Studie aus Großbritannien Starke Meinung führt zu Selbstüberschätzung beim Wissen

Impfstoffe, Klimakrise, Gentechnik: Menschen mit starker Meinung schätzen Forschenden zufolge den eigenen Wissensstand hoch ein – nicht immer zu Recht.
Das Wissen über Wissenschaft selbst muss laut Forschenden ausgebaut werden

Das Wissen über Wissenschaft selbst muss laut Forschenden ausgebaut werden

Foto: We Are / Getty Images

Manche wissenschaftliche Themen rufen teils gegensätzliche und dabei sehr starke Meinungen hervor – zuletzt ließ sich das in den Debatten über die Coronaimpfung verfolgen, auch beim Klimawandel sind Diskussionen schnell hitzig. Abgelehnt würden Erkenntnisse aus solchen Forschungsgebieten tendenziell vor allem von Menschen mit eher wenig Fachwissen, bestätigt eine in der Zeitschrift »PLOS Biology«  vorgestellte Studie vorherige Analysen. Allerdings schätzen demnach eher Menschen mit einer starken Haltung pro oder kontra Wissenschaft ihr eigenes Wissen als sehr hoch ein.

Konkret befragten die Forschenden 2000 britische Erwachsene anhand verschiedener Forschungsthemen im Bereich Genetik über ihre Einstellung zur Wissenschaft und dazu, wie sie ihr eigenes Verständnis beurteilten. Dabei beobachteten sie, dass Befragte mit den ausgeprägtesten Einstellungen – sowohl Befürworter als auch Gegner der Wissenschaft – stärker von ihrem eigenen Wissen überzeugt waren.

Zu den gestellten Richtig/Falsch-Fragen gehörte etwa: »Durch den Verzehr einer gentechnisch veränderten Frucht könnten auch die Gene einer Person verändert werden«, »Alle Radioaktivität ist von Menschen gemacht« und »Tomaten enthalten von Natur aus keine Gene, Gene sind nur in gentechnisch veränderten Tomaten zu finden«.

Glaube an Fakten notwendig für starke Meinung

»Wir haben festgestellt, dass starke Einstellungen, sowohl für als auch gegen die Wissenschaft, durch ein starkes Selbstvertrauen in das Wissen über die Wissenschaft untermauert werden«, sagt Mitautor Laurence Hurst. Das mache psychologisch Sinn, so das Team: Um eine starke Meinung zu haben, müsse man fest an sein Wissen über die grundlegenden Fakten glauben.

Tatsächlich vorhanden ist dieses Basiswissen allerdings nicht zwingend: Wie die Analyse bestätigt, verfügen gerade jene, die sich am negativsten zu einem Forschungsbereich äußern, tendenziell über wenig Wissen zum Thema. Den britischen Forschern zufolge ist es zumindest bei den gentechnisch veränderten Organismen nur eine sehr kleine Gruppe von etwa fünf Prozent, die extrem ablehnend eingestellt ist. Grundsätzlich verallgemeinern ließen sich die Ergebnisse nicht, betont das Forscherteam auch. Bei der Evolution zum Beispiel spielten religiöse Einstellungen eine große Rolle, bei der Klimakrise politische Positionen. Wie stark das subjektive Verständnis Anteil habe, sei bei solchen Themen noch zu klären.

Die von den britischen Forschern gefundenen Zusammenhänge ließen sich zumindest zum Teil auch auf Deutschland übertragen, so Eva Thomm von der Universität Erfurt. So habe eine 2019 in »Nature Human Behaviour« veröffentlichte Studie, die sich ebenfalls mit Einstellungen, subjektivem und tatsächlichem Wissen über gentechnisch veränderte Organismen beschäftigte, auch eine deutsche Stichprobe enthalten und sei zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.

In einer Analyse, an der Thomm beteiligt war, kamen die Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass sich Kampagnen im Rahmen von Wissenschaftskommunikation eher darauf konzentrieren sollten, die stille, unsichere Mehrheit zu erreichen, anstatt die laute Minderheit zu überzeugen.

Wie Thomm betont, gelte es auch, das Wissenschaftsverständnis von Menschen zu berücksichtigen: »Welche Vorstellungen haben sie darüber, wie wissenschaftliches Wissen generiert wird, wie Wissenschaftler miteinander diskutieren oder wie wissenschaftliche Standards aussehen?« Zu einer angemessenen Vorstellung von Wissenschaft gehöre das Wissen über die Unsicherheit wissenschaftlicher Erkenntnisse und über wissenschaftliche Kontroversen.

Das Fehlen solchen Wissens könnte womöglich ein Treiber für die Entwicklung einer ablehnenden Haltung sein. »In der Wissenschaftskommunikation muss es gelingen, derartige Unsicherheiten als Teil wissenschaftlicher Prozesse zu vermitteln, ohne Vertrauenswürdigkeit oder Akzeptanz zu unterlaufen«, sagt Thomm. »Widersprüche und Veränderungen lösen vielleicht zunächst Unbehagen aus. Sie sind aber auch Ausdruck davon, dass Wissenschaft funktioniert.«

ani/dpa
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