Gewinner des Social Design Awards 2022 »Uns wird oft jede Form von Intelligenz abgesprochen«

Kanal statt Stadtautobahn, Wälder statt Brachen: Der SPIEGEL hat Klimaschützer mit dem Social Design Award ausgezeichnet. Hier sagen die Gewinner, wie sie die Welt verbessern möchten – trotz aller Widerstände.
Ein Interview von Silvia Dahlkamp
Pflanzaktion von »500 Menschen aktiv für Klima- und Artenschutz«

Pflanzaktion von »500 Menschen aktiv für Klima- und Artenschutz«

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gUG Umweltschutz und Lebenshilfe

Es war ein Satz, der in den Achtzigern eher für Verzweiflung als für Hoffnung stand: »So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen«, nannte der Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth seinen düsteren Bestseller, mit dem er die Umweltsünden des Menschen und die Ausbeutung der Erde anprangerte. Knapp 40 Jahre später hat die Osnabrücker Nachbarschaftsinitiative »500 AKA – 500 Menschen aktiv für Klima- und Artenschutz« aber nicht nur ein Bäumchen gegen den Untergang gesetzt, sondern mehr als 20.000 Bäumchen der Hoffnung: Erlen, Buchen, Weißdörner, Schlehen, Hartriegel. Ein Zeichen für den Umweltschutz und eine preiswürdige Idee.

Illustration des Nürnberg-Fürther Stadtkanals: Rechts unten ist die Jansenbrücke Richtung Nürnberger Innenstadt zu sehen

Illustration des Nürnberg-Fürther Stadtkanals: Rechts unten ist die Jansenbrücke Richtung Nürnberger Innenstadt zu sehen

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Hajo Dietz / Nürnberg Luftbild / Nürnberg-Fürther Stadtkanalverein e.V.

Während in Scharm al-Scheich die Regierungschefs beim Klimagipfel zusammensaßen, um die Welt im Großen zu retten, erhielt die gemeinnützige Gesellschaft »Umweltschutz und Lebenshilfe« für ihren Einsatz im Kleinen, direkt vor der Haustür, den Publikumspreis beim Social Design Award von SPIEGEL WISSEN. Der Wettbewerb, der in Kooperation mit dem Handelsunternehmen Bauhaus zum neunten Mal vergeben wurde, stand in diesem Jahr unter dem Motto »Wir für unser Klima«.

Seit April 2021 ackern rund um Osnabrück inzwischen schon fast tausend Menschen für den Klimaschutz: pflanzen Bienenwiesen an Straßenränder, setzen Obstbäume auf Koppeln und Weiden, bauen Trockensteinmauern, in denen Vögel nisten und Wespen ihre Nester errichten. Sechs Feuchtbiotope haben die Naturschützer angelegt und drei Miyawaki-Wälder aufgeforstet. »Es ist ein Traum, wie schnell die in den Himmel schießen«, erklärte Kai Behncke aus Melle, der den Publikumspreis für seine Gummistiefelaktionen entgegennahm, bei denen bereits 72.000 Quadratmeter Brache in Biotope verwandelt wurden – das sind rund zehn Fußballfelder.

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Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im ägyptischen Scharm al-Scheich zur 27. Uno-Klimakonferenz, der COP27. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Während die Osnabrücker bereits ihr Klima-Mitmachprojekt leben, träumen die Initiatoren des Nürnberg-Fürther Stadtkanalvereins noch davon, möglichst bald in die Gummistiefel zu steigen und Hacke und Spaten zu schwingen – allerdings ganz anders als im Norden. Friedrich von Borries, deutscher Architekt und Designtheoretiker, sagte bei der Verleihung des Jurypreises an die Vereinsvorsitzenden Theobald Fuchs und Katharina Winter: »Die Welt kann nur verändert werden, wenn man auch Ideen unterstützt, die auf den ersten Blick völlig schräg und verrückt erscheinen.«

Denn fast 500 Kilometer von Osnabrück entfernt wollen die Nürnberger einen Kanal ausheben und damit Pläne von Politikern aushebeln, die die Autobahn A73 ausbauen wollen, auf der täglich über 40.000 Autos von Nürnberg nach Fürth rollen. Das Argument der Vereinsmitglieder, ganz simpel: »Eine innerstädtische Autobahn ist nicht mehr zeitgemäß für das 21. Jahrhundert.«

