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Nobelpreisträger Gelehrte am Pranger

Mit einem Manifest gegen forschungsfeindliche Panikmache meldeten sich über 400 Forscher, darunter 62 Nobelpreisträger, zu Wort. Sein Ursprung ist dubios.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Wann immer sein Fax-Gerät zu surren beginnt, ist Michel Salomon hoffnungsvoll gestimmt: Wieder eine Unterschrift vom akademischen Hochadel?

Am letzten Freitag hatte der französische Journalist bereits die Namen von 62 Nobelpreisträgern beisammen, dazu den Schriftzug von 363 weiteren bedeutenden Wissenschaftlern, aber auch von Schriftstellern wie Umberto Eco ("Der Name der Rose") und Eugene Ionesco. Täglich spuckt Salomons Fax-Gerät neue Koryphäen-Namen aus. Auch deutsche finden sich darunter: die der Nobelpreisträger Manfred Eigen, Klaus von Klitzing, Robert Huber, Erwin Neher und Bert Sakmann beispielsweise.

Mit dem Gewicht solch ehrfurchtgebietender Vertreter meldete sich die wissenschaftliche Gemeinschaft zu Wort. Ihr Appell richtete sich an die Staatschefs, die sich auf dem Umweltgipfel in Rio versammelt hatten.

Das Ansinnen der Geistesgrößen überraschte: Nicht der Gefährdung von Weltklima oder Artenvielfalt gilt ihre größte Sorge; sie fühlen sich selbst bedroht. »An der Schwelle zum 21. Jahrhundert«, so hieß es in dem Aufruf der Gelehrtenelite, »kommt eine irrationale Ideologie auf, die sich dem wissenschaftlichen und industriellen Fortschritt entgegenstellt.« Die Politiker, mahnen die Wissenschaftler, ließen sich zu sehr von »pseudowissenschaftlichen Argumenten oder falschen und irrelevanten Daten« leiten.

Sind demnach die Warnungen vor der Klimakatastrophe falsch oder übertrieben? Oder ist die Ausrottung biologischer Arten, um die es in Rio ging, nur ein Hirngespinst? Darüber schweigt der Aufruf der Forscher.

Befremdlicher noch als diese Auslassungen mutet die Entstehungsgeschichte des »Heidelberger Appells« an. Rund 50 europäische Mediziner, Biologen und Chemiker hatten sich Anfang April zu einem Seminar über Risiko-Einschätzung in Heidelberg getroffen. Eingeladen hatte Michel Salomon, Herausgeber der kleinen französischen Wissenschaftszeitschrift Projections.

Auf der Tagung, von der Industrie gesponsert, hörten sich die gelehrten Gäste Vorträge darüber an, wie verzerrt und überdramatisiert Umweltgefahren in der Öffentlichkeit dargestellt werden. Als Beispiele wurden Asbest, Dioxin, Fluorchlorkohlenwasserstoffe und radioaktive Strahlung genannt - allesamt Probleme, die nach Salomons Überzeugung »größtenteils nichts als Mythen« sind. »In Seveso zum Beispiel«, behauptet er, »ist eigentlich gar nichts passiert.«

Die Referate verfehlten nicht ihre Wirkung. Vor allem die französische Mehrheit unter den Teilnehmern empörte sich: Die Medien, hieß es, schürten Emotionen mit Horrormeldungen, die Politiker entschieden unter dem Eindruck der entstehenden Panik, Wissenschaft und Technik gerieten zunehmend ins Kreuzfeuer fundamentalistischer Öko-Ideologen - der wissenschaftliche Fortschritt leide darunter.

Danach wurde beschlossen, die Politiker vor solchen Irrwegen zu warnen; die Umweltkonferenz in Rio sei ein idealer Anlaß dafür. Der Franzose Salomon zückte ein vorformuliertes Papier. Nach zweistündiger Debatte hatten sich die Anwesenden auf Formulierungen geeinigt, den Deutschen gerade noch moderat, den Franzosen gerade noch energisch genug.

Michel Salomon konnte mit 50 Unterschriften nach Paris zurückreisen, zwei stammten von Nobelpreisträgern (Manfred Eigen und Rita Levi-Montalcini) - offensichtlich genug, um 60 weitere Nobel-Forscher zur Unterschrift zu bewegen.

Der Text war im Ergebnis so unverbindlich, daß der Aufruf bei den Politikern in Rio ebensowenig Beachtung fand wie ein Friedensappell von Nobelpreisträgern, der kürzlich im Kanonendonner serbischer und kroatischer Artillerie verhallte.

