsse aktiv werden und sich fragen: »Was kann ich selber dazu tun, wie kann ich mein Verhalten und meine Einstellung ändern?«

Wie die Freiburger Somnologen setzen auch die Kollegen in dem halben Dutzend führender deutscher schlafmedizinischer Abteilungen auf ein Bündel von Maßnahmen, die meist kombiniert werden: auf die sogenannte Schlafhygiene mit ganz praktischen Grundregeln, auf Verfahren und Entspannungstechniken, die den Teufelskreis unterbrechen, der durch längst antrainiertes nächtliches Grübeln entstanden ist. Zur Therapie gehört ferner die richtige Strukturierung des Schlaf-wach-Rhythmus sowie die »Stimuluskontrolle": Das Bett soll die verlorengegangene Assoziation mit Schlaf zurückbekommen.

In besonders hartnäckigen Fällen erzeugen die Ärzte durch »Schlafrestriktion« eine sehr große Müdigkeit, der Druck zu schlafen kann auf diese Weise gestärkt werden (siehe Seite 54). Ins Schlaflabor mit seinen aufwendigen Untersuchungen geht es nur dann, wenn alle Wege der Verhaltenstherapie nicht zum Erfolg geführt haben (siehe Seite 48).

Zu den Grundregeln der »Schlafhygiene« gehört beispielsweise der Verzicht auf liebe Gewohnheiten: Die Somnologen raten, nach 14 Uhr keinen Kaffee, keinen Schwarztee und keine Cola mehr zu trinken. Auch Appetitzügler stören den Schlaf, weil sie das Nervensystem anregen, ebenso Alkohol, den manche Ärzte noch immer als Schlummertrunk empfehlen: Wein oder Bier taugen nur zum Einschlafen, nach mehreren Stunden tritt jedoch ein »Absetzeffekt« ein, der wach machen kann.

Der Tag soll ruhig ausklingen, ohne geistige und körperliche Anstrengung direkt vor dem Schlafengehen. Wer jedoch tagsüber körperlich aktiv ist, wissen die Somnologen, verschafft sich »erhöhte Tiefschlafanteile«. Den Wecker würden die Schlafmediziner ihren Patienten am liebsten wegnehmen: Wer schlaflos ist, dürfe nachts nicht auf die Uhr sehen.

Gegen das Kreisen der Gedanken verordnen die Mediziner auch autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation (PMR). 20 Minuten täglich müsse der Patient für die erlernte Methode einplanen, die er beispielsweise immer dann übt, wenn er nach Hause kommt. Im Wechsel werden bei der PMR verschiedene Muskelgruppen kurz angespannt und anschließend länger gelockert. Im Bett kann dann die gewohnte Übung zu tiefer Entspannung verhelfen.

Schlafgestörte sollten erst zu Bett gehen, wenn sie richtig müde sind, empfehlen die Somnologen. Wer länger wach liege, solle aufstehen und beispielsweise im Wohnzimmer Musik hören oder lesen. Vor allem aber müsse das Bett, für Insomniker der Ort vieler qualvoller Stunden, wieder seine Bedeutung als Hort des Schlummers erhalten.

In vielen Schlafzimmern werde vom Bett aus ferngesehen, gegessen, Radio gehört, kritisieren die Mediziner. Wer seinen guten Schlaf zurückmöchte, so Riemann und Kollegen, solle in den Kissen auf alle Aktivitäten verzichten - gestattet ist, als einzige Ausnahme: Sex.

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