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RAUMFAHRT Göttliches Schiff

China will erstmals einen Mann ins All schießen - die Mission des Taikonauten ist ein großes Wagnis.
aus DER SPIEGEL 42/2003

Als die Sowjets 1957 mit dem »Sputnik« als erste Nation einen Satelliten ins All schossen, vermochte der Große Vorsitzende Mao Zedong seinen Neid nicht zu verbergen: »Wie können wir als Großmacht angesehen werden, wenn wir nicht einmal in der Lage sind, eine Kartoffel in den Kosmos zu befördern?«, fragte er.

Fast ein halbes Jahrhundert später machen sich seine Nachfolger bereit, nicht nur Erdäpfel, sondern sogar Menschen in den Weltraum zu schießen. Von der Südrampe des Weltraumbahnhofs in der Nähe von Jiuquan soll vermutlich am Mittwochmorgen ein Taikonaut (benannt nach dem chinesischen Wort für Kosmos) von einer »Langer Marsch«-CZ-2F-Rakete in eine niedrige Umlaufbahn getragen werden. Noch am selben Tag wird er - hoffentlich - wieder heil in die Steppe der Inneren Mongolei plumpsen.

Damit setzt China - 42 Jahre nach der Sowjetunion und den USA - zum Sprung in die bemannte Raumfahrt an. Wer der Pilot sein wird, hält die Regierung noch geheim. Fest steht nur, dass die Chinesen in einem Trainingszentrum bei Peking seit geraumer Zeit 14 erfahrene Kampfpiloten zu Taikonauten ausbilden. Alle sind Parteimitglieder, um die 65 Kilogramm schwer und 1,70 Meter groß.

Zwei von ihnen haben zudem in Russland im dortigen Kosmonautenzentrum Gagarin trainiert. »Ich kann garantieren«, versicherte der Chef des Raumfahrtprogramms, Su Shuangning, »dass unsere Raumflieger fähig sind, ihre Aufgabe im All erfolgreich zu bewältigen.«

Der Auserwählte wird nach einem erfolgreichen Weltraumflug ohne Zweifel zum Helden der Nation; aber der Weg dorthin ist riskant: Zwar hat Peking in den letzten Jahren mit seinen »Langer Marsch«-Raketen rund 50 Satelliten ins All transportiert. Doch einige Missionen gingen schief. Zudem bewältigten die Chinesen lediglich 4 unbemannte Testflüge.

Die Russen dagegen hatten einst 7 und die Amerikaner gar 17 unbemannte Expeditionen in den Himmel geschossen, bevor sie es wagten, einen Menschen in den Orbit zu schicken. Er fühle deshalb einen »enormen Druck« auf den Schultern, gab einer der Kommandanten des Projekts, Huang Chunping, jüngst zu: »Vier Starts sind vom wissenschaftlichen Standpunkt her nicht genug.«

Doch die KP will offenkundig nicht länger warten. Die Führung drängt es, den Anspruch Chinas zu demonstrieren, zu den Großmächten der Welt zu gehören. Sie will zudem beweisen, dass sie trotz des US-Embargos für Satellitentechnologie mit der Supermacht wissenschaftlich und technisch gleichziehen kann.

Die Konkurrenz zu den USA ist ohnehin ein wichtiger Motor der chinesischen Raumfahrt. Schon in wenigen Jahren sollen chinesische Satelliten zum Mond und zum Mars reisen. Sogar eigene Raumfähren, Raumlabors und Raumstationen sind geplant.

Dabei strebt Peking nicht allein nach wissenschaftlich-technischen Erkenntnissen zur »Wiederbelebung der Nation«, wie es offiziell heißt. Chinas Militärs glauben, ihr Land habe nur mit eigenen Orbitalstationen eine Chance, das weltraumgestützte Raketenabwehrprogramm der Amerikaner auszuhebeln. Pekings Pläne stehen deshalb auch unter dem Kommando der Armee.

Auf die Mitgliedschaft im exklusiven Club der Raumfahrer haben die Chinesen spätestens seit 1992 hingearbeitet, als die Partei das so genannte Projekt 921 anordnete, an dem mittlerweile über 3000 zivile und militärische Organisationen mitwirken. Mehr als zwei Milliarden Dollar, schätzen Experten, lässt sich die Regierung den Aufbruch ins All kosten.

Die Raumkapsel »Shenzhou 5« ("Göttliches Schiff") ist der russischen »Sojus« nachempfunden, die vor 36 Jahren zum ersten Mal eingesetzt wurde. Mitte der neunziger Jahre kaufte Peking ein Modell inklusive Ankoppelungs-Anlage vom russischen Raumfahrtkonzern RKK Energija. Mittlerweile, versichern die chinesischen Wissenschaftler, hätten sie das Oldtimer-Vehikel weiterentwickelt: Es sei mit rund acht Tonnen schwerer, größer, solider als sein Vorgänger.

Auch die Abschussbasis in der Armenprovinz Gansu entspricht offenbar dem letzten technischen Stand - auch wenn die Rampe häufig Wüstenstürmen ausgesetzt ist und Soldaten das Areal ständig vom Sand befreien müssen. Die Trägerraketen werden in einem riesigen Gebäude montiert, das vom höchsten und schwersten Betondach der Welt bedeckt ist.

Dass es der chinesischen Industrie bislang nicht gelungen ist, ein auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiges Auto oder große Passagierflugzeuge zu entwickeln, ficht die Funktionäre bei ihren ehrgeizigen Kosmosplänen ebenso wenig an wie die Tatsache, dass Millionen Chinesen nach wie vor in Armut leben und Tausende Schulen und Krankenhäuser in einem erbärmlichen Zustand sind. »Raumtechnologie gehört nicht allein den reichen Nationen«, sagt Wissenschaftler Zhang Houying vom Shenzhou-Programm.

Mit einem, wenn auch sehr verspäteten, Mann im All hofft die KP den Nationalstolz der Chinesen zu schüren, der wiederum als Kitt zwischen der nicht sonderlich beliebten Partei und ihren Untertanen dienen soll. Kritik am Vorhaben gilt als Nestbeschmutzung, nur wenige Chinesen äußerten in den letzten Tagen in den Internet-Diskussionsforen Vorbehalte.

»,Shenzhou 5' demonstriert Chinas wirtschaftliche, politische und kulturelle Hoffnungen«, sagt der Raketendesigner Liang Sili, ein Pionier der chinesischen Raumfahrt, und gibt damit die Stimmung im Lande wieder. »Der Start wird alle Chinesen in der Welt vereinen. Er wird uns stolz machen, Chinesen zu sein.« ANDREAS LORENZ

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