Zur Ausgabe
Artikel 72 / 101
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Geheimnis der Schnörkel

Die »Wiege der Zivilisation« stand nicht, wie die Forscher bisher glaubten, in Vorderasien, sondern in Europa. Jahrtausende vor den sumerischen Tempelschreibern verwendeten Priester Alteuropas die ersten Schriftzeichen der Menschheitsgeschichte. Der Lehrsatz »ex oriente lux« hat im Lichte dieser Erkenntnisse ausgedient.
aus DER SPIEGEL 41/1990

Für »Frau« ritzten die altsumerischen Schreiber vor fünf Jahrtausenden ein weibliches Schamdreieck in den Lehm. Auch das Symbol für »Mann« schöpften sie aus dem prallen Leben: Es zeigt einen schwellenden, hochaufgerichteten Penis. Erst in späteren Stilisierungsphasen erinnert das Zeichen eher an eine zum Trocknen aufgehängte nasse Socke.

Ein urwüchsiger Sexismus geistert durch die meisten vorgeschichtlichen Zeichensysteme. Der waagerecht gestreckte Penis symbolisiert in der ägyptischen Hieroglyphenschrift das Adjektiv »männlich«. In der altchinesischen Bilderschrift reckte sich der nach oben gerichtete Schwellkörper für das Wort »Vorfahre, Ahne«. Dem noch lebenden Gliedträger widmeten die altchinesischen Autoren das Doppelzeichen für »Mann« und »Reisfeld": Arbeitskraft ging im strebsamen China vor Manneskraft.

Fast immer haben die frühesten Schreiber aus dem Anschauungsmaterial abgekupfert, das ihnen die natürliche Umwelt bot. Die entstehenden Bilderwelten fielen allerdings höchst unterschiedlich aus. Die naturalistischen aztekischen Schriftzeichen verhalten sich zu den mystisch verklärten, beinahe skurrilen Maya-Hieroglyphen wie van Goghs »Kartoffelesser« zu einem Werk des Wiener Jugendstils. Das Zeichenrepertoire der frühägyptischen Schrift könnte dagegen auf dem Reißbrett eines modernen Graphikers entstanden sein: Auch Einzelheiten der abgebildeten Tiere, Pflanzen oder Werkzeuge lassen sich in den stilisierten Piktogrammen in genialer Vereinfachung erkennen.

Wie unter einem vielschichtigen Kokon sind in chinesischen Schriftzeichen die Gefäßformen frühsteinzeitlicher Keramik verkapselt. Die Tradition dieser Technik reicht in China bis ins fünfte vorchristliche Jahrtausend zurück. Bei der Suche nach Schriftsymbolen haben sich die Schreiber am Formenreichtum der Gefäßproduktion bedient.

Rund 660 Sprachen sind im Laufe der letzten 7000 Jahre auf diese Weise verschriftet worden: Die Urahnen der Schreibkunst mußten erst mühevoll Bilder und Symbole finden, mit denen sich Informationen aufzeichnen und speichern ließen. Die Zahl der schriftlos gebliebenen Sprachen ist weit größer, sie geht in die Tausende.

Ein »Humboldtsches Streben nach einer Gesamtschau«, so glaubt der in Finnland lebende deutsche Sprachwissenschaftler Harald Haarmann, 44, ist vonnöten, um die Geschichte der Schrift in ihren Hunderten von Verästelungen aufdröseln und die Einzeldaten der Fachwissenschaften zu einem kunstvollen Deutungsmuster verflechten zu können. Genau diesem Mammutvorhaben hat sich Haarmann in einer im Oktober bei »Campus« erscheinenden »Universalgeschichte der Schrift« verschrieben - sein Werk, so der Klappentext des über 570 Seiten starken Buches, ist »die bisher umfassendste Dokumentation aller Schriftsysteme in einem Band"*.

