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AUTOMOBILE Gelenkige Schenkel

Mit günstigen Preisen und starkem Design wurde Peugeot wieder erfolgreich, doch die Qualität blieb mäßig. Das neue Modell 407 soll nun solide und sportlich sein.
aus DER SPIEGEL 18/2004

Wer dem neuen Peugeot 407 von vorn begegnet, sieht zunächst ein großes schwarzes Loch. Die klaffende Kühleröffnung gleicht den Schlünden mancher Supersportwagen und soll »den Raubtiereffekt unterstreichen«, sagt Alain Tranzer, Chefentwickler der jüngst präsentierten Mittelklasselimousine.

Raubtiereffekt? Bei Peugeot? Die französische Automarke (einst Produzentin stählerner Korsettstangen für Damen-Dessous) trägt zwar wacker einen Löwen im Emblem. Doch die Produkte zeugten bisher kaum vom ungestümen Wesen des Königs der Großkatzen. Peugeot steht für erschwingliche Allerweltstechnik, meist verpackt in elegantes Design.

Mit hübschen, preiswerten Kleinwagen führte Konzernchef Jacques Calvet die maroden Schwestermarken Peugeot und Citroën in den Achtzigern aus dem Siechtum zurück in die Gewinnzone. Teil seines Sparkurses war damals auch eine eiserne Blockadepolitik gegen die Einführung des Abgaskatalysators, den er als »schlechte Lösung« schalt.

Nachfolger Jean-Martin Folz, ein studierter Bergbauingenieur, setzte dann umgekehrt nicht minder beharrlich auf Umwelttechnik und deklassierte die weltweite Konkurrenz, als er im Alleingang Dieselmodelle mit Rußfiltern ausrüsten ließ. Darüber hinaus aber leistet sich Frankreichs größter Autoproduzent keine kostspieligen Experimente.

Anders als etwa im VW-Konzern, der inzwischen ein automobiles Raubtiergehege mit vier Zwölfzylinder-Modellen unterhält, schnurren bei der Löwenmarke eher zahme Hauskatzen: Der größte Peugeot-Motor hat sechs Zylinder. Der gesamte PSA-Konzern (Peugeot/Citroën) baut keinen einzigen Sport-, Luxus- oder Geländewagen - und erobert dennoch zunehmend Marktanteile (siehe Grafik). Sein größter Trumpf sind niedrige Preise - und seine Renditen fallen weit üppiger aus als bei VW.

Auch der neue Mittelklassewagen 407 wird in erster Linie wieder ein günstiges Auto sein. In der Grundausstattung (116 PS) wird er vom 15. Mai an für 20 600 Euro angeboten. Ein vergleichbarer Opel Vectra ist 1000 Euro, ein VW Passat sogar 2000 Euro teurer.

Chefentwickler Tranzer verspricht überdies höchst dynamische Fahreigenschaften. Die vorderen Achsschenkel etwa werden dank einer aus dem Rennsport entliehenen Konstruktion sehr gelenkig geführt, so dass die Räder auch beim Wanken der Karosserie immer mit der vollen Auflagefläche auf der Straße bleiben. Das bringt mehr Lenkpräzision bei geringerem Reifenverschleiß. Bei ersten Probefahrten äußerten sich Autotester der Fachpresse bereits durchweg lobend über das Handling des 407.

Ausdrücklich beteuert das Peugeot-Management zudem, große Fortschritte in einer Disziplin erlangt zu haben, in der der französische Fahrzeugbau nicht selten für Irritationen sorgt: »Der 407«, verspricht Generaldirektor Frédéric Saint-Geours, »wird die beste Produktqualität haben, die jemals bei einem neuen Peugeot geboten wurde.«

Das allerdings ist auch ratsam, denn Peugeot hat die Leidensfähigkeit seiner Kunden häufig arg strapaziert. Durchweg waren die Löwen-Produkte eher nachlässig verarbeitet. Bei einer Gebrauchtwagen-Untersuchung von Vorgängermodellen des 407 monierte »Auto Bild« jüngst Undichtigkeiten: »Sämtliche Motoren und teilweise auch Schaltgetriebe können ihren Schmiersaft nicht immer bei sich behalten.«

Auch Elektronikprobleme und frühe Reparaturen waren bei Peugeot bislang keine Seltenheit. Mal brennt die Airbag-Warnlampe, weil das Steuergerät verwirrt ist, mal sind schon nach kurzer Zeit neue Einspritzdüsen für den Motor fällig.

Die letzte Blamage leistete sich Peugeot bei der Präsentation des Golf-Gegners 307 vor drei Jahren in Marokko, wo die Testwagen einen kläglichen Eindruck machten: Armlehnen brachen aus der Halterung, Innenverkleidungen lösten sich beim Schließen der Heckklappe aus den Verankerungen. Auf den holprigen Bergstraßen klapperten die Autos hörbar.

Generell waren die Mängel bei Modelleinführungen stets besonders schlimm und zahlreich, weil Peugeot das Produktionstempo in den Fabriken zu rasch hochzufahren pflegte. Beim 407 soll dieser Fehler nicht wiederholt werden. Am Anfang wird weniger produziert und mehr kontrolliert; zum Verkaufsstart will Peugeot nur etwa einen Vorführwagen pro Händler nach Deutschland liefern.

Die ersten Modelle machen einen entsprechend ordentlichen Gesamteindruck. Manche Passungen, etwa an Motorhauben oder Innenverkleidungen, könnten genauer sein; doch immerhin klappert nichts und lösen sich keine Teile.

Dass bei der Entwicklung der Kostendruck zuweilen größer war als das Streben nach Innovation, lässt indes das Navigationsgerät ahnen. Statt einer zeitgemäßen DVD-Anlage installierte Peugeot ein schlichtes CD-System mit geringerer Speicherkapazität. Die Straßen einiger europäischer Länder sind darin nicht verzeichnet.

Bei der Präsentation des 407 in Portugal zeigten die Bildschirme der Testwagen eine leere, blaugraue Fläche. CHRISTIAN WÜST

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