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AUTOMOBILE Groteskes Gefälle

Mit dem neuen Modell Superb baut Skoda die preiswerteste Staatskarosse Europas. Die erfolgreiche VW-Tochter profitiert vor allem von Billiglöhnen.
aus DER SPIEGEL 5/2002

Länder, in denen Automobile gebaut werden, gibt es auf Erden an die 40. Solche jedoch, deren Staatschefs sich mit Fahrzeugen aus heimischer Produktion chauffieren lassen, zählen vielleicht ein halbes Dutzend.

Der erlauchte Kreis wird bald ein neues Mitglied haben: die Tschechische Republik. Die dort ansässige Automarke Skoda führt dieser Tage auf ihrem Heimatmarkt die Oberklasselimousine Superb ein. Regierungschef Milos Zeman ist der Wagen offenbar fein und geräumig genug. Er wird von Audi umsteigen.

Im Prinzip bleibt er damit beim gleichen Produkt - wenngleich zu einem weit niedrigeren Preis. Audi und Skoda sind Mitglieder des VW-Verbundes. Viele Fahrzeugteile sind baugleich. So wird die 237 km/h schnelle Spitzenversion des Superb von einem 193 PS starken V6-Zylinder angetrieben, der samt seiner exotischen Fünfventiltechnik von Audi entwickelt wurde.

Mit der Eingliederung der damals desolaten tschechischen Automarke ins Wolfsburger Fahrzeugimperium startete vor elf Jahren ein rapider Aufstieg: Skoda sonnt sich in enormen Verkaufszuwächsen (siehe Grafik), während die Branche allgemein schwächelt.

Chefentwickler Wilfried Bockelmann sieht in der neuen Oberklasselimousine, mit der Skoda an seine Vorkriegstradition als angesehener Anbieter von Luxuswagen anknüpft, nun »die Krönung eines erstaunlichen Wandels«. Der größte Trumpf des Wagens soll sein enormes Raumangebot sein. Der Superb basiert auf dem technischen Grundgerüst des VW Passat, und zwar auf der gestreckten Version für den chinesischen Markt. Vorder- und Hinterräder liegen um zehn Zentimeter weiter auseinander als beim europäischen Modell.

Der beträchtliche Längenzuwachs kommt den Fondpassagieren zugute und macht den Superb zu einer vollwertigen Chauffeurslimousine. Der hintere Fußraum, auf Wunsch durch eine Klappe in der Beifahrersitzlehne nochmals erweiterbar, entspricht dem in großen Luxuslimousinen, etwa der S-Klasse von Mercedes.

Nicht jedoch der Preis: Das knapp 200 km/h schnelle Basismodell (vier Zylinder, 115 PS) wird im März für 22 390 Euro auf den deutschen Markt kommen. Das kosten bei anderen Herstellern gut ausgestattete Mittelklassewagen.

Vergleichbare Kampfpreise waren auch bei den bisherigen Modellen die Hauptursache für den Verkaufserfolg. Dass Skoda moderne VW-Technik auf dem Preisniveau koreanischer Billigmarken anbietet, hat sich verhältnismäßig schnell herumgesprochen. Der Aufschwung des Unternehmens ist deshalb keinesfalls »erstaunlich«, wie Chefentwickler Bockelmann behauptet: Volkswagen profitiert mit seiner tschechischen Tochter vielmehr von einem grotesken sozialen Gefälle zwischen West- und Osteuropa.

Fabrikarbeiter verdienen in der Tschechischen Republik etwa 500 Euro im Monat. Ähnlich niedrig sind die Lohnnebenkosten. Der Lohnkosten-Quotient, rechnet Skoda-Vertriebschef Detlef Schmidt nüchtern vor, liege bei etwa 1:8. Er will damit sagen, dass ein Arbeiter in Deutschland so teuer ist wie acht in den Skoda-Werken Mladá Boleslav oder Kvasiny, wo der neue Superb gebaut wird.

Automatisiert wird dort deshalb nur, wo sonst die Qualität leiden könnte, etwa bei Schweißpunkten, die für die Passgenauigkeit der Karosserie wichtig sind. Mehr als 90 Prozent der Schweißverbindungen, im westlichen Automobilbau unvorstellbar, werden bei Skoda von Hand gesetzt.

Der soziale Sprengstoff im Lohngefälle zwischen Wolfsburg und Mladá Boleslav wird umso augenscheinlicher, je luxuriöser die Autos tschechischer Herkunft werden. Mit seinen feinen Holztäfelungen und edlen Lederbezügen ist der Superb in seiner Top-Ausführung vom sozialistischen Erbe seiner Produktionsstätte so weit entfernt wie eine klassizistische Villa vom Plattenbau. Als Kunden auf dem Heimatmarkt werden »Topmanager« und »Unternehmer« anvisiert, im Westen schlichtere Schichten, unter anderem »Vertreter«.

Nach dem ursprünglichen Plan des Konzernchefs Ferdinand Piëch sollte der Superb auch mit dem neuen W8-Zylinder-Motor aus dem Passat angeboten werden. Doch das Skoda-Management stellte sich erfolgreich quer: Der Motor ist schon bei VW umstritten und könnte die bodenständige Stammklientel der tschechischen Marke letztlich brüskieren.

Spuren hat der Piëch-Plan dennoch hinterlassen: Im vorderen Karosseriebereich des Superb wurden sämtliche Modifikationen für den Einbau des Achtzylinders vorgenommen. Chefentwickler Bockelmann tut sich etwas schwer, das zu erklären: Die Blechstruktur, so beteuert er, wurde durch den Umbau steifer, und das sei angesichts des langen Radstands durchaus sinnvoll. CHRISTIAN WÜST

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