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ARCHÄOLOGIE Geisterstadt im Wüstensand

Deutsche Ausgräber legen in Syrien das letzte versunkene Reich des alten Orients frei: Qatna. In den Ruinen des märchenhaften Königspalastes entdecken sie pilzverseuchte Gräber, Schatzkammern und Räume ohne Türen. Lüftet sich endlich der Schleier um das bronzezeitliche Dorado?
aus DER SPIEGEL 39/2009

Vor 4000 Jahren, unter dem Sichelmond des Morgenlands, geschah der Sündenfall: Die Menschheit begann damit, großflächige Kriege anzuzetteln. Kaum hatten sich die ersten Territorialstaaten gebildet, schlugen sie aufeinander ein.

Fünf Reiche bekämpften sich damals. Soldaten aus Elam (Iran) rückten gegen die Bogenschützen Altbabyloniens vor, deren Pfeile 200 Meter weit flogen. Eschnunnas und Aleppos Armeen zogen mit gepanzerten Lederkappen ins Gefecht. Die Assyrer rissen ihren Gegnern noch auf dem Schlachtfeld die Haut ab.

Doch es gab noch ein sechstes, weitgehend verborgenes Machtgebilde. Seine Könige ritten auf weißen Rössern, sie heizten ihre Luxushäuser mit fahrbaren Öfen und trugen zum Dutt aufgesteckte Haare, die sie mit Bändern umwickelten. Nur verschwommen berichten Keilschriften von diesem sagenhaften Land Qatna. Die Ruinen seiner Hauptstadt liegen in der syrischen Wüste (siehe Grafik Seite 130). Es ist eine gigantische Siedlung von 1000 mal 1000 Meter Länge, geschützt von einem hohen Wall.

Nur zu gern hätten Archäologen in diesem Dorado schon früher gebohrt. Doch es war tabu. Bauern hatten das Gelände nach dem Ersten Weltkrieg mit einem Dorf überbaut.

Erst eine Zwangsräumung durch die syrische Regierung in den achtziger Jahren machte den Weg frei. Wer sich heute der Stätte nähert, fühlt sich in die Endzeit versetzt. Im gleißenden Sonnenlicht stehen Dutzende leere Häuser und verwitterte Viehställe. Eine verwahrloste Kirche ragt empor, daneben umgestürzte Grabsteine. Es sind die Reste des verlassenen Dorfs.

Doch neuerdings strotzt die Geisterstadt von Leben. Stromgeneratoren wummern. Helfer mit bunten Turbanen stehen in metertiefen Erdlöchern. Gleich drei Gruppen aus Syrien, Italien und Deutschland, insgesamt über 200 Leute, sind dabei, die letzte Stätte orientalischer Despotie vom Staub zu befreien.

Der deutsche Grabungschef Peter Pfälzner - krauses Haar, Nickelbrille - steht auf dem 20 Meter hohen Befestigungswall. Sklaven schütteten den gewaltigen Damm einst mit Hilfe von Flechtkörben auf. Er diente als Schutz gegen die Rammböcke der Feinde.

Um 1800 vor Christus wurde Qatna errichtet. Es war eine Zeit tiefer Depression. Ägypten lag im Chaos. Viele der Stadtstaaten Mesopotamiens waren zusammengebrochen.

Nun begann ein neues - blutvolles - Kapitel im alten Orient. Es bildeten sich die ersten Flächenstaaten. Qatnas Könige regierten bis nach Palästina. Pfälzner zählt sie zu den »global players«, den Großmächten der Bronzezeit.

Behände klettert der Forscher von der Universität Tübingen an Disteln und Tamarisken vorbei in das uralte Stadt-geviert hinunter. Er zeigt auf Mauerstümpfe aus Lehmziegeln: »Das war einmal der Königspalast.« Erhalten sind leider nur die Fundamente und Kellergeschosse.

