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Geruch - unsichtbares Band

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aus DER SPIEGEL 3/1986

Emotionale Bindungen zwischen Mutter und Kind sind offenbar noch stärker, als bislang angenommen, durch Geruchswahrnehmungen beeinflußt. So hatte ein britischer Wissenschaftler schon vor einiger Zeit nachgewiesen, daß Säuglinge lieber an der Mutterbrust als bei einer Amme trinken, weil sie die Nahrungsquellen am Geruch unterscheiden können. Nun spürte Benoit Shall, Psychologe und Physiologe an der Universität von Besancon den Zusammenhang zwischen dem Geruchsempfinden Neugeborener und ihrem Seelenfrieden noch weiter nach: Junge Mütter mußten einen Tag lang Baumwollschals um den Hals tragen. Ihre gerade zwei Tage alten Säuglinge, so fand der Forscher, beruhigten sich sogleich und schliefen ein, wenn ihnen die Tücher der Mutter vorgehalten wurden. Erhielten die Kinder ein fremdes Tuch, zeigten sie dagegen Abneigung, erregten sich und schrien. Auch umgekehrt funktionierte die olfaktorische Kennung: Von 40 Müttern, denen Babywäsche vor die Nase gehalten wurde, konnten alle die von ihrem eigenen Kind getragenen Stücke identifizieren. Ein US-Wissenschaftler wiederum fand, daß auch Väter ihre Kinder zuverlässig erriechen, vorausgesetzt, sie haben sich von der Geburt an mit ihren Kindern beschäftigt.

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