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COMPUTER Gockel am Gerät

In Computerkursen für Frauen lernen die Teilnehmerinnen, wie sie in die traditionelle Männerdomäne einbrechen können. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Die Hausfrau Birgit Ross, 39, webt nicht mehr. Dabei war Handarbeit mut Schiffchen und bunten Wollfäden Jahrelang ihre »schönste Entspannung« von Haushalt, Söhnen und Mann. Doch vor zwei Monaten hat die Mutter einen kennengelernt, der ihre ganze Freizeit und Konzentration beansprucht - den Personal-Computer Siemens PC-D.

Gemeinsam mit 13 anderen Frauen übt Birgit Ross bei der Hamburger Schulungsfirma Mikro-Partner täglich vier Stunden den Umgang mit Programmschleifen, Cursor und Disketten, um »die Angst vor dem Mysterium Computer zu besiegen«. Sie nimmt an einem hierzulande bisher einmaligen Projekt teil, das vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft mit 3,2 Millionen Mark unterstützt wird: Computerkurse nur für Frauen.

Je 14 Teilnehmerinnen pro Klasse lernen mit softer und harter Computer-Ware, also mit Programmen und Geräten, umgehen. In Phantasiefirmen simulieren sie, mit Hilfe der Programmiersprache »Pascal«, betriebsinterne Abläufe und entwickeln Vorschläge für weitere Arbeitserleichterungen. Auf Prüfungen wird verzichtet: »Stressigen Leistungsdruck«, so Dozentin Marianne Horstkemper, »soll es nicht geben.« Demonstriert wird auch, daß »es nicht unbedingt Männer braucht« (Horstkemper), um Datenverarbeitung zu lehren.

Die Teilnehmerinnen werden fast ausschließlich von weiblichen Dozenten unterrichtet, die nicht aus der EDV-Branche kommen oder Informatik studiert haben müssen. Wichtig seien »pädagogische Fähigkeiten«, meint Kursleiterin Marion Altenhofen, die früher Deutsch- und Politiklehrerin war.

Daß Frauen sich zur EDV-Klausur zurückziehen, hat gute Gründe. Defizite im Umgang mit Elektronik schleppen sie meist seit Jahren mit sich: Schon in der Schule beteiligen sich weniger Mädchen als Jungen an einschlägigen Kursen, weil sie, wie die Soziologen Richard Fauser und Norbert Schreiber beobachteten, »anders an Computer rangehen als Jungen«. In 2000 Interviews mit Schülerinnen und Schülern der achten Klasse aller Schultypen fanden die Mitarbeiter der Universität Konstanz heraus, daß Jungen meist »kritiklos fasziniert« an den Geräten herumspielen, was »den Zugang erleichtert«. Mädchen dagegen zeigten »pragmatisches Interesse am Computer, sofern die Technik ihnen die Arbeit erleichtert«.

Noch immer, bestätigt Helga Roesgen, Frauenreferentin im Bonner Bildungsministerium, »fehlt vielen Frauen einfach der Mut zur Technik«, wenn Männer »ihre vermeintliche Überlegenheit ausspielen und sich am Gerät wie die Gockel aufführen«. So sind Frauen an Universitäten in naturwissenschaftlichen Fächern unterrepräsentiert, und in technischen Betrieben sitzen sie zwar massenhaft an den Montagebändern, aber kaum je in anspruchsvolleren Jobs.

Viel zu lange, sagt Marianne Horstkemper, hätten Frauen bloß »lamentiert,

daß die Elektronik ihre gemütlichen Schreibstuben zerstört«. Die Anzahl der Mitarbeiter in Datenverarbeitungsberufen stieg von 3500 (1949) auf 203201 (1986); im selben Zeitraum kümmerte der Frauenanteil von 74,3 runter auf 38,5 Prozent.

Seit Jahren sind mehr Frauen arbeitslos als Manner, im März waren es 10,1 Prozent (Männer; 9,2 Prozent). Elisabeth Vogelheim, Leiterin der Frauenabteilung der IG Metall: »Wenn die Frauen sich nicht in die Computerzukunft einmischen, werden sie die Analphabeten von morgen sein.«

Dabei bringen Frauen nach Ansicht von Helga Herrmann, bildungspolitische Chefin am Institut der deutschen Wirtschaft, »ideale Voraussetzungen« für die EDV mit: »Geduld, Durchhaltevermögen, Liebe zum Detail und Bereitschaft zu Teamwork.«

Die meisten traditionellen Frauenarbeitsplätze sind denn auch in den letzten Jahren vernetzt worden. Buchhalterinnen verarbeiten Einnahmen und Ausgaben elektronisch, Sekretärinnen tippen Serienbriefe am Bildschirm, Sachbearbeiterinnen kommunizieren per Computer mit den Abteilungen kreuz und quer durch den Betrieb.

Auch als Friseurin, laut Statistik noch immer Traumberuf für die meisten westdeutschen Madchen, darf frau nicht mehr sicher sein, daß sie sich allein mit Kamm und Schere durchs Berufsleben schnippeln kann. Der Traumkopf der Zukunft wird am Bildschirm haarklein programmiert.

Selbst die sogenannte Nur-Hausfrau bringt aus der hochmodernen Gemüseabteilung des Supermarkts kein Pfund Tomaten mehr nach Hause, wenn sie sich an der elektronischen Computerwaage nicht selbst zu bedienen weiß.