Was der Vorgeschichtsfahnder in akribischer Detailarbeit zusammengetragen hat, liest sich stellenweise wie ein Krimi: Zeugen, die jahrtausendelang stumm blieben, müssen zum Reden gebracht, Querverbindungen hergestellt, fehlende Zwischenglieder rekonstruiert werden. Am Ende entsteht ein Bild, bei dem bisher geltende Lehrbuchweisheiten auf der Strecke bleiben: *___Das erste Schriftsystem der Welt haben nicht sumerische ____Tempelschreiber vor gut 5000 Jahren in Mesopotamien ____entwickelt. Schon 2000 Jahre zuvor, zwischen 5300 und ____3500 vor Christus, benutzten die Priester eines ____alteuropäischen Kulturkreises eine (bis heute nicht ____entschlüsselte) Schrift. Die Spuren dieser Schrift ____durch die folgenden Jahrtausende sind erst jetzt ____entdeckt worden. *___Die zivilisatorische Schlüsseltechnik des Schreibens ____nahm nicht in einem genialen Wurf in einer der ____vorgeschichtlichen Hochkulturen ihren Anfang und ist ____von dort in andere Kulturkreise exportiert worden. ____Schreiber in verschiedenen Regionen der Welt haben ____unabhängig voneinander die sprechenden Bilder und ____Symbole erfunden. *___Die ersten ungelenken Schriftzeichen ritzten nicht ____rationalisierungssüchtige _(* Harald Haarmann: »Universalgeschichte ) _(der Schrift«. Campus Verlag, Frankfurt; ) _(576 Seiten; 78 Mark. ) Verwalter und Bürokraten, sondern Priester auf die Schreibunterlagen. Ihre Botschaften galten den Göttern; erst nachfolgende Generationen von Zauberlehrlingen haben das neue Medium profanisiert.

Die »Wiege der Zivilisation« und des Schriftgebrauchs hatten Spezialisten bis vor kurzem im vorderasiatischen Kulturkreis angesiedelt. Erst die Arbeit der in Amerika lebenden litauischen Archäologin Marija Gimbutas hat dieses Geschichtsbild korrigiert. Bei ihren Grabungskampagnen fand die Forscherin Spuren einer alteuropäischen Zivilisation, die bis an die Wende vom siebten zum sechsten vorchristlichen Jahrtausend zurückreicht - der Lehrsatz »ex oriente lux« hat im Lichte dieser Erkenntnisse ausgedient.

Die älteste Zivilisation der Welt entstand danach in einem Gebiet, das vom mittleren und östlichen Balkan bis an die westliche Ukraine, von der mittleren Donau bis zur südlichen Adria reichte (siehe Grafik Seite 259). Sie wurde von vorindogermanischen Ackerbauern geschaffen, die es bereits zu stadtähnlichen Siedlungen von zehn und mehr Hektar Größe brachten.

Die Alteuropäer unterschieden sich durch ein ausgeprägtes System von religiösen Vorstellungen, wie auch durch bestimmte Techniken in der Keramikproduktion und Architektur, deutlich vom übrigen Europa. Ihren überirdischen Kosmos bevölkerten weibliche Gottheiten mit überschweren Brüsten und grotesk ausladenden Hüften. Der Mann-Gott hatte im Götterkreis, mit Ausnahme des Stieres, nichts zu suchen.

Insgesamt fünf alteuropäische Regionalkulturen haben Archäologen im Kielwasser der litauischen Mentorin Gimbutas mittlerweile ausgegraben. Die Blütezeit dieser Kulturen lag im fünften vorchristlichen Jahrtausend. Die ältesten Zeugnisse menschlicher Schrift stammen aus der nach einem Fundort 14 Kilometer östlich von Belgrad benannten Vinca-Kultur.

Über die kryptischen Krakel jener alteuropäischen Teilkultur waren die Wissenschaftler schon im 19. Jahrhundert wiederholt gestolpert. Doch die Lehrformel vom Licht aus dem Osten ruhte noch auf gußeisernen Fundamenten: Sumerische Kaufleute, so nahmen die Ausgräber an, hatten den kritzelnden Bewohnern des Balkangebiets neben Waren auch die erste Schrift frei Haus geliefert.

Erst verbesserte Techniken zur Altersdatierung haben diese Version in den letzten zwei Jahrzehnten erschüttert. Mit Hilfe der Datierungsverfahren ließ sich beweisen, daß zwischen den Symbolen der Vinca-Kultur und den altsumerischen Piktogrammen ein historisches Loch von zwei Jahrtausenden klafft.

Die Forscher haben mittlerweile erkannt, daß es sich bei der Vinca-Schrift um eine bodenständige, nichtimportierte Entwicklung handelt. Auf Tonresten zählten sie über 200 individuelle Schriftzeichen, einschließlich der Symbole für Zahlen und Maßeinheiten. Darunter ein Hakenkreuz, dessen Wurzeln mithin weit in die vorindogermanische Zeit zurückreichen.

