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Pflanzen Geld in den Wind

In deutschen Gärten werden Millionen Bambuspflanzen welken - sie überleben ihre Blüte nicht.
aus DER SPIEGEL 18/1996

Wolfgang Eberts sah das Unheil kommen. Der Experte des Bambus-Centrums Deutschland in Baden-Baden ahnte seit langem, daß die Zeit der meterhohen Riesengräser bald ablaufen würde. »Paßt auf, Leute«, warnte er schon vor Jahren die Gartenfreunde und Baumschulen, »da ist was im Busch.«

Eberts hat recht behalten. Zum ersten Mal in diesem Jahrhundert blühen in den Gärten der Republik jetzt flächendeckend die Bambuspflanzen. Nach ihrer kurzen Blüte werden sie alle sterben. Schon in wenigen Monaten werden sich ihre grünen Halme in trockenes, braunes Stroh verwandeln. Betroffen sind sämtliche Gewächse der Art Fargesia murielae, der in Deutschland am weitesten verbreiteten Bambuspflanze.

»Jeden Tag rufen bei uns bis zu hundert besorgte Gartenbesitzer an«, berichtet Bambusexperte Eberts. Aus dem teuren Berliner Stadtteil Grunewald meldete sich beispielsweise ein Gartenbesitzer, der gerade 45 000 Mark für eine Bambushecke ausgegeben hatte. Eberts: »Das Geld kann er in den Wind schreiben.«

Viele Baumschulen wollen noch nicht wahrhaben, was ihnen blüht. Die Gärtner schneiden den Bambus zurück, um so die Vitalität der Pflanzen zu stärken. »Die Pflanzen sind nur geschwächt«, behauptet trotzig Fritz Wittje, Inhaber einer Baumschule im niedersächsischen Westerstede. »Mit reichlich Dünger und Wasser werden sie sich bestimmt erholen.« Von vielen Pflanzenhändlern werden die todgeweihten Gräser weiter verkauft.

Doch das Massenwelken läßt sich nicht aufhalten. An sich ist Bambus eine zählebige Pflanze. Wirbelstürme, arktische Kälte und Luftverschmutzung halten die holzigen Gräser mühelos aus. Krankheiten oder Schädlinge machen ihnen nur selten zu schaffen. Nach dem Atombombenabwurf über Hiroschima waren sie die ersten Gewächse, die wieder aus dem verstrahlten Boden trieben. Doch an ihrer eigenen Fortpflanzung geht jede Bambuspflanze zugrunde. »Die Blüte erschöpft sie zu Tode«, sagt Eberts, »alle Kraft wird für die Bildung der Saatkörner aufgebraucht.«

Nicht knacken konnten die Botaniker bislang das Rätsel, was beim Bambus nach einer Lebensdauer von bis zu hundert Jahren jählings die Blüte auslöst. Äußere Faktoren wie strenge Winter oder extreme Trockenheit haben darauf keinen Einfluß. Vielmehr tickt in den Bambusgenen, wie die Botaniker vermuten, offenbar eine Art biologischer Wecker, der nach einer vorgegebenen Frist abläuft.

Nur eine im Erbgut verankerte Lebensuhr würde auch erklären, weshalb gleichzeitig in Nordamerika und Europa die Murielae-Bambusse eingehen: Sie stammen alle von einer einzigen Ursprungspflanze ab.

Ende des vorigen Jahrhunderts hatte das britische Empire damit begonnen, Pflanzenjäger in die Welt hinauszuschicken, um nach exotischen Gewächsen für die englischen Parks und Gärten zu suchen. Zu einem der Berühmtesten seiner Zunft wurde bald der Pflanzensammler Ernest Wilson; über 1000 neue Pflanzen, darunter auch die Kiwi-Frucht, schleppte er aus China nach Europa. Unter Kollegen hieß er der »Chinesen-Wilson«.

Zu seiner dritten, zweieinhalb Jahre dauernden Expedition brach er im Dezember 1906 nur widerwillig auf: Seine Frau Nellie hatte gerade ein Kind zur Welt gebracht. Wochenlang kämpfte sich Wilson mit seiner Trägerkolonne immer tiefer in den nebelverhangenen Bergurwald Zentralchinas vor. Die Vorräte wurden schon knapp, als er endlich einen wunderschönen Bambus entdeckte. Eigenhändig buddelte er, im Mai 1907, die Pflanze aus; über Boston kam sie per Schiff nach Europa.

Zur selben Zeit wurde in England Wilsons Tochter Muriel ein Jahr alt. Von Heimweh und schlechtem Gewissen geplagt, gab der Sammler der Bambuspflanze den Artnamen murielae.

Knapp 90 Jahre später gibt es allein in Deutschland rund fünf Millionen - immer aufs neue geklonte - Ableger der Wilson-Pflanze, die nun alle eingehen werden. Bambusfan Eberts findet das nicht so tragisch. »Durch die von den Blüten ausgestreuten Samen«, sagt er, »entsteht endlich wieder eine größere genetische Vielfalt, die Karten werden neu gemischt.« In zehn Jahren werden aus der Saat wieder meterhohe Halme gewachsen sein; bis dahin sollten die Bambusfreunde einfach auf andere Arten ausweichen.

»Am Bambusfieber, das in Deutschland grassiert, wird sich durch das große Sterben nichts ändern«, hofft Eberts. Seit etwa zehn Jahren breitet sich die Zierpflanze in den Gärten aus; Villen- und Bungalow-Besitzer - wie der Kanzler in Oggersheim - finden die Wind- und Sichtschutz bietenden fernöstlichen Gräser chic.

Auch Öko-Freaks haben den Bambus, neben dem Modekraut Hanf, zu ihrer Lieblingspflanze erkoren. Sie fordern, die harten Halme stärker als natürlichen Rohstoff zu nutzen. Das Wundergras wachse sechsmal schneller als ein Baum, sei stabiler und haltbarer.

»Im Vergleich zum dumpf ächzenden Stöhnen und Rülpsen eines deutschen Fichtenwaldes«, dichtete die taz, »zirpeln die feinen Blättchen einer Bambuskolonie wie eine kichernde Harfe in die lauwarme Sommernacht.«

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