Bei den jüngst in Hamburg und München angelaufenen Frauen-Kursen - weitere sind in Oldenburg und im Ruhrgebiet geplant - soll erkundet werden, ob spezielle Schulungsprogramme Frauen den Umgang mit Bits und Bytes erleichtern. Es gibt Angebote für vier Zielgruppen: *___zweiwöchige, kostenlose »Schnupperkurse« für ____Schülerinnen und Lehrlinge; *___Wochenendkurse für berufstätige Frauen (Kostenbeitrag: ____550 Mark), die sich über vier Monate erstrecken; *___einen Halbjahreskurs für arbeitslose Akademikerinnen ____(300 Mark), die täglich vier Stunden lang zusätzliche ____Kenntnisse erwerben, um ihre Anstellungschancen zu ____verbessern; *___sechs Monate Computer-intensiv (300 Mark) für ____Wiedereinsteigerinnen - Frauen wie die ehemalige ____Redaktionssekretärin Birgit Ross, die nach längerer ____Berufspause wieder arbeiten wollen.

»Computern«, meint die Soziologin Sigrid Curth, 39, die seit Januar bei Mikro-Partner lernt, »gehört heute zur Allgemeinbildung.« Als ein Verlag die Dissertation der Geisteswissenschaftlerin herausbringen wollte, »baten die Herren«, so Sigrid Curth, »höflich um meine Diskette, und ich dachte, die wollten irgendeine Urkunde sehen«.

Sechs Wochen dauerte es, bis sie ihr handgetipptes Manuskript gekürzt und »druckreif gefummelt« hatte. Curth: »Mit EDV wäre das ruck, zuck gegangen.« Anders als in herkömmlichen EDV-Trainingsprogrammen werden die Teilnehmerinnen nicht einfach zu Bedienungsrobotern gedrillt. Die Lehrerinnen warnen auch vor Risiken wie »Vereinsamung durch Kabel-Kommunikation« und informieren darüber, daß »die elektronische Mitarbeiter-Überwachung« im System liegt (Marianne Horstkemper).

Juliane Kootz, 40, Hausfrau mit Staatsexamen in Deutsch und dem Wunsch, ins Berufsleben einzusteigen: »Früher hatte ich was gegen Computer, weil sie mir unheimlich waren. Heute habe ich begründete Aversionen, aber ich fühle mich den Dingern nicht mehr hilflos ausgeliefert.«

Doch den Dozentinnen genügt es nicht, den rund 150 Frauen, die an den Schulungen teilnehmen, Sachkenntnis und Selbstbewußtsein zu vermitteln. Gewerkschaften und Volkshochschulen fordern die Lehrkräfte, sollten ebenfalls Computerkurse für Frauen anbieten. Und Bonn müsse »Druck machen in Betrieben«, verlangt Marianne Horstkemper, »damit möglichst viele Frauen sich fortbilden können und entsprechende Aufstiegschancen erhalten«.

Wie sehr Frauenförderung in Mode ist, zeigen nach den Quotendiskussionen in Parteien, Verbänden und Behörden auch die Bemühungen einiger milliardenschwerer Konzerne. So präsentiert der weltgrößte Computerriese IBM eine »Beauftragte für Chancengleichheit« und versprach schon 1976, »qualifizierte weibliche Bewerber bei Neueinstellungen besonders zu berücksichtigen«.

Konkurrenz-Multi Digital Equipment (DEC) erinnerte jüngst daran, daß es eine Frau war - die englische Gräfin Ada Lovelace -, die um 1850 den Berufsstand des Programmierers begründete: Die britische Adelige hatte die Software, ein Rechenprogramm, entwickelt.

Der Konzern will Frauen, so DEC-Sprecherin Imai-Alexandra Roehreke, »verstärkt in der Männerdomäne Software-Entwicklung einsetzen«. Der Grund: Frauen denken »nicht so engstirnig« (Roehreke) wie viele Männer, sondern »eher ganzheitlich« - ein Vorteil etwa bei der Entwicklung der Programme für die elektronische Qualitätskontrolle von Industriegütern.

Doch die Erfolgsbilanz der Frauenförderung ist bisher mager: Der IBM-Konzern rühmt sich, den Frauenanteil bei

Führungskräften seit 1976 verdoppelt zu haben - auf 3,2 Prozent. Bei DEC-Deutschland schmücken zwei weibliche Manager die zwölfköpfige Geschaftsleitungsriege.

Vereinzelt ergreifen Frauen inzwischen selbst die Initiative. Entwicklungshilfe will der erste westdeutsche Computer-Club, den fünf Hamburgerinnen vergangenen Herbst gegründet haben, nur für Frauen leisten. Die EDV-Feldarbeiterinnen werden inzwischen mit Aufnahmeanträgen und Anrufen aus dem ganzen Bundesgebiet überhäuft. Der Club, sagt Gründungsmitglied Bettina Fischer, 21, sei »entschlossen, den Männern den Computer, das unbekannte Wesen, zu entreißen«.

Den jungen Damen, darunter gelernte Krankenschwestern und angehende Werkzeugmacherinnen, ist es mit der Kampfansage Ernst. Immerhin verstehen sie sich als Enkelinnen des schwanmaskierten Filmhelden Zorro; eine Wahlverwandtschaft zum »Retter der Unterdrückten« verrät jedenfalls der Name im Hamburger Vereinsregister: »Zorra - Frauen-Computer-Club e.V.«

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