Zur Ausgabe
Artikel 73 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Gefiederter Pfeil

Im nächsten Monat soll über Washington die Nachbildung eines riesenhaften Flugsauriers in den Himmel steigen: der amerikanische Aerodynamiker Paul MacCready hat das Rätsel des Saurierfluges gelöst. *
aus DER SPIEGEL 18/1986

Sanft strich der Santa Ana Wind vom Pazifik her über die San Gabriel Berge in die Mojave-Wüste. Lautlos, die gewaltigen Flügel träge schlagend, stieg eine Kreatur wie aus einem Alptraum gegen die Abendbrise in den schmutzigrosafarbenen Himmel.

Den schwertgleichen Schnabel angriffslustig vorgereckt, die sensenförmigen Schlingen vom schwanzlosen Rumpf gespreizt, zog die Nachtmahr gen Westen - unwirklich wie die Farben des Wüstenhimmels, alt wie die schrundigen Bergrücken im Süden Kaliforniens.

Fäuste stießen in den Himmel, ein vielstimmiges »Hurrah« dröhnte durch die stille Wüstennacht: Das Projekt »QN« hatte, am Abend des 7. Januar, seine Generalprobe glänzend bestanden.

Ein letztes Mal hatten die Konstrukteure des urzeitlichen Drachens dabei ihr Fluggebilde in der Mojave-Wüste getrimmt. Am 17. Mai soll die große Show folgen: Auf der Andrews Air Force Base bei Washington sollen Ehrengäste und Schaulustige mit wohligem Grusel den Flug des Monsters verfolgen. Wo sonst Ronald Reagan dem Präsidentenjet »Air Force One entsteigt, wird das Kunststoff-Fossil »Quetzalcoatlus northropi« seine Flügel ausbreiten - 200 Millionen Jahre nachdem der riesenhafte Flugsaurier die Lüfte beherrschte.

Es war die Idee und der Jungentraum eines Mannes, einen Urweltvogel wie Sindbads »Roch« zu mechanischem Leben zu erwecken und an den Himmel über Washington zu zaubern: Paul Mac-Cready, 60, ehemaliger Segelflug-Champion und genialer Aerodynamik-Ingenieur aus Kalifornien.

Im Juli 1984 brachte MacCready ein buntgemixtes Expertenteam am California Institute of Technology in Pasadena zusammen, um seinen Plan zu erörtern: Da diskutierten Paläontologen mit Nasa-Ingenieuren über Saurierknochen und Muskelkraft, fachsimpelten Robotsonden-Konstrukteure vom Jet Propulsion Laboratory mit Außenseitern im Aerodynamik-Gewerbe wie dem Designer der »Frisbee«-Wurfscheiben.

Alle wurden von MacCreadys fixer Idee infiziert und rackerten sich zwei Tage lang durch einen Wust von Fragen: Zu welchen Bewegungen waren Flugsaurier fähig? Wie schwer durften die lederhautigen Drachen allenfalls gewesen sein, um eben noch in die Luft zu kommen? Wie hatten die ersten Flieger der Erdgeschichte das schwierige Problem der Starts gemeistert? Vor allem aber - würde es möglich sein, ein flugfähiges Modell der Monstren zu entwickeln?

Über eines war die Caltech-Runde sich bald einig: »Wenn überhaupt einer so ein Ding in die Luft bringt«, erinnert sich der texanische Paläontologe Wann Langston, »dann MacCready": Der Kalifornier mit dem sechsten Sinn für die Launen der Lüfte, der Aerodynamiker mit dem Ruf, alles in die Luft zu bringen, was Flügel hat.

MacCready vollbrachte, worum das Universalgenie Leonardo da Vinci sich 16 Jahre vergebens bemüht und womit Anno 1811 Albrecht Ludwig Berblinger die Ulmer Schneiderzunft lächerlich gemacht hatte: Er konstruierte ein hauchzartes, lenkbares Fluggerät, das sich allein von menschlicher Kraft getrieben in die Lüfte schwang. *___MacCreadys »Gossamer Condor«, ein Gebilde von 30 Meter ____Flügel spannweite, aber nur 35 Kilogramm Gewicht, flog ____im August 1977 eine Achterschleife über 2,2 Kilometer ____Länge - triumphaler Weltrekord. *___Zwei Jahre später setzte MacCready noch eins drauf: Ein ____Radrennfahrer strampelte den »Gossamer Albatros« per ____Kettentrieb und Propeller über den Ärmelkanal von ____England nach Frankreich.

