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Papier Geheimnis der Pulpe

Vor 600 Jahren begann in Deutschland die Papierherstellung - der Rohstoff war begehrt wie Drogen.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Über die Firmenpremiere verfaßte der Chef einen kurzen Aktenvermerk. »Ich Ulman Stromer«, notierte er mit geltungssüchtig ausschwingender Handschrift, »hub an mit dem ersten papir zu machen zu sant johanns tag und der Clos Obsser war der erst der zu der arbait kam« - man schrieb den 24. Juni, Johannistag, des Jahres 1390.

In der Gleißmühle, am Rande der heimlichen Reichshauptstadt und Wirtschaftsmetropole Nürnberg, nahm an diesem Tag die erste Papiermühle auf deutschem Boden ihren Betrieb auf. Die Nachfrage nach dem neuen Beschreibstoff war in den Kanzleien der Fürstenhöfe und Städte und in den Kontoren der Handelsfirmen bereits im Jahrhundert zuvor sprunghaft gestiegen. Den Bedarf deckten zu dieser Zeit rund 30 Papiermühlen in Oberitalien und Südspanien.

In Deutschland stieg als erster der Großhandelskaufmann und Finanzmagnat Ulman Stromer ins beginnende Papiergeschäft ein. Der Nürnberger Patrizier leitete von 1360 bis zu seinem Pesttod an Ostern 1407 einen Handelskonzern, der in seiner Blütezeit Firmenkontore, Warenlager und Stallungen vom Schwarzen Meer bis zum Atlantik, vom Mittelmeer bis zur Nord- und Ostsee unterhielt.

Auf die Führung des Großkonzerns hatte sich der Nürnberger gründlich vorbereitet. Von der Pike auf erlernte er das Kaufmannsgeschäft in den Stromerschen Handelsniederlassungen in Barcelona, Genua, Mailand und Krakau. Seit er als Firmenchef in der Pflicht stand, verzeichnete er in einem 1360 begonnenen »Püchel von mein geslecht und von abentewr« Geschäftliches und Familiäres.

Was er in seiner Ägide als Vorstand des Handelskonzerns »gehort und ervaren« hatte, füllte schließlich 206 Seiten - die erste Geschäfts- und Familienchronik in deutscher Sprache und ein seltener Glücksfall für die Suche nach den frühesten Spuren der Papiermacherei im Reich.

Mit einer Jubiläumsausstellung im Schloß Faber-Castell in Stein bei Nürnberg und einem ausführlichen Katalog haben Historiker, Archivare und Papierexperten diese 600 Jahre lange Historie jetzt erstmals zurückverfolgt.

Gewitzt durch seine Geschäftsverbindungen hatte Stromer von Anfang an Sorge dafür getragen, daß ihm Konkurrenten das Geschäft nicht verpatzten: Clos Obsser, Stromers erster und wichtigster Arbeiter in der Mühle, wie auch alle anderen Bediensteten des frühen Manufakturbetriebes mußten schwören, daß sie nicht in eigener Regie Papier herstellen und niemandem die »Papierer«-Geheimnisse verraten würden.

In der Stromerschen Mühle am Pegnitzufer drehten sich die Wasserräder unter diesen Monopolbedingungen mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Die als Rohstoff verwendeten Leinenlumpen ("Hadern") wurden im Stampfwerk zu einem zähen Brei zerfasert, die muffige Masse wurde in einer Wanne (Bütte) mit Wasser versetzt.

Gesellen schöpften mit einem engmaschigen, gerahmten Drahtsieb die Leinenfasern aus der Papierpulpe. Die im Sieb liegenbleibende verfilzte Schicht wurde anschließend gepreßt, zum Trocknen aufgehängt, durch den Leim aus ausgekochten Schaffüßen gezogen, erneut gepreßt und getrocknet und zum Schluß mit einem Achatstein oder einem schweren Hammer geglättet.

Insgesamt 33 Arbeitsgänge, so verzeichnete eine spätere Quelle, waren notwendig, um aus den abgetragenen Lumpen beidseitig beschreibbare Blätter herzustellen.

Von Anfang an litt die Papiermacherei unter Rohstoffmangel. Die »Lumpennot« zwang viele Mühlen, den Betrieb oft schon nach kurzer Zeit wieder einzustellen. »Ich brauch' Hadern zu meiner Mühl«, spottete Hans Sachs in der ersten Zeile seines Papiermachergedichts über die Nachschubnot der Blätterproduzenten. Das Einsammeln des modrigen Rohstoffs wurde schon bald durch eine Fülle von Verordnungen, Kaiserlichen Mandaten und »Geschärften Edikten« geregelt.

Nur eingeschriebene Lumpensammlerinnen ("Lumpenkinder") durften das Leinen in bestimmten Sammelbezirken auftreiben. Wer dabei erwischt wurde, daß er auf fremdem Terrain wilderte, mußte mit »empfindlicher Leibes Strafe« rechnen.

Der Lumpenschmuggel gedieh dennoch bis tief ins 18. Jahrhundert. Die Hadern wurden gegen gutes Geld und unter erheblichen Gefahren über die Grenzen verschoben. »Vieles am Schwarzmarkt jener Zeit«, so resümiert Wilhelm Sandermann, Verfasser einer »Kulturgeschichte des Papiers«, »erinnert an den heutigen Drogenhandel.« Erst im 19. Jahrhundert wurde der Schutz für die Lumpensammelbezirke nach und nach aufgehoben.

