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UMWELT »Großräumige Verteilung«

Chemiker haben Arzneimittelrückstände im Grund-, Brunnen- und sogar im Trinkwasser festgestellt. Erklärt sich damit die nachlassende Wirkung von Antibiotika?
Von Matthias Brendel
aus DER SPIEGEL 7/1999

Die jungen Frauen und Männer sammelten Wasserproben, wie Naturkundler mit ihren Fangnetzen Schmetterlinge haschen.

Sie tauchten hochreine Flaschen in das Wasser des bayerischen Lech, ruderten über den Berliner Teltowkanal, kauerten mit Schöpfgeräten am Ufer kleiner hessischer Gewässer wie des Urselbachs, der Silz oder des Schwarzbachs bei Trebur, an der Hamburger Alster oder der Elbe bei Seemannshöft. Andere bohrten tiefe Löcher in Berliner Erde und fingen das einsickernde Wasser auf.

Neugierige Passanten erhielten ausweichende Antworten. Das Projekt sollte niemanden interessieren. Schließlich besorgten sich die Forscher auch Proben aus Grundwasserbrunnen und zapften direkt aus dem Wasserhahn in zuvor akribisch gereinigte Behälter.

Anschließend wurde das so gewonnene Gut in aufwendigen Verfahren analysiert. Ziel der Mühen: Die Diplomanden und Doktoranden suchten nach Resten von Arzneimitteln. Inzwischen liegen die Ergebnisse aus rund 10 000 Klärwerks-, Fluß- und Grundwasseranalysen vor.

Sie geben wenig Anlaß zur Beruhigung: »Es muß damit gerechnet werden, daß eine unbekannte Zahl von Menschen über das Trinkwasser dauernd und unfreiwillig unterschwellige Dosen von Arzneimitteln aufnimmt. Über mögliche Effekte dieser Langzeitwirkung ist nichts bekannt.«

Mit dieser schriftlich festgehaltenen Aussage hat sich Sabine Gärtner vom Bonner Umweltministerium »nicht nur Freunde gemacht«, wie sie selber vermutet: Die Pharmalobby hört so was nicht gern.

Fazit der Studie: In Flüssen, im Grund- und sogar im Trinkwasser haben die Forscher Reste und Abkömmlinge einer Vielzahl von Arzneimitteln nachgewiesen. Grenzwerte, wie sie beispielsweise für einzelne Insektengifte eingehalten werden müssen - 100 Nanogramm* je Liter (ng/l) -, wurden dabei mitunter um ein Vielfaches überschritten.

Das Papier trägt den sperrigen Namen »Auswirkungen der Anwendung von Clofibrinsäure und anderen Arzneimitteln auf die Umwelt und Trinkwasserversorgung«. Die darin enthaltenen Daten hat der Bund/Länderausschuß für Chemikaliensicherheit (BLAC) mit Hilfe der beteiligten Wissenschaftler zusammengetragen.

* Nanogramm = ein milliardstel Gramm.

»Immer wenn man hinter Kläranlagen, in Flüssen und Bächen nachschaut, findet man das gleiche«, sagt Udo Rohweder, Berichterstatter des BLAC und Mitarbeiter der Hamburger Umweltbehörde. Im Grundwasser sind das bisher eine Reihe blutfettsenkender Wirkstoffe wie Clofibrinsäure und Bezafibrat sowie deren Abbauprodukte, dazu Schmerzmittel wie Phenazon, Antiepileptika (Carbamazepin) und Betablocker (Metoprolol).

»Das Ziel, unser Grundwasser flächendeckend als letzte saubere Ressource zu bewahren, läßt sich nicht mehr halten«, konstatiert Rohweder. Gleiches bestätigt der Wissenschaftler Thomas Ternes vom Forschungsinstitut der Wasserwirtschaft ESWE in Wiesbaden: »Es muß von einer großräumigen Verteilung der Arzneimittelrückstände im Grundwasser ausgegangen werden.«

Dabei ist die Datenlage nach wie vor dünn. Bis jetzt liegen Stichproben-Messungen aus Berlin, Hamburg, Hessen und Bayern vor. Spitzenwerte wurden aus Berlin gemeldet, wo aufgrund der früheren Insellage ein großer Teil des Wassers im Kreislauf geführt wird: Was in Berliner Abflüssen verschwindet, gelangt vielfach über Berieselungsanlagen und das Uferfiltrat von Spree und Havel zurück in die Grundwasserbrunnen.

In Proben solchen Brunnenwassers haben die Lebensmittelchemiker Hans-Jürgen Stan und Thomas Heberer von der Technischen Universität Berlin bis zu 7300 ng/l des Blutfettsenkers Clofibrinsäure gemessen, 380 ng/l lautet der Wert für Diclofenac, 200 ng/l für Ibuprofen (Antirheumatika), 1250 ng/l für Phenazon und 1465 ng/l für Propiphenazon (Analgetika). Selbst im aufbereiteten Berliner Trinkwasser fanden sich noch Werte von bis zu 65 ng Clofibrinsäure je Liter.

Was noch und andernorts im Wasser schwimmt, weiß keiner so genau. Bis jetzt ist erst ein Bruchteil der mehr als 3000 in Deutschland zugelassenen pharmakologischen Human-Wirkstoffe auf seine Verbreitung in Gewässern und Brunnen untersucht.

Eine akute Gefahr für Verbraucher besteht aufgrund der Verseuchung nicht, dazu liegen die gemessenen Werte zu weit unter der wirksamen Dosis. Nur wenig ist jedoch über den Effekt der Verunreinigungen auf Kleinstlebewesen bekannt, die das Ökosystem entscheidend beeinflussen.