Einst aber ragte die 150 Meter lange Regierungszentrale wie ein Prunkschloss in den Himmel. Sie stand auf einer künstlich angespitzten Felsterrasse. Einige Hallen in dem Rekordbau waren größer als Tennisplätze.

»Um die Säle zu überdachen«, vermutet Pfälzner, »wurden tausendjährige Bäume in den nahen Zedernwäldern des Libanon gefällt.« Ochsenkarren schafften die schweren Stämme heran.

Was für ein Raubbau! Bis an den Euphrat verkauften die Könige später das kostbare Hartholz. Die sagenhaften Haine sanken dahin.

Die seltsame Residenz aber stand. Die Archäologen stießen auf Räume ohne Türen. Im Untergeschoss lagen Knochen geschlachteter Elefanten. Ein Zimmer war mit Krebsen, Delphinen und blauen Palmen ausgemalt. Solche Bilder sind sonst nur von den Minoern bekannt - die aber lebten tausend Kilometer entfernt auf Kreta.

Was weiter verdutzt: In Qatnas politischem Machtzentrum liegen Leichen im Keller.

Tief unterm Fußboden des Osttrakts wurden Knochen von etwa 20 Individuen entdeckt - alles Mitglieder des Königsgeschlechts. Die Toten waren vor der Aufbahrung bei etwa 250 Grad Hitze gedörrt worden. Wollte man so den Verwesungsgeruch verringern?

Die letzte Entdeckung ist noch ganz frisch. Beim Ausschachten des Raums »DA« im vergangenen August tat sich plötzlich ein Spalt auf. Neugierig leuchtete ein Mitarbeiter mit der Taschenlampe hinein und entdeckte eine weitere, nicht geplünderte Totenkammer.

»Ich zeige Ihnen das Gewölbe!« Pfälzner klettert eine schwankende Holzleiter in den Palastkeller hinab. Dämmerlicht umfängt ihn. Er streift sich einen Mundschutz über: »Wegen der Pilzsporen.« Dann öffnet er die Tür zur Totenstätte.

Modrig feuchte Luft schlägt ihm entgegen. Auf dem Boden liegen zerfallene Skelette. Etwa 30 Schädelkalotten sind zu erkennen. Dazwischen blinken Dutzende Goldreifen, Fingerringe und kostbare Diademe. Vorn ist eine Affenstatue zu sehen.

Unter strengen Vorsichtsmaßnahmen begann das Team Anfang September mit der Bergung der Schätze aus der schimmligen Kammer. Altägyptische Vasen kamen ans Tageslicht, Gewandnadeln und mit Patina überzogene Dolche.

»Wahrscheinlich wurden in dem Grab hohe Beamte, Prinzessinnen und Wesire bestattet«, vermutet der Archäologe. Die Einzelheiten zu seinem Coup will er diese Woche der Öffentlichkeit präsentieren.

Der Schatzjäger, kein Zweifel, hat einen Volltreffer gelandet. Überrascht verfolgen Kollegen, was Pfälzner gemeinsam mit seiner Frau Heike da alles aus seinem Claim angelt. Zudem verfügt er über genug Geld, um gleich kubikmeterweise Erde wegzuräumen.

Jährlich 350 000 Euro zahlt ihm die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Unterstützung kommt auch vom Auswärtigen Amt in Berlin, von der Lebensmittelkette Lidl sowie dem »Schraubenkönig« und Weltmarktführer in der Befestigungstechnik, Reinhold Würth, 74.

Das Leben vor Ort ist allerdings beschwerlich. Die Mannschaft wohnt in dem 20 000-Einwohner-Ort Tell Mischrife, einer Ansammlung von halbfertigen Betonquadern mit dem Liebreiz von Tiefgaragen. Im Sommer liegen die Temperaturen auch nachts kaum unter 30 Grad Celsius. Hinzu kommt der Radau. Bis spätabends knattern Mopeds, Nachbarn lärmen. Um drei Uhr kräht der erste Hahn, um halb fünf ruft der Muezzin. Da ist an Schlaf kaum zu denken.

