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VERHALTENSFORSCHUNG Grzimek des Ostens

Vor 50 Jahren begründete ein Berliner Biologe Europas größtes Tierstimmenarchiv. Heute sucht er nach Gemeinsamkeiten von Joseph Goebbels, Erich Honecker und den Schimpansen.
aus DER SPIEGEL 30/2001

Wenn Prof. Dr. Dr. h. c. Günter Tembrock eine mecklenburgische Goldammer nachahmt, klingt das etwa so: »dididididizitüüüü«. Den Ruf ihrer thüringischen Schwester hingegen trällert er eher so: »dididididizitöööö«. Wer darüber lacht, erntet Unmut. »Stimmen«, doziert der zierliche Verhaltensforscher, und da versteht er keinen Spaß, »gehören zu einem Lebewesen wie seine Körpermerkmale.«

Tembrock, selbst ein geschulter Bariton, kann sie alle: »höhöhöhöhö« schnattern die Schimpansen; »knäknäknäknäknä« rasselt die Klapperschlange. Der 83-jährige Herr, der noch heute im weißen Laborkittel Vorlesungen hält, erforscht seit 50 Jahren Tierlaute. Im unscheinbarsten Seitenflügel des Ost-Berliner Naturkundemuseums hat er Europas größtes systematisches Tierstimmenarchiv angelegt.

Inzwischen umfasst es etwa 120 000 Aufnahmen von 1800 Vogel- und 580 Säugetierarten. Auf kleinen Zetteln sind in artig geschwungener Handschrift Datum, Ort und besondere Umstände der alten 76-mm- Tonbandaufnahmen notiert: »Seeskorpion a) in Wasserschüssel, b) im Gummieimer und c) am Strand«, heißt es da, oder »Knurrhahn, im Flachwasser«. Dessen lautes Knarzen entsteht, »wenn Muskeln und Sehnen die Schwimmblase eindrücken«, erklärt Tembrock und schluckt zur Illustration selbst wie ein Fisch. Sein Hals schnellt nach hinten, die Hände gestikulieren an Kopf und Kehle - blitzschnell, aber selbstvergessen lässt er die Laute aus seinem Körper glucksen.

Zwar muten die mühselig gehorteten Tonbänder in einer Zeit, in der Schwertwal, Spinnen oder Springmäuse längst im Internet zu hören sind, seltsam anachronistisch an. Doch für die traditionelle biologische Forschung sind sie von großem Wert.

So hat Tembrock über Jahre in einer Berliner Wiese die Hochzeits-Tridulationen der Heuschrecken aufgenommen und anhand ihrer Gesänge fünf Arten ausmachen können. Mit einem speziellen Computerprogramm erstellte er für jede Heuschreckenart »Sonogramme«, Kurven, die Lautstruktur, Intensität und Frequenz der Stimmen abbilden.

Im vergangenen Jahr war dann ein Lied in der Tümpel-Kakophonie verstummt. »Eine Heuschreckenart konnte sich nicht halten, weil eine für sie wichtige Pflanze dort nicht mehr wuchs«, sagt Tembrock und preist die Vorteile der Bioakustik: »Ohne in die Natur einzugreifen, lässt sich durch einfache Tonaufnahmen feststellen, wie ein Ökosystem besetzt ist.«

1951 legte der Biologe mit einem Waldkauzschrei den Grundton seiner Sammlung. Als Hilfsassistent erforschte er an der Humboldt-Universität das Leben des heimischen Rotfuchses - im Untergeschoss seines Instituts beherbergte er allein 56 Exemplare. Um ihr Sozialverhalten auch akustisch zu dokumentieren, ließ er ein Kondensatormikrofon bauen, das von seinem Schreibtisch durch ein Guckloch in das künstliche Fuchsgehege baumelte. Beim ersten Test schon flog zufällig ein Waldkauz am Fenster vorbei.

Von diesem Tag an hatte der sonst so korrekte Wissenschaftler ein Laster: Er kam zu spät. Ein ums andere Mal warf er sein Fahrrad in die Böschung, um mit dem tragbaren Tonbandgerät, das er im Westen erworben hatte, auf der Jagd nach Insekten-, Vogel- und Säugetierstimmen durchs Gras zu kriechen. Immer wieder bestellte er auch für seine Mitarbeiter Geräte. Doch die wenigsten kamen an. »Die Stasi«, so erfuhr Tembrock später, »hat sich die meisten unter den Nagel gerissen.«

Wo er hinkam, brachte er sein Mikro mit - allerdings kam er nicht weit. Weil er sich weigerte, in die Partei einzutreten, durfte er nicht reisen. Die Tiergehege und Zoos der DDR vertonte er fast komplett.

