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SPIEGEL

Philip Bethge

Elementarteilchen XX, XY, XYX, YYX

Liebe Leserin, lieber Leser – liebe Lesende,

heute soll es an dieser Stelle um die Maus gehen und was sie darf oder auch nicht. Am 27. März strahlte die ARD eine »Sendung mit der Maus« aus, in der Erik, ein ehemaliger Obdachloser, sein neues Leben als Katja vorstellt. Die transgeschlechtliche Frau erzählt, wie sie ihre eigene Identität fand, eigentlich ein Bericht, der für mehr Toleranz wirbt.

Doch weit gefehlt. Zunächst sorgte die Sendung in den sozialen Medien für Aufruhr. Anfang Juni dann fand sie Eingang in ein Dossier  mit dem Titel »Ideologie statt Biologie im ÖRR«, mit dem eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die angebliche Falschberichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum Thema Geschlechter kritisierte. Ausgangspunkt sei stets »die Falschbehauptung«, es gäbe »eine Vielfalt von Geschlechtern bzw. Zwischenstufen zwischen Mann und Frau«, heißt es in einem Aufruf  dazu.

In dieser Woche nun ist die Sache eskaliert. Die Berliner Humboldt-Universität sagte den Vortrag  einer der Verfasserinnen des Dossiers aus »Sicherheitsgründen« ab, geplanter Titel: »Warum es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt«.

Und nun legen 160 Wissenschaftlerinnen und Publizisten aus acht europäischen Ländern mit einem Manifest nach, in dem sie den »Schutz unserer Kinder vor der Transgender-Ideologie« fordern. »Als Wissenschaftler und Fachleute stellen wir uns entschieden gegen die Behauptung, dass Frauen und Männer nur soziale Konstrukte seien und die Geschlechtszugehörigkeit eine bloße Frage des Empfindens«, heißt es in einem Entwurf des Schreibens, »man wird als Mädchen oder Junge geboren.«

Die zentrale Frage also: Gibt es nur zwei Geschlechter, Mann und Frau? Oder gibt es viele?

Ich glaube, dem Streit liegt ein Missverständnis zugrunde. Und alles ist eine Frage der Definition.

Es ist selbstverständlich, dass sich zur Fortpflanzung eine männliche und eine weibliche Keimzelle verbinden müssen. Es gibt auch beim Menschen erstaunlich viele Übergangsformen  in der Ausprägung der verschiedenen Geschlechtsmerkmale. Diese als eigenständige Geschlechter zu bezeichnen, mag den meisten Naturwissenschaftlern die Nackenhaare aufstellen. Geschenkt.

Teilnehmer des Christopher Street Day 2022 in Köln

Teilnehmer des Christopher Street Day 2022 in Köln

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Christoph Hardt / Panama Pictures / IMAGO

Auch ist es zweifellos ratsam, vor einer Geschlechtsumwandlung einen Psychologen aufzusuchen und sich gut beraten zu lassen. Entsprechende Hilfsangebote für Jugendliche und Erwachsene müssen hierzulande selbstverständlich werden.

Andererseits definiert jeder einzelne Mensch sein Geschlecht auf unterschiedlichste und die ihm eigene Weise selbst. Manchmal folgt er einem Trend und merkt es irgendwann. In den allermeisten Fällen aber kann er kaum anders .

Psychologen und Sozialwissenschaftler beschäftigen sich mit diesem Thema seit Jahrzehnten. Die gesellschaftliche Geschlechterdebatte ist umfassend, manchmal aggressiv, für manchen vielleicht auch verstörend. Doch das ist auch gut so.

Solange in Deutschland Jugendliche mit Transidentität sechsmal wahrscheinlicher einen Suizidversuch unternehmen, weil sie sich gemobbt und ausgegrenzt fühlen, ist es bitter nötig, Geschlechteridentitäten, den gesellschaftlichen Umgang mit trans- und intergeschlechtlichen Personen und deren Diskriminierung zu thematisieren.

Auch die Maus kann und sollte dabei helfen. Herr und Frau Mustermann müssen es aushalten, auch wenn sie Biologie studiert haben.

Herzlich
Ihr Philip Bethge

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Quiz*

  1. Wie viele transgeschlechtliche Personen leben in Deutschland und was zeichnet sie aus?

  2. Wie viele intergeschlechtliche Personen leben in Deutschland und was zeichnet sie aus?

  3. Seit wann können intergeschlechtliche Kinder als »divers« oder ohne Geschlechtsangabe in das Geburtenregister eingetragen werden?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche

Foto: Siphiwe Sibeko / REUTERS

Dieses Horn gehört zu einem betäubten Breitmaulnashorn, dem Artenschützer der südafrikanischen Peace Parks Foundation eine neue Zukunft bescheren wollen. Insgesamt 19 Exemplare der seltenen Art reisten in den vergangenen Wochen von einem Wildnisgebiet in Südafrika aus in den Zinave-Nationalpark in Mosambik. Über 1600 Kilometer erstreckte sich der Nashornumzug, der die Art weiterverbreiten und damit deren Zukunft sichern soll. In den kommenden zwei bis drei Jahren hoffen die Artenschützer mehr als 40 Breit- und Spitzmaulnashörner umsiedeln zu können.

(Feedback & Anregungen? )

*Quizantworten: 1. Transgeschlechtliche Menschen erleben ihre Geschlechtsidentität als nicht – oder nicht nur – mit dem Geschlecht übereinstimmend, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland zwischen 2000 und 100.000 transgeschlechtliche Personen. 2. Intergeschlechtliche Menschen verfügen von Geburt an über genetische, anatomische und hormonelle Geschlechtsmerkmale, die nicht den medizinischen Geschlechternormen von Mann und Frau entsprechen. Die Intersex Society of North America gibt an, dass von 100 Neugeborenen ein Kind solche körperlichen Merkmale aufweist. 3. Seit 2019. Quelle für 1. und 2.: Bundesverband der Kommunikation 

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