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THEOLOGIE Geister aus Gottes Garten

Der Papst will die himmlischen Heerscharen abrüsten. Im »Heiligen Jahr 2000« sollen die Engel nur noch friedlich sein - Würge-, Kriegs- und Todesengel sind passé.
Von Hans Halter
aus DER SPIEGEL 51/1999

Jeden Sonntagmittag spricht der Heilige Vater in Rom das Gebet: »Der Engel des Herrn«. Die himmlischen Heerscharen, ihr Wohl und Wehe, liegen Karol Wojtyla besonders am Herzen. Der alte Mann, geplagt von vielerlei Gebrechen, erwartet die Engel. Sie werden ihn auf seiner allerletzten Reise begleiten.

Engel, lehrt die Bibel, sind Boten Gottes. Wenn die Seele zum Himmel aufsteigt, fliegen sie mit, als Geleitschutz. Wer aber zur

Hölle fährt oder ins Fegefeuer, auch der hat mindestens einen von ihnen an seiner Seite, einen Racheengel. Nach der Ankunft im »Ofen, in dem das ewige Feuer brennt« (Jesus) beteiligt er sich als »Engel des Zorns« an der Bestrafung des Sünders.

Zwar haben die Gottesboten, wie Papst Johannes Paul II. verkündet hat, »keinen Leib«. Das hindert sie jedoch nicht an der Ausübung sehr unterschiedlicher Tätigkeiten: Sie blasen Posaune und spielen im Paradies die Harfe; als göttlicher Hofstaat widmen sie sich der Anbetung.

Andere sind eher fürs Grobe zuständig, sie sind Straf-, Folter-, Kriegs- und Würgeengel. Laut Bibel gießen sie in Gottes Auftrag die »Schalen des Zorns« aus; führen als »grimmige Engel« Krieg gegen den Satan; brüllen,wenn nötig, »wie ein Löwe«. Die gewöhnlich unsichtbaren Geister können nämlich, sagt der Papst, »auf Grund ihrer Sendung zu Gunsten der Menschen« bei Bedarf auch mal »in sichtbarer Gestalt erscheinen«.

Dann ist der Schreck groß, besonders, wenn der Erzengel Michael auftritt. Das ist ein rabiater Haudegen. Bewaffnet mit Flammenschwert und Speer hat er vor Zeiten im Himmel einen Putsch niedergeschlagen. Dabei erledigte er den »großen Drachen, die alte Schlange, die da heißt Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt«, wie Johannes in seiner Offenbarung berichtet. Alle Putschisten wurden auf die Erde geworfen. Rund ein Drittel der himmlischen Heerscharen fiel so schon am zweiten Schöpfungstag aus Gottes Gnade.

Nach dem Biss in den Apfel expedierte der tatkräftige Michael auch Adam und Eva aus dem Paradies. Auf Erden leitete der »Fürst der himmlischen Heerscharen« später Jeanne d''Arc, die streitbare Jungfrau von Orléans, in den Kampf. Vor dem Flammentod auf dem Scheiterhaufen der Inquisition konnte oder wollte er die kleinwüchsige Heldin jedoch nicht bewahren. Sein Bildnis zierte auch die Flagge des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation - daher das Wort vom »deutschen Michel«.

1950 erhob der Papst Pius XII. den Himmelsgendarm zum Patron aller christlichen Polizisten der Welt. Für die Soldaten ist der Erzengel Michael ohnehin zuständig, hat er doch ganz allein in einer finsteren Nacht 185 000 Assyrer hingemetzelt. Und siehe, so steht es im Zweiten Buch der Könige, morgens frühe lagen da »alles eitel tote Leichname«.

Wie alle Engel ist auch Michael unsterblich, wirft keinen Schatten, braucht keinen Schlaf und hinterlässt niemals Fußspuren.

An Gewalttätigkeiten der himmlischen Heerscharen will der polnische Papst die Gläubigen zur Jahrtausendwende jedoch nicht erinnern. Das von ihm ausgerufene »Große Jubiläum des Jahres 2000« soll vielmehr der »Reinigung des Gedächtnisses« dienen. Die Gruselgeschichten aus alter Zeit, wenngleich in der Bibel verbürgt, sollen verblassen. Deshalb müht sich der Nachfolger Christi auf Erden, das Image der himmlischen Heerscharen aufzuhübschen. »Sie tragen Dich auf ihren Händen, damit Dein Fuß nicht an einen Stein stößt«, zitiert der Heilige Vater den 91. Psalm.