Stattdessen, so ihre Idee, soll ein zehn Kilometer langer und 1,50 Meter tiefer Kanal die beiden Städte verbinden: mit Brücken, Freibädern und Gärten an den Ufern. Dort können sich die Anwohner erholen, wenn sie nach Feierabend mit der elektrischen Fähre nach Hause kommen – stau- und stressfrei. Wie verwirklicht man Träume? Der SPIEGEL sprach mit den Preisträgern.

Zu den Personen

Kai Behncke gründete vor sechs Jahren das gemeinnützige Unternehmen, das hinter »500 AKA – 500 Menschen aktiv für Klima- und Artenschutz in Stadt und Landkreis Osnabrück« steht. So wurden inzwischen unter anderem von Freiwilligen 20.000 Bäume gepflanzt und 240 Meter Trockensteinmauer angelegt. Behncke betreibt auch einen Gnadenhof.

Theobald Fuchs und Katharina Winter engagieren sich seit rund zwei Jahren dafür, die Nürnberg zerschneidende Autobahn zurückzubauen und den darunterliegenden Kanal freizulegen. Mit dem Nürnberg-Fürther Stadtkanalverein entwickeln sie Ideen, wie dieses Klimaprojekt umzusetzen ist, und versuchen, die Politik dafür zu gewinnen.

SPIEGEL: Herr Behncke, Veganer, Jäger, Bauern, Umweltschützer – Sie arbeiten im Landkreis Osnabrück mit ganz unterschiedlichen Gruppen zusammen, die man sonst nur schwer an einen Tisch bekommt. Wie haben Sie das geschafft?

Behncke: Ganz einfach. Wir konzentrieren uns auf das Ziel, das sowohl Veganer als auch Fleischesser vereint: Wir wollen eine bessere Natur, eine bessere Umwelt schaffen. Aber natürlich gibt es auch mal Streit. Kürzlich erst, weil es beim gemeinsamen Picknick nach einer Aktion keine Bratwurst gab.

Preisverleihung beim SPIEGEL: Moderator Philipp Löwe, Katharina Winter und Theobald Fuchs und Moderatorin Carolin Katschak

Preisverleihung beim SPIEGEL: Moderator Philipp Löwe, Katharina Winter und Theobald Fuchs und Moderatorin Carolin Katschak

Foto: Katrin Würtemberger / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Was ist so schlimm an einer Bratwurst?

Behncke: Eine 150-Gramm-Bratwurst verursacht einen CO₂-Äquivalenzwert von circa 450 Gramm, ein Teller Eintopf hingegen nur von 30 Gramm. Wenn ich das erkläre, werde ich aber oft fürchterlich beschimpft. Zugegeben, das nimmt mich mit. Aber dann sage ich mir immer: Das ist der Preis: ohne Streit keine Veränderung.

SPIEGEL: Herr Fuchs, mit Schimpfwörtern kennen Sie sich in Nürnberg auch aus – oder?

Fuchs: Und ob. »Idioten«. »Total hirnverbrannt«. »Reif für die Klapse«. Das hören wir immer wieder. Nicht jeder hat Verständnis für Visionen. Stattdessen wird uns oft jede Form von Intelligenz abgesprochen – vor allem von Politikern. Aber ich kann das gut ausblenden, sehe nur das Ziel.

SPIEGEL: Den Kanal statt einer Autobahn – darauf muss man erst mal kommen. Wie also kamen Sie darauf?

Fuchs: Das ist gar nicht so abwegig, wie es scheint. Wo heute die A73 verläuft, gab es nämlich tatsächlich mal einen Kanal – zwölf Meter breit und 1,50 Meter tief. Der wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit Beton zugeschüttet – und fertig war die Autobahn.