Gemessen an MacCreadys Projekt QN freilich waren die Gossamer-Tretflieger nur Fingerübungen eines Aerodynamik-Eleven: Welche Dimensionen, aerodynamischen Drehs und technischen Kniffe dem Tüftler MacCready beim Muskelflugzeug nötig erschienen - solange Manneskraft den Flieger vortrieb, waren sie erlaubt. Bei der Kopie des Urvogels gab die Natur Maße, Aerodynamik und Flugregeln vor - nur in engen Grenzen konnte MacCready tricksen.

Es war eine wissenschaftliche Sensation, als ein Assistent des Paläontologen Langston 1972 im Süden des US-Staates Texas die Röhrenknochen eines gigantischen Flugsauriers entdeckte. Aus den Skelett-Fragmenten - den einzigen, die je gefunden wurden - rekonstruierte Langstons Team das größte Lebewesen, das jemals die Schwerkraft besiegte: Quetzalcoatlus northropi, wie das Monster nach einem aztekischen Schlangengott und dem US-Flugpionier Northrop

genannt wurde, maß 15,5 Meter über die Flügelspitzen und wog, so mutmaßten Paläontologen, 90 Kilogramm.

Doch was immer Forscher durch akribische Studien an anderen Flugsauriern über die geflügelten Vettern von Tyrannosaurus Rex herausbrachten - das Rätsel des Saurierfluges lösten sie nicht. »Die Paläontologen«, so MacCready über die Urwelt-Kundigen, »hatten kaum Antworten - aber jede Menge Fragen.«

Wie errang eine Kreatur, deren sensenförmige Schwingen nahezu neun Meter mächtiger ausgriffen als die anderer Flugsaurier, deren schwanzloser, mit schlangengleichem Hals und einem zwei Meter langen Schnabel bewehrter Rumpf instabil gewesen sein muß wie ein an der Spitze gefiederter Pfeil, die Luftherrschaft? MacCready löste das Rätsel: *___Nicht 90, allenfalls 60 Kilogramm, errechnete der ____Ingenieur, habe Quet zalcoatlus gewogen - andernfalls ____hät te das Monster nicht fliegen können. *___Um im Fluge das labile Gleichge wicht zu trimmen, habe ____der Flugsau rier, ähnlich wie Albatrosse, seine Flügel ____vor- und zurückgeschwenkt. *___Da ein natürliches Seitenruder fehle, so MacCready, ____steuerte Quetzalcoat lus Links-rechts-Manöver mit dem ____Schnabel - Langston fand ein ent sprechend geartetes ____Nackengelenk. *___Drei Finger endlich, die aus dem Holmknochen der ____ledrigen Flügel haut wuchsen und Forschern als Hal ____teklauen galten, dienten nach Mac Cready auch zur ____Flugkontrolle: Mit ihnen lenkte der monströse Flieger ____Rollbewegungen um die Längsachse.

»Eine wunderbare Kopie des Urfliegers«, schwärmte Brian Duff von der US-Wissenschaftsgesellschaft Smithsonian Institution beim Anblick des von MacCready und seinem Team gebauten mechanischen Vogels Roch: Mit 20 Kilogramm Gewicht und 5,5 Meter Spannweite gleichsam ein kleiner Bruder des riesenhaften Vorbilds, doch Zentimeter um Zentimeter ein technisches Kunstwerk.

Über »Röhrenknochen« aus Kohlefaser-Verbundstoffen und Kunststoff"Knorpeln« spannen sich Schwingen aus hochfesten Folien. Batterien speisen Elektromotoren im Bauch des künstlichen Drachens, die über trickreiche Getriebe und feine Gestänge Flügelschlag und Schwingen-Schwenks treiben. Als »Hirn« trimmt ein computergesteuerter Autopilot den Flug des mechanischen Monsters. Nur Kurskorrekturen und die Schlagfrequenz der Schwingen werden über Funk vom Boden gesteuert.

Daß beim Flugtag in Washington Kritiker die Smithsonian Institution als Co-Sponsor (neben der US-Firma Johnson Wax) und Paten des Projekts der kostspieligen Showsucht zeihen könnten, nimmt Duff gelassen. »Die aerodynamischen und paläontologischen Erkenntnisse«, glaubt der Smithsonian-Sprecher, rechtfertigen jeden der 35 Dollar, die das Projekt QN pro Gramm Fluggewicht verschlungen habe.

MacCreadys Mitarbeiter verglichen ihr 700000-Dollar-Monstrum gern mit einem anderen Urvieh: 450000 Dollar habe es gekostet, um Spielbergs Filmattrappe vom »Weißen Hai« zu bauen. Und was habe der Fischkopf gekonnt? - »Nur das Maul aufreißen!«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 73 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.