Auch über Michael, zwei Jahrtausende lang Verbreiter des »heiligen Schreckens«, weiß Johannes Paul nur Nettes zu berichten - kein Wort vom Flammenschwert, dem Speer und blutiger Sühnearbeit.

Den Gläubigen gefällt das. Sie wollten ohnehin nie viel von den martialischen Geistern aus Gottes Reich wissen, sondern fühlten sich stets zu den sanften, tröstenden, reinen Engeln hingezogen. Da trifft es sich gut, dass auch der Papst - das bringt das Alter so mit sich - seine Vorliebe für die licht strahlenden Favoriten der Volksfrömmigkeit bekennt.

Jeder zweite Deutsche, meldet die Katholische Nachrichten-Agentur, ist fest davon überzeugt, dass er einen persönlichen Schutzengel hat. Nach einer Forsa-Umfrage ist jeder zehnte Erwachsene ganz sicher, dass er schon einen gesehen oder sogar angefasst hat: weiß gekleidet, in strahlendem Licht, unbewaffnet, eher weiblich als männlich. Gottes Straf- und Racheengel haben sich offenbar lange nicht blicken lassen.

Im kommenden »Jubeljahr«, das der Vatikan mit einer dicken Zeitschrift namens »Tertium Millennium« (Drittes Jahrtausend) begrüßt, sind die Schutzgeister besonders wichtig. Der Papst empfiehlt, sich ihnen »häufig im Gebet anzuvertrauen«, denn so würden »die schönen Worte des heiligen Basilius« (330 bis 379) wahr: »Jeder Gläubige hat einen Engel als Beschützer

und Hirten neben sich, der ihn zum Leben führen soll.«

Karol Wojtyla beschreibt diese Hirten als »geistige, körperlose Wesen«, mit »Vernunft und freiem Willen begabt wie der Mensch, aber in höherem Grad als er«. Etlichen hat das aber nicht geholfen. Sie haben sich, so bedauernd der Nachfolger Christi im Vatikan, »Herrscherrechte angemaßt« und die »Ordnung alles Geschaffenen umzukehren« versucht.

Das konnte nicht gut gehen und wird von Gott auch nicht verziehen: Gefallene Engel verstieß er in die »finsteren Höhlen der Unterwelt« und hält sie dort, wie Petrus weiß, »eingeschlossen bis zum Gericht«, dem Jüngsten.

Wie aus braven Engeln böse Teufel wurden, warum der Satan Fürst der Finsternis, Mephisto, Leibhaftiger und Beelzebub genannt wird, das beschäftigt eine eigene Wissenschaft, die Angelologie (von griech. »angelos« = Bote). Diese Subspezies der Kleriker hat sich von jeher besonders für die gefallenen Engel interessiert, die gehörnten Aktivisten der Hölle. Denn mit der Furcht vor den Höllenstrafen lässt sich jede Christen-Gemeinde entschieden leichter lenken als durch die Hoffnung auf Güte.

Im vierten Jahrhundert - der Engelskult hatte gerade Hochkonjunktur - verbot die Synode von Loadicea, dass Christen »die Engel verehren und einen Engelskult einführen«. Weil sich der Volksglaube jedoch immer wieder den spirituellen Wesen zuwandte, warf die Synode von 745 den Erzengel Uriel kurzerhand aus dem Himmel; er stand unter Verdacht, ein Dämon zu sein.

Uriel ist bis heute nicht richtig rehabilitiert - dabei wird über diesen braven Gottessohn schon in den ganz alten Schriften ("Apokryphen") nur Gutes berichtet. Er hat das Tor zum Garten Eden mit seinem Flammenschwert bewacht und galt außerdem als Herrscher über Erdbeben, Stürme und Vulkane, die Kunst und die Wissenschaft. Nur ob er vier oder sechs Flügel hat, ist nach wie vor ungewiss.

Eigentlich stehen Uriel sechs Flügel zu, denn er gehört den beiden ranghöchsten Engel-Kasten an, den Seraphim und den Cherubim. Die himmlische Gesellschaft ist nämlich keineswegs klassenlos. Sie kennt eine althergebrachte Hierarchie mit neun Rangklassen. Karol Wojtyla erläutert den Sachverhalt milde: Die heiligen Texte verrieten, »dass diese Personenwesen, fast wie in Gesellschaften gruppiert, sich nach Ordnungen und Abstufungen unterteilen, entsprechend dem Maß ihrer Vollkommenheit und den ihnen anvertrauten Aufgaben«.