Die erste Schrift der Menschheitsgeschichte war, diesen Erkenntnissen zufolge, eine reine Sakralschrift. Sämtliche beschrifteten Fundstücke wurden außerhalb von Siedlungsplätzen, an Kult- und Begräbnisstätten, gefunden. Ein deutlicher Hinweis darauf, daß Priester im Zusammenhang mit religiösen Zeremonien, mit Ahnenkult, Bestattungs- und Fruchtbarkeitsritualen als erste mit der neuartigen Technik experimentiert hatten. Sie hüteten ihr Geheimnis offenbar eifersüchtig, denn ein Wandel vom magischen zum profanen Schriftgebrauch hat in Alteuropa nie stattgefunden.

Etwa um die Mitte des vierten vorchristlichen Jahrtausends brach die Tradition der Sakralschrift abrupt ab - unter der Knute indogermanischer Reiternomaden, die aus den südrussischen Steppen gegen die Siedlungen der Ackerbauern anbrandeten, fiel Europa in ein 2000 Jahre dauerndes schriftloses Zeitalter zurück.

Nicht der leiseste Rest der alteuropäischen Urschrift, so nahmen die Sprachspezialisten bisher an, habe diesen vorgeschichtlichen Bruch überlebt. Erst neueste Studien zeigen, daß nicht alles durch den Rost gefallen ist. Über 1000 Jahre nach dem Untergang der alteuropäischen Sakralschrift wurden auf Kreta weibliche Idole offenbar ähnlich mit Votivaufschriften bekritzelt wie in der Vinca-Kultur. Auch in der bis heute nicht entzifferten altkretischen Sakralschrift »Linear A« des zweiten vorchristlichen Jahrtausends haben mehr als 60 Einzelsymbole Alteuropas, rund ein Drittel des Zeicheninventars, dem Schüttelsieb der Geschichte widerstanden.

Alteuropäische Symbole wie die Spirale, der Lebensbaum oder vogelköpfige Gottheiten spielen auch im Zeichenrepertoire der sumerischen Schreiber eine Rolle. Aufgefallen war den Schriftspezialisten schon immer, daß die Piktogramme der altsumerischen Schrift von Anfang an hochgradig stilisiert waren - eine Vorläuferstufe mit den für die Frühphase typischen naturalistischen Zeichen haben sie bis heute nicht gefunden. Auch an der Wiege Sumers könnten die Alteuropäer mithin gestanden haben. Doch beweisen läßt sich die Kapriole bisher nicht.

Mehr spricht für eine Polygenese der Schrift: Es »häufen sich die Belege dafür«, so Haarmann, daß die ersten Symbole »im alteuropäischen Kulturkreis, in Mesopotamien, in Ägypten, in der Indus-Kultur, in China und in Mesoamerika unabhängig voneinander aus der kulturellen _(* Mit eingeritzten Schriftzeichen. ) Kontinuität dieser Regionen« entstanden sind.

Priester haben offenbar in allen diesen Kulturen der zivilisatorischen Schlüsseltechnik auf die Sprünge geholfen. Die altägyptischen Hieroglyphen, die ältesten Schriftzeichen der Azteken oder die Siegel-Inschriften der vorindogermanischen Indus-Kultur sind im Dienste mythisch-religiöser Rituale entstanden. In den aufstrebenden Stadtstaaten Sumers mit ihrer immer größer werdenden Fülle von Informationen war die Kunst der Schreiber zumindest eng mit der herrschenden theokratischen Gesellschaftsordnung verknüpft.

Erst wenn die Gottesdiener nach jahrhundertelangem Schweigen das Geheimnis ihrer Schnörkel lüfteten, konnten mit denselben Piktogrammen und Symbolen Gesetzestexte, Kaufverträge oder Chroniken aufgezeichnet werden.

Auch den Priestern ist die revolutionäre Technik nicht in einer Sternstunde der Geschichte in den Schoß gefallen. Bei magisch-religiösen Ritualen hatten ihre Urahnen bereits vor über 15 000 Jahren die ersten Bildsequenzen mit Informationscharakter auf spröden Fels gezeichnet.

Die wahren Erfinder der Schrift waren, so gesehen, grobschlächtige Wilde: Sie saßen in den Höhlen von Lascaux und Altamira. o

* Harald Haarmann: »Universalgeschichte der Schrift«. Campus Verlag,Frankfurt; 576 Seiten; 78 Mark.* Mit eingeritzten Schriftzeichen.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 72 / 101
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.