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Dinosaurier Gerupfte Riesenhühner

Eierschalen und Babyknochen sind zum Boomthema der Dino-Forschung geworden. Hunderte von Nestern, Tausende von Eiern und ganze Brutkolonien wurden in den letzten Jahren entdeckt, Embryonen werden aus den fossilen Eiern geätzt. Dabei bestätigt sich ein alter Verdacht: Die Dinos sind die Urahnen der Vögel.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Auf dem Hamburger Rathausmarkt gurren die Dinosaurier. Sie schwimmen in Saale und Inn. Sie nisten in Münchner Vorgärten, und im Herbst ziehen sie zu Millionen nach Italien und nach Afrika.

Für die Paläontologen wird immer mehr zur Gewißheit: Die Dinosaurier leben. Als vor 65 Millionen Jahren der Einschlag eines Meteoriten die Erde in eine kalte Staub- und Dampfwolke hüllte, war zwar die Herrschaft der vorzeitlichen Kolosse abrupt beendet. Doch eine kleine flugtüchtige Gruppe aus dem Clan der Saurier überlebte: die Vögel.

Störche und Rotkehlchen, Turmfalken und Lachmöwen, Kolibris und Marabus: Sie alle wären demnach echte Dinosaurier, Abkömmlige der Theropoden, der Raubsaurier, und damit Vettern des schrecklichen Tyrannosaurus rex.

Der Nachweis einer engen Verwandtschaft von Vögeln und Dinosauriern ist weit mehr als eine Kuriosität aus dem Gebiet der biologischen Systematik. Er verändert vielmehr grundlegend das Bild, das sich die Forscher von den Riesen aus der Vorzeit machen. An die Stelle überproportionierter Urzeitechsen, wie sie früher von den Paläontologen beschrieben wurden, sind Tiere getreten, die eher gerupften Riesenhühnern ähneln.

Plötzlich tauchen Begriffe wie Brutpflege und Kolonienbildung, Hackordnung und Balz, Nesthocker und Fütterung in den Abhandlungen der Dino-Forscher auf. Sie spekulieren über Balzruf und Kopfschmuck der Dino-Männchen, und Mark Norell vom American Museum of Natural History in New York glaubt gar, Hinweise auf Federn in versteinerter Dino-Haut ausgemacht zu haben.

In den Mittelpunkt des Interesses gerät damit, was lange Zeit nur als Kuriosität mißachtet worden war: Dino-Küken und -Eier. Noch vor 20 Jahren standen die schlichten, nur wenige Kilo schweren Eier im Schatten ihrer bis zu 80 Tonnen schweren Eltern. Kaum ein Dutzend Fundstätten von Dino-Eiern waren beschrieben.

Inzwischen sind mehr als 200 Brutplätze in Europa, Asien, Nord- und Südamerika katalogisiert. Innerhalb weniger Jahre wurde der Fossilienmarkt mit Tausenden der oft volleyballgroßen, länglichen oder kugelförmigen Eier überschwemmt.

Rund hundert von ihnen bietet Charlie Magovern in seiner Werkstatt in Colorado feil. »Doch inzwischen ist es schwer, Nachschub zu kriegen«, klagt er. Die Wissenschaftler suchen den Handel und Schmuggel mit den beliebten Sammlerstücken zu stoppen. Sie haben erkannt, daß die Eier ihnen einen völlig neuen Blick in Jura- und Kreidezeit erlauben könnten - den Blick in das soziale Leben der Dinosaurier.

Wie lebendig das neue Forschungsfeld ist, zeigen allein die Entdeckungen des letzten Jahres: ___In den Pyrenäen stießen französische und spanische Wissenschaftler auf eine gewaltige Brutkolonie der Urzeitriesen. Ihre erste Schätzung: Die Überreste von rund 300 000 Eiern liegen noch im Gestein verborgen. Die Nester lagen, dicht gedrängt, an einer kreidezeitlichen Küste. ___In China werten Paläontologen des American Museum of Natural History die bisher wohl spektakulärsten Eifunde aus. Hunderte von Nestern und Tausende von Eiern zeugen davon, daß hier mindestens sechs verschiedene Dino-Arten die Brutplätze in einem sumpfigen Flußdelta aufsuchten. ___Aus der Mongolei stammt ein starkes Indiz dafür, daß zumindest einige Saurier ihre Eier wie Vögel ausbrüteten. Forscher legten dort die Gebeine zweier Oviraptoren frei, die über ihrem Gelege hocken. Das eine Tier sei vermutlich beim Brüten von einem Sandsturm erstickt worden. Das andere sei gar unmittelbar während der Eiablage gestorben.

Mit derartigen Funden knüpft die Forschung jetzt an die Pionierarbeit von John Horner an, der schon vor fast 20 Jahren, von vielen Skeptikern verhöhnt, eine zunächst nur spekulative neue Forschungsdisziplin begründete: die Verhaltensforschung der Kreidezeittiere.