In den Anfängen pflegte Tembrock noch deutsch-deutschen Tierstimmenaustausch mit einem Hannoveraner Landgerichtsrat - »postalisch«, wie er es ausdrückt. Der Kontakt brach ab, als DDR-Zöllner regelmäßig die Tonbänder löschten; das Geträllere, Gefiepse und Geheule transportiere einen Spionagecode, argwöhnten sie.

Ohnehin passte die Verhaltensbiologie, die Tembrock in der DDR begründete, lange nicht ins Parteiprogramm. »Ein angeborenes Verhalten durfte es nicht geben«, sagt Tembrock. Es galt die Lehre von Pawlow und Lyssenko: Allein die Umwelt bestimmt ihr zufolge das Verhalten von Mensch und Tier. Als der russische Biologe Aleksander Oparin 1952 in einem Berliner Vortrag das Wort »Chromosom« verwendete, fragte ein Doktorand erstaunt, was das denn sei. Oparin, der es besser wusste, erklärte stotternd, Chromosomen seien Artefakte, also im Labor zufällig erzeugte Gebilde.

Der Stimmensammler, der für möglich hält, dass Vögel mit einer Art Universalgrammatik des Zwitscherns geboren werden, durfte keine Grundvorlesung in Biologie halten und musste ohne staatliche Forschungsmittel auskommen. Seinen Lehrstuhl finanzierte er weitgehend mit Aufträgen aus der sozialistischen Industrie - eine Leipziger Kammerjägerfirma etwa verlangte eine detaillierte Studie zum Aktivitätsrhythmus der Schaben.

Allmählich schwanden die politischen Bedenken gegen die Erkenntnisse des Forschers. Was war schon verfänglich daran, dass männliche Säugetiere in den Stimmbruch kommen? Oder dass ein Buchfink im Durchschnitt 2,2 Strophen singt?

Das Fernsehen machte Tembrock dann zum berühmtesten Biologen der DDR. Nachdem er 1978 in einer Tiersendung für den erkrankten Dresdner Zoodirektor eingesprungen war, flimmerte samstagabends um acht auf DDR 1 »Professor Tembrocks Rendezvous mit Tieren«.

Anders als sein Kollege im Westen kämpfte der »Grzimek des Ostens«, wie er bald genannt wurde, nicht für die Sache der Serengeti-Giraffen und Ngorongoro-Büffel. Seine Themen waren verbunden mit ostdeutschen Camperfreuden und heimischer Natur: »Wie clever sind Vögel?«, fragte er, oder er berichtete vom »Hochzeitstanz der Bienen«. Als Studiodekoration präsentierte er schon mal die »von privater Hand freundlicherweise zur Verfügung gestellten Graupapageien Paul und Jakob«; sein Anschauungsmaterial wirkte rührend selbst gebastelt.

Silvester 1990 verabschiedete sich Tembrock für immer von den Zuschauern. Die ARD hatte ihn nach der Wende noch ein paar Mal ins Nachmittagsprogramm gesteckt, sein Studio mit einem rotbraun changierenden Pult aufgehübscht und ihn das Elefantenschlachten in Kenia betrauern lassen - wo er nie war. Bislang ist Kreta sein fernstes Reiseziel gewesen.

»Ferien«, sagt er und streicht über sein tadellos zurückgekämmtes Haar, »mache ich höchst ungern, weil sie die Arbeitszeit verkürzen.« Mehr und mehr Zeit widmet Tembrock inzwischen dem Menschen und seiner Stimme. Er selbst singt mit Leidenschaft Schubert, Wolf und Brahms; schon im Luftschutzbunker während des Zweiten Weltkriegs gehörte zu seiner Notausstattung ein Rigoletto-Klavierauszug, aus dem er stumm die Arien übte. Sonografen, so schwärmt er, könnten die Gesangslehrer der Zukunft sein: »Indem der Sänger auf dem Bildschirm die Kurven seiner Stimme verfolgt, kann er sich selbst kontrollieren.« Auf Tagungen überrascht der alte Professor mit einer neuen Passion: Er betreibt eine ausgefallene Art vergleichender Studien. Goebbels' berühmte Frage »Wollt ihr den totalen Krieg?«, so dozierte er kürzlich, ähnele wie Honeckers »Es lebe der 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik« dem Schrei eines aufgeregten Schimpansen, der bei Rangkämpfen seine Truppe zur Geschlossenheit antreibt.

Tatsächlich zeigen Tembrocks Sonogramme ähnliche Kurven: Wie die Goebbelssche Schreistimme schlägt auch die Honeckersche aus bis zu Frequenzen von 400 Hertz. Die einzelnen Töne heben sich steil wie Stalaktiten, die lang gezogenen Vokale dauern fast eine halbe Sekunde an.

Tembrock lässt den Kopf zur Mimikry zurückschnellen: »Es - le-be - der - vierzig-ste - Jah-res-tag - der - Deu-tschen-De....« Er hält inne und grinst. »Und nun liegt er mit im Tierstimmenarchiv, der Honecker.« KATJA THIMM

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