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ÄRZTE Großes Wehgeschrei

Die medizinische Ausbildung wird wieder einmal reformiert. Das Ziel ist jetzt: endlich weniger Ärzte.
aus DER SPIEGEL 12/1998

Von allen Künsten, so hat der griechische Ärztevater Hippokrates vor zweieinhalb Jahrtausenden behauptet, sei die ärztliche »die hervorragendste« - im Idealfall heilt sie den Kranken, verhilft dem Doktor zu Geld und zu einem Spitzenplatz auf der Rangliste der sozialen Reputation.

Kein Wunder, daß der Run auf Studienplätze für Medizin und Zahnmedizin unvermindert anhält. Seit der sperrige »Medizinertest« - er prüfte unter anderem das räumliche Sehvermögen - im letzten Jahr abgeschafft wurde, melden sich bei der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen in Dortmund mehr denn je Möchtegernmediziner, für das kommende Semester gut 12 000.

Das paßt weder dem Gesundheitsminister Horst Seehofer noch den Ärzteverbänden. Deutschland, sagen sie unisono, habe genug Mediziner, mehr als je zuvor (siehe Grafik). Weil die Heilkünstler die Nachfrage selber manipulierten, fürchten sich auch die Krankenkassen vor einer Ärzteschwemme: Jeder Arzt mit eigener Praxis kostet, so die Erfahrung der Kassen, pro Jahr rund eine Million Mark - vom Honorar bis zum verordneten Bruchband, alles zu Lasten der Solidargemeinschaft.

Die immerwährende Kostensteigerung im Gesundheitswesen hofft Seehofer nun durch die Reduktion der medizinischen Studienplätze zu dämpfen. Statt alljährlich gut 10 000 neue Doktoren soll es möglichst bald nur noch 8000 pro Jahr geben. 6000, sagen Experten, wären ausreichend.

Das Instrumentarium zur Deckelung der Ausbildungsplätze liefert die neue »Approbationsordnung für Ärzte«, die Ausbildung und »Bestallung« regelt. Das Bundeskabinett hat sie kurz vor Weihnachten verabschiedet. In dieser Woche beraten darüber die zuständigen Ausschüsse des Bundesrates. Ende März soll das Gesetz dann auf der Tagesordnung des Bundesrats stehen.

Der muß zustimmen, denn Bildung ist Ländersache - doch damit gerät die laut Seehofer »maßvolle Verringerung der Studentenzahlen durch Kapazitätsverordnungen der Länder« gleich wieder ins Ungewisse.

Kraft Amtes kann Seehofer den Ländern nichts vorschreiben. Auch diese dürfen die Zahl der Medizinstudenten nicht willkürlich verringern. Denn alle Deutschen haben - Artikel 12 des Grundgesetzes - ein Recht auf die freie Wahl des Berufes, eigentlich auch der Ausbildungsstätte. Das Bundesverfassungsgericht hat dieses Grundrecht stets engagiert verteidigt.

Um die Zahl der Medizinstudenten trotzdem zu verringern, schreibt die neue Approbationsordnung vor, daß künftig statt drei nur noch zwei Studierende gleichzeitig »am Patienten ausgebildet« werden dürfen. Folge: Die mögliche Kapazität einer medizinischen Fakultät wird kleiner, das jeweilige Bundesland muß es nur amtlich verordnen.

Dazu haben die zuständigen Länderminister aber wenig Lust. Alle sind sie mächtig stolz auf ihre Universitäten. Das chromblitzende Klinikum in Aachen (gut zwei Milliarden Mark Baukosten) hat der damalige NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau auf die grüne Wiese gesetzt. Weder will die SPD ihre neuen Universitäten in Bochum oder Essen gesundschrumpfen, noch will die bayerische CSU ihre Hochschulen in Regensburg oder Nürnberg abspecken.

Überall, nicht nur in Nordrhein-Westfalen und Bayern, setzen die medizinischen Fakultäten Tausende von Akademikern ins Brot, eine mächtige Lobby. Unter den sogenannten Vorklinikern, die den angehenden Ärzten das Leichenzergliedern, die Biochemie, Psychologie, Soziologie oder Physik beibringen, sind Vertreter aller möglichen Wissenschaften, die beim besten Willen keine Kranken verarzten können - entsprechend groß ist deren Sorge, den komfortablen Uni-Job zu verlieren.

Als nach der Wiedervereinigung die beiden Berliner Universitäten aufgefordert wurden, über die Zusammenlegung ihrer jeweiligen »vorklinischen« Institute zu beraten, war das Wehgeschrei so groß, als würden einem Gesunden bei vollem Bewußtsein die Beine amputiert. Alles blieb beim alten.

Die ostdeutsche Universität Greifswald, fernab von den Fleischtöpfen und schon vom Abbau bedroht, suchte ihr Heil in einer erfolgreichen Doppelstrategie: Erst wurde die bekannte Heilkünstlerin Hannelore Kohl aus Oggersheim zum Dr. med. honoris causa ernannt; dann suggerierte man dem zahlenden Publikum, in Greifswald werde nunmehr eine patientennahe, preiswerte Therapie gelehrt, eine Art Barfußmedizin auf pommersch (SPIEGEL 9/1998). Auch in Greifswald blieb alles beim alten.

Die überzähligen Studenten auf dem Weg zum Jungarzt rigoros »herauszuprüfen«, das wird auch nicht funktionieren. Zwar vermehrt die neue Approbationsordnung nochmals die Härten, doch haben die Medizinstudenten bisher jede Eskalation der Examen mit erhöhtem Fleiß konterkariert. Selbst ein tüchtiger deutscher Arzt mittleren Alters könnte die jetzt geltenden Multiplechoice-Prüfungen schon nicht mehr bestehen. Sie sollen demnächst drei Tage lang dauern, pro Tag fünf Stunden am Stück.

Am Ende des Studiums offeriert die neue Approbationsordnung nunmehr 77 Prüfungsfächer für das ärztliche Staatsexamen, darunter solche Exoten wie Pädaudiologie, die Lehre von den Hörstörungen bei Kleinkindern. Vor der Zumutung, auch noch in Homöopathie geprüft zu werden, will die altehrwürdige Marburger Universität ihre Medizinstudenten, wie auch immer, beschützen.

Eine Tür zum ärztlichen Olymp hält auch die neue Bestallungsordnung weiter fest verschlossen. Besonders begabte Krankenschwestern und -pfleger dürfen zwar, wie das der CDU-Zukunftsminister Jürgen Rüttgers fordert, an einigen Universitäten mittlerweile auch ohne Abitur Medizin studieren.

Es ist aber eine brotlose Kunst, denn die Teilnahme am ärztlichen Staatsexamen bleibt den Seiteneinsteigern weiterhin verwehrt - zugelassen wird nur, wer dem Prüfungsamt ein Abiturzeugnis vorzeigen kann.

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Ärzteschwemme: Mediziner auf 10 000 Einwohner in Deutschland

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