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Automobile Geliebtes Kuckucksei

Mit dem neuen A3 soll Audi der erfolgreichste Oberklassehersteller Deutschlands werden - auf Kosten des Dachkonzerns VW.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Ingolstadt und das Land Bayern huldigten dem neuen Automobil mit einer stattlichen Immobilie. Ein neues Güterverkehrszentrum, 52 Hektar groß, 100 Millionen Mark teuer, spendierte die öffentliche Hand der Audi AG - einen Steinwurf vom Werk Ingolstadt entfernt.

Die logistische Hilfestellung gilt als Dankeschön der Behörden für den Entschluß des Vorstands, den neuen Audi A3 nicht in einem ausländischen Werk der Konzernmutter VW, sondern daheim in Bayern zu produzieren. Mit der Entscheidung für den teuren Produktionsstandort Deutschland hatten die VW-Oberen lange gezögert. Schließlich war es die erklärte Strategie gewesen, mit dem A3 in eine Preisregion weit unterhalb der Konkurrenz von Mercedes und BMW abzutauchen.

Im Herbst kommt der vorerst zweitürige Kompaktwagen auf den Markt. Er rangiert eine Wagenklasse unterhalb des bisher kleinsten Audi, des A4, wird in der Basisversion 101 PS leisten und vor allem den Konkurrenten aus München bedrängen.

BMW kreierte vor zwei Jahren die Rubrik des Prestige-Autos im Kleinformat - mit einer verkürzten Version des Dreiers, Compact genannt. Diese entwickelte sich alsbald zum Verkaufsschlager und blieb über zwei Jahre hinweg praktisch ohne Rivalen. Mit 34 700 Mark plazierte sich der Compact deutlich unter den Basismodellen von Mercedes und Audi.

Der Vorteil der Münchner wird nun gewaltig untergraben: Mit einem Grundpreis von rund 31 000 Mark soll der Audi A3 bald potentielle BMW-Käufer gewinnen. Sein Konzept, sagt ein Audi-Sprecher, »zielt klar auf die Compact-Klientel«.

100 000 Exemplare des kleinen Audi sollen pro Jahr produziert und verkauft werden. Zunächst stehen drei Motoren zur Wahl, neben dem Basismodell ein Fünfventil-Vierzylinder mit 125 PS und ein Turbodiesel-Direkteinspritzer (TDI) mit 90 PS.

Sollte sich die Absatzerwartung erfüllen, steht Audi kurz davor, sich erstmals als erfolgreichster Oberklassehersteller Deutschlands zu profilieren - eine Perspektive, die noch vor drei Jahren unerreichbar schien.

Über 100 000 Autos standen weltweit auf Halde. Der Jahresabsatz dümpelte bei 360 000 Fahrzeugen. Dann setzte ein gewaltiger Aufschwung ein. Die Verkäufe stiegen im vergangenen Jahr auf knapp 450 000 Wagen weltweit. In diesem Jahr rechnet man in Ingolstadt mit einer halben Million. Damit rückt Audi immer näher an BMW und Mercedes heran, die jeweils fast 600 000 Autos pro Jahr verkaufen.

Stark belebt wurde der Aufschwung durch den spektakulären Erfolg der extrem sparsamen TDI-Modelle, die inzwischen ein Drittel des Gesamtverkaufs ausmachen. Zu lange hatten andere Hersteller diese Entwicklung verschlafen. Direkteinspritzer wurden trotz des Verbrauchsvorteils als zu laut, zu unkomfortabel verworfen. Erst in diesem Frühjahr, sechs Jahre später als Audi, zog Mercedes nach und bietet nun auch die E-Klasse mit TDI-Motor an.

Woran sich der langjährige Audi-Chef und heutige VW-Vorstandsvorsitzende Ferdinand Piëch in den achtziger Jahren vergeblich mit dynamischen Kraftakten (Allradantrieb, Rallyesport) abgemüht hatte, gelang nun ausgerechnet durch den Öko-Bonus des sparsamen Super-Diesels: Audi setzte sich glaubwürdig als Marke des technischen Vorsprungs in Szene.

Getragen vom Durchbruch der TDI-Motoren, stieg Herbert Demel, wie Piëch Österreicher und Ingenieur, in kurzer Zeit vom Leiter der Aggregateentwicklung (1992) zum Entwicklungschef (1993), Vorstandssprecher (1994) und schließlich zum Vorstandsvorsitzenden (1995) auf.

Demel, der »kein Ziehsohn, aber auch kein Stiefsohn« des Konzernlenkers und Audi-Mentors Piëch sein will, träumt nun schon öffentlich von einem atemraubenden Produktionsrekord. In absehbarer Zeit, eröffnete der Audi-Chef kürzlich dem Fachblatt Auto, Motor und Sport, strebe er einen Absatz von 700 000 Audi pro Jahr an.

Dieses Ziel wird allerdings nur erreichbar sein, wenn Audi nicht nur bei anderen Herstellern, sondern auch von der eigenen Konzernverwandtschaft Kunden abwirbt. So droht eine unheilige Rivalität zwischen dem neuen Ingolstädter Kompaktwagen und den luxuriösen Varianten des VW Golf, die in derselben Preisklasse rangieren. Basis des A3 ist gar die Bodengruppe des Golf IV, der im Herbst 1997 kommen soll.

Daß es Audi als einzigem Konzernmitglied vergönnt sein soll, die Muttermarke VW nachhaltig zu kannibalisieren, erregt durchaus Mißgunst in der Wolfsburger Zentrale. Konzernpatriarch Piëch, so die Unkenrufe aus der niedersächsischen Zentrale, hege die bayerische Tochter als sein geliebtes Kuckucksei.

In Ingolstadt hat man bereits gelernt, mit dem Groll der »Preiß'n« zu leben: Er steckt, feixt ein Audi-Sprecher, »wie ein Stachel in der ewig eiternden Wunde«.

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