Ein Zufall trug dem Amateur ohne akademischen Titel den ersten Ruhm ein: Die Besitzerin eines kleinen Mineraliengeschäftes in Montana hatte ihn gefragt, was es für eigenartige Knochen sein könnten, die sie auf den Feldern in der Umgebung gefunden hatte: Zwar schienen sie einem Rippen- und einem Oberschenkelfragment irgendeines Hadrosauriers zu gleichen, doch waren sie kaum daumengroß.

Horner war sofort klar: Hier hatte er vor sich, wovon er seit langem geträumt hatte - Knochen eines Dino-Babys. Hastig entriß er dem Sediment weitere Knochen, bis er freigelegt hatte, was er eine »gigantische Salatschüssel« nannte, gefüllt mit Wirbeln, Rippen und Klauen winziger Dinos: ein Nest, davon war Horner überzeugt, in dem einst Küken auf die fütternde Mutter gewartet hatten.

Bald war er auf sieben weitere Nester gestoßen, und vor seinen Augen begannen sich die Umrisse von Szenen abzuzeichnen, die sich an dieser Stelle vor rund 80 Millionen Jahren abgespielt haben könnten. Schritt um Schritt verwandelten sich dabei die vermeintlich trägen und dummen Giganten in soziale Herdentiere und liebevolle Mütter.

Alljährlich zogen sich demnach die Muttertiere der Maiasaurier, einer Gattung aus der Gruppe der Hadrosaurier, zum Nisten an die Flußufer der Hochebenen zurück. So dicht beieinander, wie es ihre acht Meter langen Körper zuließen, hoben die Hennen mit ihren kräftigen Hinterläufen rund zwei Meter breite Gruben aus, in die sie, kreisförmig arrangiert, 15 bis 20 ovale, etwa auberginengroße Eier legten.

Daß er fast ausschließlich Splitter und Schalen, nicht aber vollständige Eier fand, wertete Horner als Indiz dafür, daß die Brut nach dem Schlüpfen noch einige Zeit in dem Nest verbracht und dabei die Eier zertrampelt hatte.

Die größten Knochen in den Nestern weisen darauf hin, daß die Küken gefüttert wurden, bis sie zur Länge von etwa einem Meter herangewachsen waren. Dann, so spekulierte Horner, stießen die Hennen mit ihrem Nachwuchs zu den gewaltigen Herden von bis zu 10 000 Tieren - wie er aus riesigen Knochenhalden schloß, die er wenig später entdeckte - , um auf ihrer Suche nach Weidegründen den Kontinent zu durchstreifen.

Argumentationshilfe bekam Horner schon früh von dem amerikanischen Dinosaurier-Forscher Robert Bakker. Vom Vater, einem christlichen Wanderprediger, hatte Bakker den missionarischen Eifer geerbt, mit dem er seit den sechziger Jahren die Dinosaurier gegen den Vorwurf verteidigt, tumbe Riesen zu sein.

Viel zu ausführlich, so wurde Bakker nicht müde zu wiederholen, habe sich die Forschung mit der Frage befaßt, warum die großen Dinosaurier am Ende der Kreidezeit ausstarben. Viel aufschlußreicher sei die Frage, warum sie sich 150 Millionen Jahre lang als unumschränkte Herrscher des Tierreichs behauptet haben. Wie hielten sie 150 Millionen Jahre lang die angeblich so überlegenen Säugetiere in Schach?

Diese Fragen verleiteten ihn zu einer These, die eine der größten Debatten der Dino-Paläontologie auslöste: Die Dinosaurier, so seine Behauptung, waren wie Säugetiere und Vögel Warmblüter. Nur konstant hohe Körpertemperaturen und der damit verbundene hohe Energieumsatz könnten das schnelle Wachstum ermöglicht haben, auf das die Mikrostruktur der Knochen schließen lasse. Und nur so seien die kräftigen Beine zu erklären, die den Riesentieren vermutlich schnelle Sprints und ausdauernden Galopp erlaubten.

»Könnte man einen Strauß und ein Nashorn miteinander kreuzen«, so Bakkers provozierende Schlußfolgerung, »so käme ein Dinosaurier heraus.«

Horner und Bakker gelten heute vielen als Vertreter von »Lagerfeuertheorien«, wie Spötter die Ideen nennen, die beim abendlichen Spintisieren im Grabungslager geboren werden. Derartige Theorien blühen in einem Forschungsfeld, das wie kaum ein anderes von Amateuren bestimmt wird. Oft sind es Fossilienhändler, Präparatoren oder Hobby-Paläontologen, die sich durch ihre Hartnäckigkeit, ihr gutes Auge oder schlicht Glück bei der Knochensuche den Respekt studierter Wissenschaftler verschaffen.