Trotzdem klingeln im Camp schon um 5.15 Uhr die Wecker. Wegen der Morgenkühle, heißt es. Dösige Archäobotaniker, Vermessungsexperten und Dendrochronologen besteigen den Pick-up und fahren zu den Ruinen herüber.

Dass sie beim Fegen und Staubpusseln nicht einnicken, verhindert offenbar nur die stete Begeisterung über die vielen Neufunde.

Wer möchte, kann die Schätze aus dem alten Syrien bald auch hierzulande sehen. Die schönsten Qatna-Juwelen werden erstmals ins Ausland ausgeliehen - Empfänger ist das Landesmuseum in Stuttgart. Die Ausstellung beginnt am 17. Oktober.

Goldene Stierkampfreliefs und Zepter aus Elfenbein werden gezeigt. Auch einige der neuentdeckten Keilschrifttafeln sind zu sehen. Ein Text berichtet von einer Qatna-Prinzessin, die für 300 Kilogramm Silber (als Mitgift) in ein benachbartes Fürstentum verheiratet wurde.

Derlei Details werfen endlich Licht auf eine Kulturzone, über der lange ein Schleier lag. Die Herrscher von Qatna waren nicht einmal namentlich bekannt.

Jetzt weiß man: Die Scheiche dort ruhten auf Teppichen, sie jagten Elefanten und ließen sich von Musikantinnen auf der Harfe vorspielen.

Gleich der erste König, Ischchi-Addu (um 1800 bis 1750 vor Christus), tat sich als Bau-Tycoon hervor. Er war es, der wahrscheinlich den gigantischen Stadtwall aufhäufen und den Palast bauen ließ. Um seine Arbeiter bei Laune zu halten, spendierte er ihnen Bier.

Der Bauplatz war klug gewählt. Er lag am Kreuzungspunkt wichtiger Karawanenwege (siehe Grafik). Vor den Toren der Stadt sprudelten Wasserquellen, es gab sogar einen See.

An dieser Oase kamen die Fernhändler nicht vorbei. Mit ihren Eseln - Kamele standen noch nicht zur Verfügung - schafften sie nur 20 Kilometer pro Tag.

Gehüllt in lange Gewänder, trafen die erschöpften Kaufleute abends an den Tränken ein. Ihre Packtiere trugen Lapislazuli aus Afghanistan und indischen Karneol auf dem Buckel, Weihrauch aus dem Jemen und Zinn aus Persien.

An diesem Getausche verdienten Qatnas Könige kräftig mit. Der Hofstaat saß auf Buchsbaumstühlen, verziert mit Edelmetall. Die Ausgräber fanden sogar einen Löwenkopf aus Bernstein. Das Material stammt von der Ostseeküste.

Reste purpurner Textilien legen nahe, dass die Orientalen auch Meister des Färbens waren. Das Violett ihrer Kleider gewannen sie aus den Hypobranchialdrüsen von Meeresschnecken. Für ein einziges Gramm des Farbstoffs wurden rund 8000 Weichtiere verbraucht.

Ausländische Feinde hielten sich die reichen Regenten mit einer Kette von Festungen vom Leib. Konzentrisch waren sie um die Hauptstadt gelegt. Bei Alarm gaben die Soldaten Rauchzeichen oder akustische Signale.

In der Hochblüte um 1700 vor Christus erstreckte sich der Staat bis zum Mittelmeer. Der fernste Vasall lebte am See Genezareth. »10 bis 15 Könige folgen Hammurapi« (gemeint ist der furchterregende Gesetzgeber von Babylon), heißt es in einem Text, »genauso viele folgen Amut-piel von Qatna.«

Um in diesem »Patchwork-Staat« (Pfälzner) politisch handlungsfähig zu bleiben, stützte sich der König auf eine schnelle Eingreiftruppe aus Bogenschützen mit Streitwagen. Wo er konnte, versuchte er seine Untertanen einzuschüchtern.

