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ENERGIE Grüner Strom aus dem Watt

Großbritannien plant das größte Gezeitenkraftwerk der Welt: Klimafreundlich soll es fünf Prozent des britischen Stroms liefern. Umweltschützer sind dennoch dagegen.
aus DER SPIEGEL 32/2008

Der Severn ist der längste Fluss Großbritanniens - und der seltsamste zudem: Bei Springflut verwandelt sich der gut 350 Kilometer lange Strom in ein Paradies der Wellenreiter, denn dann donnert hier plötzlich eine gewaltige Flutwelle vom Atlantik kommend den Fluss hinauf.

Einem 41-jährigen Engländer gelang auf der Severn-Welle vor zwei Jahren sogar der inoffizielle Weltrekord im Langstreckensurfen. Eine Stunde und 16 Minuten, so berichtete die BBC, hielt er sich stehend auf seinem Brett und legte so, auf dem Fluss landeinwärts reitend, eine Strecke von über zwölf Kilometern zurück.

Wer diesen Rekord brechen will, hat dazu wohl nicht mehr allzu viel Zeit. Großbritannien überlegt, mit einem Bauwerk von geradezu chinesischer Dimension der Riesenwelle und den Freizeitsportlern das Wasser abzugraben und die Energie stattdessen für die Stromerzeugung zu nutzen.

Geplant ist Severn Barrage, das größte Gezeitenkraftwerk der Welt, eine 16 Kilometer lange Sperre quer über den Meeresarm zwischen Südengland und Südwales. Mindestens 120 Jahre lang - und bei guter Wartung sogar noch viel länger - sollen hier Turbinen ungeheuerliche Mengen grünen Stroms liefern, mit 8,6 Gigawatt Leistung, so viel wie acht Atomkraftwerke; genug, um volle fünf Prozent des derzeitigen britischen Strombedarfs zu erzeugen, all dies nachhaltig und ohne jeden Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2).

Die Severn-Mündung ist von Natur wie geschaffen für so ein Megakraftwerk. Ihr Geheimnis ist der enorme Tidenhub von bis zu 15 Metern; einen größeren Unterschied zwischen Hoch- und Tiefwasserstand gibt es fast nirgendwo (nur in der Bucht von Fundy in Kanada). Mit jeder Flut ergießen sich zweimal täglich ungeheure Mengen Wasser in das Severn-Mündungsgebiet.

Dieses Wasser soll in Zukunft gestaut werden und beim Abfließen während der Ebbe bis zu 216 Riesenturbinen antreiben, jede mit einem Durchmesser von neun Metern.

Neu sind diese Pläne keineswegs. Sogar die Nazis erwogen schon einen ähnlichen Damm für die Zeit nach der Niederwerfung Churchills. Auch britische Regierungen haben immer wieder mit der Idee geliebäugelt, sie aber stets verworfen, weil ihnen das monströse Bauwerk dann doch nicht wirtschaftlich schien.

Jetzt aber, unter dem Eindruck rekordteurer Energie und der Klimadebatte, hat das Projekt Severn Barrage Auftrieb wie nie. Weder die Kosten von mindestens 15 Milliarden Pfund (19 Milliarden Euro) noch die Bauzeit von acht Jahren wirken grundsätzlich abschreckend - und auch nicht der Hohn der Kritiker, wonach dies der britische Abklatsch des gigantomanen Drei-Schluchten-Damms von China sei.

Premierminister Gordon Brown ist ein erklärter Freund der Severn-Sperre, seine Umwelt- und Wirtschaftsberater ebenso, sogar Oppositionschef David Cameron feiert das Potential der Gezeitenkraft. Eine millionenteure Machbarkeitsstudie ist bereits in Arbeit; wichtige Weichenstellungen werden noch im Herbst erwartet. Technisch dürfte der Anlage wenig im Weg stehen: In der Bretagne läuft das Gezeitenkraftwerk La Rance bereits seit 1966 ohne Probleme, es ist bedeutend kleiner, aber von der Bauart her vergleichbar.

Mindestens zehn große Umweltorganisationen jedoch haben sich gegen das britische Projekt ausgesprochen. Es gefährde zahlreiche Lebensräume und Arten; das viele Geld sei nach deutschem Vorbild besser investiert in Wind- und Sonnenkraft. Da habe das Königreich Nachholbedarf.

Eine Sperre zwischen Cardiff und Weston würde den Tidenhub auf der Innenseite des Bauwerks verringern - auf rund sieben Meter. Weite Flächen, die jetzt mal trocken, mal geflutet sind, versänken permanent im Wasser, monieren die Kritiker. Zehntausende Wattvögel wären plötzlich heimatlos. Viele Fische könnten überdies daran scheitern, die Barriere auf dem Weg in ihre Laichgebiete zu überwinden.

Hier, am Severn, muss sich Großbritannien entscheiden: Was ist wichtiger - sicher verfügbare, CO2-freie Elektrizität in großen Mengen oder eine unter Schutz stehende, in Europa einzigartige Wattlandschaft, die für Lachs, Meerforelle und Aal eine Kinderstube und für Zugvögel eine bedeutsame Raststation ist?

Andrew Lee arbeitete bis vor gut zwei Jahren für die Umweltschutzorganisation WWF, die das Severn-Stauwerk eisern bekämpft. Nun vertritt er eine andere Meinung, denn jetzt ist er Direktor der Sustainable Development Commission, die Brown in Umweltfragen berät. »Im Energiebereich«, resümiert Lee, »liegen die Zeiten der einfachen Fragen weit hinter uns.«

Für bedrängte Fische und Vögel müssen, so schreibt es die EU vor, Ausgleichsflächen geschaffen werden, auch wenn dies viel Geld kostet. Vordringlich aber ist es Lee zufolge, die Volkswirtschaft mit CO2-freier Energie zu versorgen.

»Wir haben schwierige Entscheidungen zu treffen«, sagt Lee. »Die Augen der Welt ruhen auf uns.«

MARCO EVERS

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