Doch inzwischen reichen den Paläontologen die vagen Indizien der Lagerfeuerforscher nicht mehr. Statt Vermutungen fordern sie Beweise.

Wieder könnte es ein Amateur sein, der die gewünschten Fakten liefert. Im englischen Leicester tüftelte der Fossilienhändler Terry Manning ein Verfahren aus, das den Blick durch die versteinerten Eierschalen ermöglicht.

Vor acht Jahren stand er in einem Moskauer Museum erstmals vor Dino-Eiern. Chaotisch beieinanderliegend und in willkürlicher Weise irgendwelchen Arten zugeordnet, dämmerten die steinernen Brocken hier als vergessene Urzeitzeugen dahin.

Manning war von der glatten, großporigen Oberfläche sogleich fasziniert: Lagen darunter nicht Geheimnisse verschlossen, die nie zuvor zugänglich gewesen waren - versteinerte Dino-Embryonen, von denen bisher weltweit nur wenige beschrieben waren?

Vier Jahre später erfuhr Manning von jenem Fund, der seine kühnsten Hoffnungen übertraf: In China war das New Yorker Forscherteam auf ausgedehnte Brutplätze von vielen verschiedenen Dino-Arten gestoßen. Und schon die ersten Berichte deuteten darauf hin, daß reiche Embryonenernte zu erwarten war.

Möglicherweise, so erklärt er sich den ungewöhnlich guten Erhaltungszustand, war das Klima hier so heiß, daß die Tiere ihre Eier mit Wasser kühlen mußten. Als das Flußdelta trockenfiel, kochte die brütende Sonne die Eier und bewahrte sie so vor schneller Verwesung.

Mit Hilfe von winzigen Bohrungen durch die Eischale konnte Manning ermitteln, welches der Eier Embryonen zu enthalten versprach: Ehe der Versteinerungsprozeß beginnt, so seine Überlegung, lösen sich Phosphate aus dem Gewebe des Embryos, die sich am Boden des Eis ablagern - ein verräterisches Indiz, das ihm den Weg zu den verborgenen Mini-Dinos wies.

Mehr als tausend Eier aus China trafen inzwischen in Mannings Labor ein. In rund 50 von ihnen wurde der Forscher fündig. In langwieriger Arbeit präparierte er inzwischen 15 Embryonen von drei Dino-Arten und einer Schildkröte - allesamt aus dem Kalkgefängnis, in dem sie seit 100 Millionen Jahren eingeschlossen waren.

Erst badet Manning die Eier in einer verdünnten Säure, bis eine nur einen Viertelmillimeter dünne Schicht abgeätzt ist. Nachdem er die Probe gewaschen und getrocknet hat, härtet er die winzigen freigeätzten Knochenteile mit einem Harz und beginnt die Prozedur von neuem. Monate oder sogar ein Jahr kann es dauern, bis schließlich das Knochengewirr aus einem Ei geschält ist.

Selbst versteinerte Knorpel, ein Stück Embryonenhaut, Muskeln am Oberschenkel und Dotter haben sich erhalten. »Der Dotter ähnelt dem einer Schildkröte«, sagt Manning. Beim Vergleich mit dem Dotter im Ei des straußenähnlichen Emus jedoch stellte er fest: »Es ist im wahrsten Sinne identisch.«

Manning wertet dies als weiteres Indiz für die enge Verwandtschaft zwischen Vögeln und Dinosauriern. Sonst aber hält er sich mit Schlußfolgerungen vorerst zurück.

Lieber wartet er auf die Ergebnisse der Forscher, denen er seine Proben zugesandt hat: Mark Norell will am New Yorker Museum of Natural History die verschiedenen Entwicklungsstadien der Embryonen studieren. William Showers glaubt, mit Hilfe der Embryo-Proben den fortdauernden Streit um die Warmblütigkeit der Dinosaurier beenden zu können.

Er will die Verteilung von Sauerstoff-isotopen in den Gewebeproben messen - unter Paläoklimatologen ein bewährtes Verfahren, um die Wassertemperaturen urzeitlicher Meere zu bestimmen. Showers verwendet die Methode jetzt gleichsam als Fieberthermometer für fossile Tiere.

Manning müht sich derweil weiter, den versteinerten Eiern ihre Geheimnisse zu entreißen. In irgendeinem von ihnen, so sein kühner Traum, könne er vielleicht eines Tages auf einen mumifizierten Mini-Dino stoßen, einen vollständig erhaltenen Saurier-Ötzi.

»Grundsätzlich zumindest«, soviel hätten die bisherigen Erfolge gezeigt, »ist das absolut möglich.«

* Oben: mit einem freigeätzten versteinerten Dino-Embryo; unten:210 Millionen Jahre alter Mussaurus patagonicus, entdeckt 1979 inArgentinien.

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