Schon von fern sahen anreisende Vasallen die fast 30 Meter über Grund ragenden Dächer des Palastes. Über eine Rampe im Westen betraten sie das Gebäude. Erst mussten sie sich durch ein Gewirr von engen Fluren drängen. Dann standen sie jäh in der 36 mal 36 Meter großen Audienzhalle. Das Dach war mit Oberlichtern ausgestattet. »Es ist der größte überdachte Raum, der aus der Bronzezeit in Vorderasien bekannt ist«, staunt Pfälzner.

Im dahinterliegenden Thronsaal saß der König im purpurnen »Wulstmantel«, einem Gewand mit breiter Krempe. Ihm näherte man sich am besten auf einem Klangteppich aus Höflichkeitsfloskeln und unterwürfigem Gestammel.

500 Jahre lang regierte die lila Dynastie - überwiegend bei edler Kost. Ihre Knochen und Zähne zeugen von bester Gesundheit. Allerdings weist ein bestatteter Prinz einen »Kahnschädel« auf: Der Hinterkopf ist in die Länge gezogen. Mediziner vermuten, dass die Fehlbildung durch Inzucht entstanden ist.

Noch sind es nur Bruchstücke an neuen Erkenntnissen und viele Fragezeichen, die da in der syrischen Wüste auftauchen. Auch die Unterstadt von Qatna gibt Rätsel auf. Pfälzner vermutet, dass dort einst 20 000 Menschen lebten.

Doch merkwürdigerweise kommen bei den Grabungen immer nur Amtsgebäude, öffentliche Paläste und staatliche Vorratskammern zum Vorschein. Wohnstätten von Privatpersonen suchen die Ausgräber bislang vergebens.

Der italienische Grabungschef Daniele Morandi hält Qatna deshalb für eine Art verbotene Stadt, in der nur die gesellschaftliche Elite des Landes lebte: Priester, Künstler und der Beamtenapparat. Womöglich gab es dort sogar eine medizinische Forschungsstätte. Genährt wird der Verdacht durch einen trepanierten - mit Sägespuren und Löchern versehenen - Schädel. »Das könnte ein Übungsobjekt zum Erlernen von Hirnoperationen gewesen sein«, glaubt Morandi.

Derlei chirurgisches Feingefühl ließen die Feinde der Prunkoase bei ihrem finalen Ansturm im Jahr 1340 vor Christus dann allerdings vermissen. Sie spalteten die Köpfe der Verteidiger einfach mit Bronzeschwertern.

Das Unheil brach jäh herein. »Befestigt Qatna«, heißt es warnend auf einer Tontafel aus der Zeit. Das Land schwebte offenbar in höchster Gefahr. König Idanda vergab zwar noch rasch einen Rüstungsauftrag an seine Schmiede. Er orderte 18 600 Schwerter.

Doch da schmorten ihm schon die Haare. Eine fremde Armee hatte sein Heim angezündet. Noch jetzt finden die Archäologen überall herabgestürzte, verbrannte Dachbalken.

Von diesem Schlag erholte sich die Metropole nie. Sie versank im Nichts, hineingerissen in den erbarmungslosen Kreislauf vom Aufstieg und Fall der Reiche und Imperien. Wie überall lehrt die Geschichte auch hier: Flüchtig ist der Triumph, jäh und lächerlich der Sturz ihrer größten Helden.

Von den gierigen Orient-Tyrannen blieben am Ende nur Knochengrus und bleiches Gebein. Und ein wenig prunkvoller Hausrat.

Schon dieses Bisschen aber ruft den Zauber des alten Orients wach. In Stuttgart können Museumsbesucher bald 400 der funkelnden Objekte sehen: Goldketten, Karneolflaschen und Königsstatuen aus Basalt. MATTHIAS SCHULZ

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