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MEDIZIN Geschlagene Schlacht

Eine Großstudie amerikanischer Forscher beweist: Impfungen könnten den weltweit häufigen Gebärmutterhalskrebs verhindern.
aus DER SPIEGEL 49/2002

Seit drei Jahrzehnten ist Harald zur Hausen, Virologe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, den Bösewichtern auf der Spur: »Schon in den siebziger Jahren hatte ich den Verdacht«, sagt der nun 66-jährige Forscher, »dass die so genannten Papillomaviren mit Krebs zu tun haben.«

Tatsächlich entdeckten er und seine Mitarbeiter dann im Tumorgewebe von Frauen, die an Gebärmutterhalskrebs litten, besonders gefährliche Vertreter dieser als »HPV« ("Human Papillomavirus") bezeichneten Spezies.

Alle Versuche, die Pharmaindustrie für die Herstellung eines Impfstoffs gegen den offenbar Krebs auslösenden Erreger HPV-16 zu interessieren, seien damals jedoch »kläglich gescheitert«, sagt der Wissenschaftler - wofür er Verständnis hat, denn noch »kamen aus unterschiedlichen Forschungslabors widersprüchliche Befunde«.

Nun ist der »enorm weite und schwierige Weg« (zur Hausen) offenbar zu einem guten Ende gekommen: In einer Studie haben amerikanische Kollegen erstmals klar gezeigt, dass eine Impfung einer HPV-16-Infektion - und damit auch dem weit verbreiteten Gebärmutterhalskrebs - vorbeugen kann. Übertragen werden die Viren beim Sex - bei Frauen und bei Männern können sie gleichermaßen eine Infektion der Genitalien auslösen.

Nachdem dieser »neue Schritt in der Krebsprävention« getan ist, glaubt zur Hausen, »wird es zügig weitergehen": Sei die erfolgreich getestete Vakzine erst zugelassen, werde der Gebärmutterhalskrebs »signifikant zurückgehen«.

Als erste von mehren Forschergruppen, die gegenwärtig die Wirksamkeit von HPV-Impfungen nachzuweisen versuchen, hat das Team um die Epidemiologin Laura Koutsky die Bestätigung geliefert: Gemeinsam testeten die Wissenschaftler von vier US-Universitäten und Pharmaforscher des Merck-Konzerns die Vakzine an 2392 jungen Frauen. Die Hälfte von ihnen erhielt, ohne ihr Wissen, mit der Impfspritze nur ein Placebo, ein Scheinmedikament.

Die echte Vakzine besteht aus Eiweißpartikeln, die dem Virus nur äußerlich ähneln und so den Organismus zur Gegenwehr stimulieren: Der Körper produziert bei Virusattacken große Mengen schützender Antikörper, die sämtliche Schleimhäute abschirmen.

Im Laufe von fast eineinhalb Jahren entwickelten sich bei den Teilnehmerinnen der neuen Studie insgesamt neun Fälle von HPV-16-Tumoren am Gebärmutterhals - doch seien sie ausnahmslos, so berichten die Forscher im »New England Journal of Medicine«, in der Placebo-Gruppe aufgetreten.

Bösartige Tumoren am unteren Ausgang des Uterus ("Zervix") rangieren, mitsamt Vorstufen und Frühformen, bei den Krebserkrankungen von Frauen in Deutschland an vierter Stelle - nach Brust- und Lungenkrebs, den sich die Frauen zunehmend anrauchen. Weltweit steht der Zervixkrebs auf Platz zwei: Weil in den Entwicklungsländern die oft langwierigen Krebs-Vorstufenveränderungen weder untersucht noch behandelt werden, »stirbt eine viel höhere Anzahl von Frauen elendiglich daran«, sagt Friederike Gieseking, Oberärztin an der Hamburger Universitätsfrauenklinik, die seit April ebenfalls eine Impfstudie an jungen Frauen durchführt.

Bei einer künftigen Prophylaxe, betont die Ärztin, müssten allerdings die Männer mit einbezogen werden: »Denn die Jungs sind Überträger«, so Gieseking, »bei den Frauen sitzen die Viren dann fest, da ist es gemütlicher.«

Die Analyse von Zellproben, die Gynäkologen seit 1972 im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung entnehmen, hat in Deutschland zu einem Rückgang der Tumorform auf nun etwa 7000 neue Fälle jährlich geführt. Wird der Krebs im Frühstadium entdeckt, liegt die Überlebensrate bei mehr als 90 Prozent, später jedoch sinkt sie drastisch.

Mit Hilfe des herkömmlichen Testverfahrens kann ein Großteil der Erkrankungen frühzeitig entdeckt werden. Doch die Beurteilung von Veränderungen in den Zellen der Abstriche ist nicht leicht. Pathologen stellen bei ein und derselben Probe häufig unterschiedliche Diagnosen.

Als verfeinerte Untersuchungsmethode wird deshalb ein zweistufiger Test erprobt, der die Schleimhautzellen direkt auf Krebsmarker und Virus-Erbgut im Zellkern hin absucht.

Doch nun scheint die entscheidende Schlacht gegen den Krebs durch HPV-16 ohnehin weitgehend geschlagen: Mediziner und Wissenschaftler wie zur Hausen oder Gieseking sprechen bereits von einem »Durchbruch«. »Ist das der Anfang vom Ende des Zervixkrebses?«, fragt auch der Kommentator der neuen Studie im »New England Journal of Medicine«.

Welch durchschlagenden Erfolg eine Impfung bringen kann, zeigt das erfolgreiche Schutzprogramm gegen Leberkrebs, in das 1984 in Taiwan Neugeborene einbezogen wurden: Nicht einmal zehn Jahre später war auf Grund der Massenimpfung die Häufigkeit der Virus-Hepatitis B bei Kindern von über 10 Prozent auf 1,7 Prozent gesunken - und das Leberkarzinom kam viermal seltener vor. RENATE NIMTZ-KÖSTER

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