Thomas Ternes vom ESWE-Institut erklärt, daß es sich immer um einen »Cocktail von Arzneimittelrückständen handelt« - ob die sich gegenseitig abschwächen oder verstärken, liegt im dunkeln.

Neue Erkenntnisse lassen nichts Gutes vermuten: Ein Kollege von Ternes, der Chemiker Roman Hirsch, hat in seiner gerade abgeschlossenen Doktorarbeit erstmals die Gruppe der Antibiotika systematisch ins Visier genommen. 18 verschiedene Wirkstoffe standen auf Hirschs Fahndungsliste, fünf davon hat der Chemiker »häufig sowohl in Kläranlagenabläufen als auch in oberirdischen Gewässern« aufgespürt.

Eine akute Gefahr schließt auch Hirsch aus, warnt aber davor, daß sich resistente Umweltkeime bilden könnten. Diese entstünden zwar hauptsächlich in Krankenhäusern; es sei aber auch »nicht auszuschließen«, daß sich die Resistenzen »unter Umweltkonzentrationen entwickeln«, wie Hirsch vorsichtig formuliert. Die schleichende Immunisierung von Bakterienstämmen führe zu einer ernsten Bedrohung für die Bevölkerung, »da immer mehr Infektionen nicht mehr therapiert werden können«, mahnt Hirsch.

Die vorliegenden Ergebnisse nimmt auch der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW) ernst. »Es hat ja niemand vor, wichtige Herzmittel abzuschießen«, sagt BGW-Sprecherin Michaela Schmitz. Aber auch wenn die vorliegenden Befunde gesundheitlich noch unbedenklich seien, sei es »ein Unding, daß bei der Zulassung von Arzneimitteln keine Angaben zur Umweltverträglichkeit veröffentlicht werden müssen«, schimpft die Wasserlobbyistin. Entsprechende Daten werden lediglich für neuzugelassene Tierarzneimittel gefordert.

Nur allmählich entdecken Politiker das Thema. Auf Anweisung der Umweltministerkonferenz von Bund und Ländern soll der BLAC auf seiner nächsten Zusammenkunft am 17. Februar zunächst »ein bundesweit abgestimmtes Untersuchungsprogramm« ausarbeiten. Es wäre die weltweit erste Datensammlung dieser Art.

Dazu soll die Pharmaindustrie eine Liste der 50 umsatzstärksten Arzneistoffe vorlegen. »Wir brauchen endlich Anhaltspunkte, nach welchen Wirkstoffen wir am dringendsten suchen müssen«, klagt BLAC-Berichterstatter Rohweder. Diese Auskunft zu erteilen, tun sich die Pharmafirmen jedoch schwer.

Kaum ein Industriezweig in Deutschland produziert so im verborgenen wie die Medikamentenhersteller. Zahlen über den Verbrauch von Arzneien existieren nur als Schätzungen, die Firmen sind zur Herausgabe von Daten nicht verpflichtet.

Auch Grenzwerte in Abwässern, etwa von Kliniken, müssen nicht eingehalten werden, obwohl »die Mengen an Arzneimitteln, die jährlich in Deutschland verabreicht werden, die Mengen an chemischen Verbindungen erreichen oder sogar übertreffen, die im gleichen Zeitraum als Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft eingesetzt werden«, wie der Berliner Lebensmittelchemiker Thomas Heberer hochrechnet. Das wären 30 000 bis 35 000 Tonnen.

Bereits mehrfach hat der BLAC die Pharmaverbände ersucht, die Produktionszahlen und Wirkstoffdaten herauszurücken. »Wir haben geantwortet, daß dies aus Wettbewerbsgründen und organisatorisch unmöglich ist«, kontert Gert Auterhoff vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie. Auch sein Kollege Siegfried Throm vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller will keine Auskunft geben: »Wir haben die Daten als Verband nicht, und ich sehe auch keine Zugangsmöglichkeit.«

Throm fordert zuerst EU-weite Leitlinien, »in denen klar steht, wer was zu machen hat«. Gerade die werden augenblicklich von den Brüsseler Pharmalobbyisten erfolgreich verwässert. Seit 1995 lag eine entsprechende EU-Leitlinie auf Eis. Auf Vorschlag der Pharmaindustrie will sich der Arzneispezialitätenausschuß der EU jetzt an US-Regelungen anlehnen, die Umweltuntersuchungen erst ab bestimmten Produktionsmengen vorsehen. Die Wirksamkeit der einzelnen Medikamente bleibt dabei unberücksichtigt. Bereits zugelassene Arzneimittel werden zudem voraussichtlich außen vor bleiben.

Es muß erst krachen, bis Brüsseler Beamte handeln: Nach langem Tauziehen hat die EU-Kommission Ende vergangenen Jahres schließlich vier von acht Antibiotika verboten, die Viehzüchter rezeptfrei und unkontrolliert als Wachstumsförderer in die Futtertröge schütten - ein Großteil der Wirkstoffe landet nicht nur in Gülle und Abwasser, sondern bleibt im Fleisch der Tiere.

Die Kommission sah sich zum Handeln aufgerufen, nachdem die Übertragung der so verursachten Antibiotikaresistenzen auf den Menschen nicht länger zu leugnen war: Anfang September war erstmals eine Dänin trotz frühzeitiger und intensiver ärztlicher Bemühungen an einer Salmonellenvergiftung gestorben.

Gegen die inzwischen multiresistenten Salmonellen vom Typ DT 104 hatten sich sämtliche verabreichten Medikamente bei der Frau als wirkungslos erwiesen.

MATTHIAS BRENDEL

* Nanogramm = ein milliardstel Gramm.

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