Mit begehrlichen Blicken hatten die Mühlenbetreiber bis dahin nach so gut wie jeder Rohstoffquelle geschielt. Während des amerikanischen Bürgerkriegs fand ein Papiermacher einen bis dahin unbekannten Ausweg aus der Lumpenkrise. Er ließ mehrere Schiffsladungen mit Mumien aus Ägypten kommen und verarbeitete die Leinenumhüllungen und Papyrusreste zu Packpapier für Lebensmittel. Der Frevel hatte ein medizinisches Nachspiel: Mit den nicht desinfizierten Lumpenbündeln aus den ägyptischen Gräbern hatte der Unternehmer auch eine Cholera-Epidemie ins Land geschleppt.

Der Rohstoffmangel, unter dem die Mühlenbesitzer mehr als viereinhalb Jahrhunderte gelitten hatten, ging erst Mitte des 19. Jahrhunderts abrupt zu Ende. Mit der Erfindung des Holzschliffs (1844/45), bei dem Baumstämme unter Zugabe von Wasser mechanisch bis auf winzige Zellulosefasern zerkleinert werden, und der chemischen Zellstoffgewinnung (1874) waren die europäischen und amerikanischen Produzenten wieder bei jenen pflanzlichen Rohstoffen angelangt, aus denen die Chinesen schon vor rund 2000 Jahren das erste Papier hergestellt hatten.

Während europäische Schreiber im ersten Jahrtausend nach Christus nahezu ausschließlich Pergament verwendeten, das aus tierischer Haut, gelegentlich auch aus Menschenhaut gewonnen wurde, brachten es Papiermacher im Reich der Mitte bereits zu dieser Zeit zu erstaunlichen Leistungen. Schon im zweiten Jahrhundert nach Christus kamen unter den wohlhabenden Chinesen Papiertaschentücher in Gebrauch. Vier Jahrhunderte später stellte die Kaiserliche Werkstatt für den Hof jährlich 720 000 Blatt Toilettenpapier her, 15 000 Blatt »hellgelben, weichen, parfümierten Papiers« (Sandermann) fanden in den Toiletten der kaiserlichen Familie Verwendung.

Im Jahre 983 erschien in China eine im Blockdruckverfahren auf Papier hergestellte 1000bändige Enzyklopädie. In den größten Papiermühlen des Landes schöpften und preßten zu dieser Zeit bereits über 1000 Arbeiter den Beschreibstoff.

Mit den Arabern setzte sich die Papierherstellung um die Jahrtausendwende auch in Südspanien und Sizilien fest. Doch den Schreibern in den Klöstern und Fürstenkanzleien kam das »heidnische« Material noch jahrzehntelang spanisch vor. Erst die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert brachte den Durchbruch: Von den 185 Gutenberg-Bibeln, zwischen 1452 und 1455 gedruckt, waren 150 aus Papier, nur noch für die restlichen 35 mußten Tausende von Kälbern ihre Haut lassen.

In den bis zu 100 Meter langen Maschinen der modernen Stromer-Nachfolger laufen mittlerweile innerhalb weniger Stunden Hunderte von Papiertonnen vom Band. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch der Westdeutschen kletterte 1988 über die 200-Kilogramm-Marke.

Auch der Computer hat die Ära des beschriebenen Papiers keineswegs zu dem vorhergesagten Ende gebracht, im Gegenteil: Auf den Schreibtischen der Verwaltungszentralen stapeln sich Papierhalden, die Drucker rattern unentwegt. »In dem Moment, wo man einen Computer ins Büro stellt«, erklärt Paul A. Strassman, Ex-Vizepräsident bei Xerox, »brütet man Papier.«

Mit der Produktionslawine der letzten eineinhalb Jahrhunderte sind aus den Mühlen von einst Umweltschädlinge geworden. In vielen Ländern der Welt hat der »Zellstoff-Kreuzzug« ("Greenpeace") die Waldbestände dezimiert. Im tiefsten Binnengewässer der Sowjetunion, dem Baikalsee, ist nahezu alles Leben vernichtet, nachdem 1967 am südlichen Ufer ein riesiges Zellstoffwerk erbaut worden war, aus dem die Abwässer ungereinigt in den See flossen.

Eine Art Selbstzerstörungsmechanismus des nach 1840 hergestellten Papiers sorgt unterdes bei Bibliothekaren und Archivaren für Entsetzen: Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts wird dem Zellulosebrei Aluminiumsulfat als Hilfsmittel zugesetzt. Teile der Chemikalie verwandeln sich im Laufe der Jahre in Schwefelsäure, die den Faserverbund von Buch- und Zeitungsseiten auflöst: Das Papier verfärbt sich an den Rändern braun, Eselsohren brechen ab, dicke Wälzer zerbröckeln zu Staub.

Der Vernichtungseffekt, von den meisten Bibliothekaren zu spät erkannt, hat mittlerweile die »größte Krise« ausgelöst, »die Bibliotheken je getroffen hat«, wie es Norman J. Shaffer, Konservator der Washingtoner Library of Congress, vor gut zehn Jahren formulierte.

Nur die aus Lumpenbrei geschöpften Stromer-Erzeugnisse haben das »chemische Feuer« (Financial Times), das zwischen den Buchdeckeln glimmt, so gut wie schadlos überstanden: Etwa drei Prozent aller vor 1860 erschienenen Bücher, so das Ergebnis einer Untersuchung des Deutschen Bibliotheksinstituts in Berlin, sind vom Papierfraß angenagt. Bei den zwischen 1860 und 1920 gedruckten Bänden sitzt das Virus fast in jedem zweiten Exemplar.

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