Der Prophet Jesaja hat überliefert, wie die Seraphim die aerodynamischen Probleme ihrer Sechsflügligkeit lösen: »Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie.«

Zu dem Problem, warum spirituelle Wesen, eigentlich ja unabhängig von Raum und Zeit, überhaupt Flügel brauchen, geben weder der Papst noch seine Angelologen Auskunft. Gesichert ist nur, dass der jüdische Prophet Hesekiel die Flügel der Cherubim laut hat rauschen hören »bis in den äußersten Vorhof wie die Stimme des allmächtigen Gottes, wenn er redet«.

Er und etliche andere Zeitzeugen zählten jeweils vier Flügel pro Cherubim sowie vier Hände. Das erweist sich vor allem dann als praktisch, wenn sie mit Gottvater unterwegs sind. Denn die Cherubim, wie ihr Schöpfer wohnhaft im siebten Himmel, sind Gottes Transportgeschwader. Sie halten den Herrn mit ihren vielen Händen beim Start gut fest, und ab geht die Reise, »schwebend auf den Fittichen des Windes«, wie es im Alten Testament heißt.

Wie viele Köpfe, alles in allem, die himmlischen Heerscharen zählen, ist strittig. Auf alle Fälle sind es sehr viele. Weil nach katholischer Lehre jeder Mensch auf Erden einen Schutzengel hat - und nicht etwa nur jeder Katholik - sind derzeit mindestens sechs Milliarden unterwegs. Auch Saddam Hus-

sein und Slobodan Milosevic profitieren, wie sich zeigt, vom himmlischen Begleitservice.

Wenn Thomas von Aquin (1226 bis 1274), den man wegen seiner Liebe zu den Engeln auch »Doctor Angelicus« nennen darf, mit seiner Lehre Recht hat, erhöht sich der Engel Schar gewaltig. Dieser bedeutende Kirchenlehrer war sicher, dass auch jedes Tier himmlischen Schutz genießt.

Andere Gottesmänner ließen die Populationsdichte im Himmel weiter anwachsen. Sie schrieben auch Pflanzen, selbst Tautropfen eigene Engel zu. Ihre Gesamtzahl mag deshalb mit »unendlich« recht zutreffend beschrieben sein.

Wie diese »Myriaden« geschaffen wurden - auf einen Schlag oder nach und nach, bedarfsgerecht? -, ist göttliches Geheimnis. Eine geschlechtliche Vermehrung kommt jedenfalls nicht in Betracht. Engel haben keinen Sex, das gilt als gesichert.

Wer im Himmel wohnt, ob als Engel von Anbeginn oder als Mensch, dessen Seele in die Ewigkeit aufgestiegen ist, der wird und bleibt ledig. Niemand, so hat Jesus seinem Apostel Matthäus verraten, wird nach der Auferstehung »freien noch sich freien lassen«. Schon deshalb, weil alle Engel geschlechtslos sind, jedenfalls nach Karol Wojtylas Erkenntnissen.

Den ersten Päpsten galten die Engel gewöhnlich als männlich. Manche Darstellung aus alter Zeit zeigt sie mit Rauschebärten. Im sinnenfrohen Mittelalter ging der Trend dann eher in Richtung Frau oder Kind, beide meist ziemlich leicht bekleidet, wenn überhaupt.

Vor einigen hundert Jahren häuften sich in der Literatur auch die Berichte, dass fromme Männer bei ihrer Ankunft im Himmel von attraktiven Engelinnen begrüßt wurden, mit einer herzlichen Umarmung und so weiter.

Vor diesem Irrglauben kann der jetzige Papst nur eindringlich warnen. Es handelt sich dabei um Traum-Illusionen des Satans. Der Fürst der Finsternis störe die Himmelfahrt gläubiger Seelen bis zuletzt. Deshalb ist ein vertrauensvolles Verhältnis zum Schutzengel so wichtig, gerade im Heiligen Jubeljahr 2000. HANS HALTER

* Ölgemälde von Luca Giordano (um 1680).* Lithografie (um 1875).* Gemälde »Auf Engelsflügeln« von Wilhelm List (1864 bis 1918).

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