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Nobelpreis Gut und Börse

Kosten-Nutzen-Rechnungen bestimmen alles menschliche Handeln - für diese These erhielt der Amerikaner Gary S. Becker den Nobelpreis.
aus DER SPIEGEL 43/1992

Ob er einen Mord begeht, tugendhaft wie ein Barfüßermönch lebt oder sich ehelich verbindet - was immer der Mensch an sich oder seinem Nächsten verübt, richtet sich danach, ob er aus seinem Handeln einen geldlichen oder geldwerten Vorteil ziehen kann. Kurz: Des Menschen geistige Einstellung zum Leben entspricht der des Börsenmaklers zur Provision.

So lautet, für den Hausgebrauch formuliert, die Grundthese des amerikanischen Ökonomen Gary S. Becker, 61. Ebenso rigoros, wie seine Gegner diesen Denkansatz ablehnen, hat der Professor das ökonomische Rationalprinzip auf das menschliche Verhalten übertragen und dafür letzte Woche den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft (1,8 Millionen Mark) kassiert.

Zum dritten Mal in Folge (und zum siebenten Mal insgesamt seit Stiftung des Wirtschafts-Nobelpreises durch die Schwedische Reichsbank im Jahre 1969) wurde damit einer der »Chicago Boys« genobelt, wie die Mitglieder der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der University of Chicago in Amerika genannt werden: Sie sind die geistigen Lieblinge all jener, die staatliche Hilfen für Sozialismus halten, ausgenommen die Subventionen für die eigene Firma.

Doch ob Kapitalist oder Kaderlump des Kommunismus - seine »einheitliche Entscheidungstheorie« beschreibe die ökonomischen Gesetze, behauptet Becker, die das »außermarktliche« Verhalten eines jeden Menschen bestimmten.

Beckers Homo sozioöconomicus handelt stets zweckorientiert, entsprechend verwaltet er sein »Humankapital«. Dessen Höhe bemißt sich nach der Summe seiner eigenvorteilhaft verwertbaren Eigenschaften, zu denen unter anderem Sozialstatus, Ausbildung, Intelligenz und körperliche Wohlgestalt zählen. Allem irrationalen Tun aber steht dieser Modellmensch so verständnislos gegenüber wie der Heizer eines Krematoriums der Feierlichkeit des Grabes.

Ausgehend von seinem »ökonomischen Ansatz« hat Becker zu berechnen versucht, wann beispielsweise für den Verbrecher die »Nutzenfunktion« seines Tuns beginnt. Ergebnis: exakt an dem Punkt, an dem der voraussichtliche Ertrag über den Kosten liegt, die sich wiederum nach Wahrscheinlichkeit und Schwere der zu erwartenden Strafe bemessen - wäre das Gelichter im wirklichen Leben nur auch so gescheit.

Mit Hilfe des von ihm geschaffenen Instrumentariums ließen sich, glaubt Becker, fast alle sozialen Prozesse erklären und mathematisch darstellen. Beispiel: Bei steigenden Reallöhnen werde es für die »Mini-Fabrik Familie« unwirtschaftlich, wenn sich ein Haushaltsmitglied auf die Kinderaufzucht beschränkt; also gehen beide Eltern arbeiten und investieren aufgrund ihrer gestiegenen Einkünfte mehr Geld in die Ausbildung ihrer Kinder; folglich sinkt die Geburtenrate, da nun für mehrere Kinder nicht mehr ausreichend Zeit und Geld vorhanden sind.

Sogar der Entscheidung zu Heirat und Scheidung liegt nach Beckers Theorie ein reines Nutzen-Kosten-Kalkül zugrunde. In komplizierten Gleichungen und Diagrammen hat der mit einer starken Neigung zur höheren Mathematik ausgestattete Ökonom darzulegen versucht, daß »Masculinum« (M) und »Femininum« (F) nur dann zusammenbleiben, wenn die aus der Ehe resultierende Nutzenmaximierung (Z) für beide größer ist als die von jedem einzelnen eingebrachte Leistung (C).

Über Plus oder Pleite der Beziehung zwischen F und M entscheidet daher das »ehespezifische« Kapital, das etwa aus »Spezialisierungsgewinnen« durch Arbeitsteilung, aus Statusvorteilen oder gemeinsamem Besitztum besteht.

Des weiteren vorteilhaft auf den Bestand der Ehe wirkt sich aus, wenn die Frau in Modehäusern mit wohlklingenden Namen einkaufen kann und der Segen des Monsieur Cartier reichlich auf ihren Fingern ruht: Dann nämlich ist, jedenfalls nach Beckers Modell, für sie der »Haushaltsnutzen« wesentlich größer als der eines Single-Daseins jenseits von Gut und Börse ihres Mannes.

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