Positive Resonanz hingegen fand der »Heidelberger Appell« bei etlichen Wissenschaftlern - ein Indiz für offenbar weitverbreiteten Frust in den Forschungslabors: Immer öfter wird in der Öffentlichkeit der technische Fortschritt als eigentliche Ursache von Klima- und Umweltkatastrophen gebrandmarkt. Die Elite-Wissenschaftler, ehedem als Hüter der Weisheit verehrt, fühlen sich an den Pranger gestellt.

Dabei haben sich in der Vergangenheit Wissenschaftler häufig auch ganz anders geäußert als jetzt die Unterzeichner des Papiers von Heidelberg. Zu wiederholten Malen haben Forscher vor den Folgen ihrer Entdeckungen gewarnt. Berühmt wurde die Göttinger Erklärung von 18 Atomphysikern, unter ihnen Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizsäcker, die sich 1957 gegen die Ausstattung der Bundeswehr mit Atombomben wandten: »Unsere Tätigkeit belädt uns mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser Tätigkeit.«

Fast zwei Jahrzehnte später, im Februar 1975, versammelten sich namhafte Genforscher auf einer Konferenz in Asilomar, einem Badeort in Kalifornien. Gerade war es ihnen gelungen, mit Hilfe sogenannter Restriktionsenzyme ins Erbgut einzugreifen. Jetzt wollten sie die möglichen Gefahren und Konsequenzen dieser Entdeckung diskutieren und sich selbst ethische Grenzen setzen.

Auch die Verschärfung globaler Umweltprobleme geriet erst ins öffentliche Bewußtsein, nachdem eine Gruppe von Wissenschaftlern ihren - inzwischen berühmten - Bericht über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht hatte: Die Ressourcen der Erde sind endlich, lautete 1972 die Botschaft des Club of Rome. Der Mensch müsse lernen, sich vom Glauben an ein unbegrenztes Wachstum zu verabschieden. Als Untergangsprophet kritisiert zu werden sei »vielleicht die Aufgabe, die uns zur Ehre gereicht«, erklärte Ricardo DIez-Hochleitner, der Präsident des Club of Rome.

Um so erstaunlicher, daß die Wissenschaftler jetzt, genau zu dem Zeitpunkt, da die Politiker in Rio einen ersten kläglichen Versuch unternahmen, Konsequenzen aus den Warnungen des Club of Rome zu ziehen und in eine internationale Politik zum Schutz des Planeten umzusetzen, vor übertriebenen Befürchtungen, vor Panikmache und irrationalen Katastrophenstimmungen warnen.

»Damals war es vielleicht notwendig, die Öffentlichkeit wachzurütteln«, sagt etwa der Nobelpreisträger Robert Huber vom Max-Planck-Institut für Biochemie in München über den Club of Rome. »Aber darüber sind wir längst hinaus. Jetzt muß abgewogen werden.«

Auch der englische Nobelpreisträger Max Perutz sieht die Wissenschaft von »irrationalen Bewegungen wie exzessiven Grünen« bedroht. Sein französischer Nobelpreiskollege Jean-Marie Lehn warnt vor »einem Totalitarismus im Namen der Ökologie, der jeden Fortschritt behindert«. Vor allem die französische Gentechnik laufe Gefahr, von »kleinkrämerischen Regelungen wie in Deutschland« bedroht zu werden, erklärt Lehn.

In einem Appell an die französische Regierung, im Ton weit energischer als der Heidelberger Aufruf, warnten letzte Woche französische Genforscher vor einem geplanten Gesetz, das in Frankreich (wie schon in Deutschland) öffentliche Anhörungen über gentechnische Anlagen vorschreibt. »Diese Anhörungen«, so der Appell der französischen Forscher, »werden eine negative Wirkung haben, wenn das Gesetz falsch ausgelegt wird, und eine verheerende, wenn es wörtlich genommen wird.«

Auch in deutschen Labors und Instituten führen öffentliche Kritik und Etatkürzungen zu wachsender Verbitterung unter den Wissenschaftlern. Vor allem das Gentechnikgesetz, das sie mit einer Lawine von Formularen überschüttet hat, ist für viele ein Zeichen für die Folgen der irrationalen Ängste, wie sie im Heidelberger Appell angeprangert werden.

Geredet wurde in Heidelberg über Asbest und Dioxin. Gemeint war von vielen die Gentechnik. Gerichtet war der Appell an Politiker, die über eine Klimakonvention verhandelten.

Zweifel daran, daß dies ein Vorbild für die eingeforderte wissenschaftliche Abgewogenheit sei, hegen inzwischen auch einige der Unterzeichner. Vor allem die Franzosen, erinnert sich einer der Teilnehmer, hätten sich in der Diskussion in Heidelberg seltsam aufgeführt: Bei der Empörung über die angeblich irrationalen Öko-Ideologen zeigten sie, so der Augen- und Ohrenzeuge, »manchmal selber irrationalen Übereifer«.

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