Fünf mal 2,45 Meter misst das Bienenhotel: Unten auf der Sitzbank können Menschen Platz nehmen, in die Eichenbretter wurden Nistlöcher gebohrt

Fünf mal 2,45 Meter misst das Bienenhotel: Unten auf der Sitzbank können Menschen Platz nehmen, in die Eichenbretter wurden Nistlöcher gebohrt

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Mareike de Boer

SPIEGEL: Heute rollen täglich 40.000 Autos darüber. Wo sollen die denn künftig bleiben, wenn am Rand der Altstadt eine Wasserstraße verläuft?

Fuchs: Vielleicht in der Garage? Wir sagen immer: Wer Straßen sät, wird Stau ernten. Nach dem Ausbau sollen nämlich täglich noch 20.000 Autos mehr durch die Stadt fahren. Das bedeutet: noch mehr Stau. Noch mehr Lärm. Noch mehr Dreck. Allerdings ist während der Umbauarbeiten die ganze Strecke gesperrt. Da liegt doch die Überlegung nahe: Wenn der Verkehr sowieso schon umgeleitet wird, kann er doch vielleicht für immer aus der Stadt bleiben. Natürlich muss man dann den Nahverkehr besser ausbauen.

SPIEGEL: Also sind Sie auf den Kanal mit Elektrofähre gekommen, den Sie selbst ausbuddeln wollen.

Fuchs: Warum nicht? Viele Anwohner finden die Idee toll, würden gern mit anpacken, etwas schaffen. Es gibt auch Vorbilder, zum Beispiel die Stadt Utrecht in den Niederlanden. Da gibt es jetzt auch eine Wasserstraße, wo mal eine vierspurige Autobahn war. Oder Seoul, wo auch der Fluss unter einer Autobahn auf rund sechs Kilometern freigelegt wurde. Aber leider haben viele Menschen bei uns nicht die Vorstellung, den Mut für Veränderungen. Wir hören immer wieder den Satz: »Aber es geht ja sowieso nicht.«

SPIEGEL: Herr Behncke, haben sie den Satz auch in Osnabrück gehört, als sie mit ihrem 20.000-Bäume-und Biotop-Projekt gestartet sind?

Behncke: So oft, dass ich manchmal sogar richtig wütend geworden bin, weil die Menschen schon vor dem Start aufgegeben haben. Dabei wollen sie etwas bewirken, wissen aber meist nicht, wie es geht. Aber wenn man sich zusammentut, kommen plötzlich Ideen. Bei uns fing es mit einer Blühwiese an. Plötzlich sprachen uns die Menschen an: »Wir wollen helfen, können wir was tun?«

SPIEGEL: Heute packen fast tausend Freiwillige mit an, und zahlreiche Firmen sponsern Ihre Aktionen – gibt es nicht mal Flauten?

Behncke: Natürlich. Neulich wollten wir eine Trockensteinmauer bauen. Doch dann stand ich ganz allein da, weil die Freiwilligen nicht kamen, die sich angemeldet hatten. Das passiert. Ich höre dann immer ganz laut Rio Reiser, um mich abzureagieren.

Fuchs: Guter Tipp. Aber wie motiviert Ihr die Menschen?

Behncke: Es gibt natürlich Zeitungsberichte. Ich schreibe aber immer wieder in den sozialen Medien über unsere Projekte: YouTube, Facebook, TikTok, Instagram – überall. Ich lade die Menschen ein. Ein ganz großer Motivator ist die Gemeinschaft und das Gefühl, mit eigener Kraft etwas zu bewirken. Es ist toll, wenn man sagen kann: Diese Bienenwiese habe ich gepflanzt.

SPIEGEL: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Fuchs: Wir erstellen im Verein gerade ein Leistungsverzeichnis, in dem wir alle Zahlen, Fakten und Kosten auflisten – und natürlich auch unsere Pläne vorstellen. Die Hefte finanzieren wir mit den 2500 Euro Preisgeld. Sie sollen an alle Politiker in Nürnberg und Fürth gehen, die dann hoffentlich ordentlich ins Grübeln kommen werden. In zehn Jahren wollen wir dann in einem Biergarten am Kanal sitzen und den Sonnenuntergang mit einer frischen Brise genießen.

Behncke: Ich werde euch natürlich unterstützen und am Wasser Miyawaki-Wälder pflanzen.

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