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ALTERN Glückliche Oldtimer

Die Alten sind weit gesünder als gemeinhin gedacht, erklären US-Forscher in einem neuen Buch. Gesund bleibt, wer aktiv lebt.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Das höchste Ziel eines erfüllten Lebens formulierten die alten Griechen so: Jung sterben, so spät wie nur möglich.

Die Hoffnung auf ein Jungbleiben im Alter haben, in der Neuzeit, zahllose Ratgeber geschürt: Pillen, Säfte, Vitamine und vielerlei Kuren werden denjenigen angepriesen, die munter die Hundert erreichen möchten.

Ein Gesundheitsbuch übers Altern, das ohne Wundermittel auskommt, haben nun Wissenschaftler der amerikanischen MacArthur Foundation herausgegeben*. Wie man in die Jahre kommen kann, ohne zu vergreisen, erkundeten der Mediziner John Rowe, 53, und der Sozialpsychologe Robert Kahn, 80, im Rahmen eines zehnjährigen Forschungsprojekts der Stiftung. Mit einem Team von 16 Wissenschaftlern befragten und untersuchten Kahn und Rowe Tausende von Männern und Frauen jenseits der 70, die in ihrer häuslichen Umgebung lebten.

Die Bilanz fällt verblüffend ermutigend aus, sagt Kahn: »Die Begegnungen lehrten uns, daß die meisten Alten viel unabhängiger, produktiver und auch gesünder sind als weithin angenommen.« Im Blickpunkt der Gerontologen hätten bislang viel zu sehr jene Menschen gestanden, die auf Pflege in Hospitälern und Heimen angewiesen seien - insgesamt nur 5,2 Prozent aller Alten.

Schwächlich, behindert, macht- und geschlechtslos, passiv und einsam - das Bild der rasch wachsenden Masse von Alten in der modernen Gesellschaft sei geprägt von Vorurteilen, kritisieren Kahn und Rowe. Um die eigenen Chancen für ein erfülltes Alter wahrzunehmen, empfehlen sie ihren Lesern, sich erst einmal von »weitverbreiteten Mythen« zu befreien.

Zu diesen zähle die Vorstellung, daß Altsein mit Krankheit einhergehe. Zwar habe jenseits der 75 jeder zweite Arthritis, jeder dritte hohen Blutdruck, Herzbeschwerden oder Hörschäden, und elf Prozent dieser Altersgruppe litten an Diabetes. Doch selten machten sich diese Störungen im Alltag gravierend bemerkbar. Gene-

* John W. Rowe, Robert L. Kahn: »Successful Aging«. Pantheon Books, New York; 268 Seiten; 24,95 Dollar.

rell seien chronische Alterskrankheiten sogar zurückgegangen. Die MacArthur-Studie habe bewiesen, daß Menschen weit öfter vital altern, als krank und hinfällig zu werden.

Nahezu 90 Prozent der 65- bis 74jährigen berichteten von keinerlei Gesundheitsschäden, von den über 85jährigen fanden sich noch rund 40 Prozent »voll funktionstüchtig«.

Nur ein Mythos ist offenbar auch der geistige Verfall: Jeder vergessene Name oder verlegte Schlüssel beschwöre zwar »das Schreckgespenst der Alzheimerschen Krankheit« herauf. Doch Opfer dieser Krankheit würden »nicht mehr als zehn Prozent aller Menschen zwischen 65 und 100 Jahren«. Obwohl das Kurzzeitgedächtnis sich mit den Jahren verschlechtert, kann nach den Ergebnissen der Studie das Erinnerungsvermögen mit Gedächtnistraining, ob gezielt oder spielerisch, aufgebessert werden. Die mentale Datenverarbeitung gehe zwar langsamer vor sich, mit etwas mehr Zeit ausgestattet könnten aber auch Ältere beachtliche Leistungen erbringen.

Ihre »wichtigste Botschaft« sehen Rowe und Kahn darin, »daß wir einen dramatischen Einfluß auf die Art und Weise unseres Alterns haben: Weit mehr als angenommen liegt der Erfolg in unseren Händen«. Voraussetzung hierfür war die Erkenntnis, daß die Macht der Gene weit überschätzt werde: Auch 25 000 gleichgeschlechtliche Zwillingspaare aus dem über 70 Jahre lang geführten schwedischen Zwillingsregister bezogen die Forscher in die Studie ein. Dabei entmachteten sie das Diktat der Erbanlagen. Nur ein Drittel aller Altersstörungen werden ererbt.

Am Beispiel der für Herzkranzgefäß-Verengungen verantwortlich gemachten Blutfette zeigte sich besonders deutlich, daß der Lebensstil ausschlaggebend ist: Im Alter von 70 Jahren war bei den untersuchten Männern und Frauen mit hohen Blutfettwerten der Einfluß der Gene vollständig geschwunden. Abhängig war der Triglyzerid-Spiegel vielmehr völlig vom »Lebensstil« - von Ernährung und Bewegung; das gleiche galt auch für die Lungenfunktion, die ein Indikator für die Herzleistung ist und deshalb als aussagekräftiger »Biomarker« für das Altern des Organismus gilt.

»Auch genetisch programmierte Risiken können mit der guten altmodischen Willenskraft modifiziert werden«, folgern die MacArthur-Wissenschaftler. Die Studie habe erwiesen, »daß wir, zu einem großen Teil, für unser eigenes Alter verantwortlich sind«.

Weil »die Natur erstaunlich nachsichtig ist« - sogar gegenüber langjährigen Vielrauchern, deren Infarktrisiko unmittelbar nach dem Verzicht drastisch zurückgeht (das Lungenkrebsrisiko allerdings erst nach einem Jahrzehnt) -, sei es »nie zu spät«, die Lebensgewohnheiten zu verändern: Selbst die hartnäckigste »Couch-Potato« könne noch im Alter meßbar von körperlicher Aktivität profitieren, die zugleich auch der Seele guttue. Für den Verzicht aufs Rauchen und die Mühen regelmäßiger Bewegung gebe es einen guten Lohn - »mit 90 auf dem Fahrrad statt im Rollstuhl zu sitzen«.

Sport, aktive Teilhabe am Leben, Freundschaften und Geselligkeit sind, neben gesunder, maßvoller Ernährung, der beste Jungbrunnen. Als Beleg dafür zitieren die Autoren den 91jährigen Edward, der zeitlebens nie Sport trieb, bis er mit 86 in eine Trainingsgruppe eintrat: »Nachdem ich damit angefangen hatte, fühlte ich mich stärker und viel aktiver. Das Gewichteheben verbesserte mein Laufen, ich schlafe besser und habe mehr Freude am Essen. Das Training hat mein Leben verändert.«

* John W. Rowe, Robert L. Kahn: »Successful Aging«. PantheonBooks, New York; 268 Seiten; 24,95 Dollar.

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