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Automobile Haare im Propeller

Der neue Porsche Boxster durfte nicht so hübsch werden wie im ersten Entwurf - aus Sicherheitsgründen.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Wendelin Wiedeking räumte ein, den Überblick verloren zu haben. Schon Anfang des Jahres, erklärte der Porsche-Chef kürzlich, lagen bei den Händlern 10 000 bis 12 000 Bestellungen für den neuen Boxster vor. »Dann haben wir aufgehört zu zählen.«

Die vorauseilende Begeisterung, geschürt durch pränatale Werbekampagnen für den neuen Porsche-Sproß, löst in Stuttgart derzeit ein eher banges Wohlgefühl aus. Nicht ganz auszuschließen ist, daß der offene Zweisitzer, den Porsche in dieser Woche vorstellt, die Blindbesteller enttäuscht.

Auslöser des Boxster-Fiebers war eine Designstudie, die Porsche im Januar 1993 auf dem Autosalon in Detroit präsentierte. Der Ur-Boxster, dem legendären James-Dean-Auto 550 Spyder aus den Fünfzigern nachempfunden, genoß einstimmigen Zuspruch, vor allem wegen seiner hübschen Ausgestaltung im Detail. Begeisterung lösten etwa die Lüftungsventilatoren auf dem Mitteltunnel und in den Türverkleidungen aus - vier Miniatur-Schiffschrauben hinter Metallgittern.

Von solchen Elementen ist im Serien-Boxster nichts mehr übrig. Nüchterner Kunststoff wie bei Mazda beherrscht den Innenraum. Die aufwendigen Detaillösungen, erklärt Porsche-Sprecher Anton Hunger, seien nicht unbedingt aus Kostengründen gestrichen worden. Schönes Design scheitert oft am Sicherheitsanspruch.

So mußten die Lüftungspropeller verworfen werden, weil sich lange Haare der Fahrer darin hätten verfangen können. Die Außengestaltung wurde stärker von Crash-Kriterien beeinflußt. So mußte die Frontpartie des Boxster länglicher gestaltet werden als bei der Studie. Die ursprünglich vorgesehene gedrungene Grundform ging verloren.

Auch beim Überrollschutz ist der Sicherheitsgedanke stets der natürliche Feind des Designers. Die Boxster-Studie war ohne Überrollbügel konzipiert. Beim Serienwagen wölben sich zwei dicke Stahlrohre hinter den Kopfstützen empor.

Auch Mercedes setzt bei seinem neuen SLK-Roadster solche Überrollbügel ein. Firmeneigene Unfallanalysen der Stuttgarter hatten ergeben, daß es bei 27 Prozent aller Cabrio-Unfälle zu Überschlägen kommt, wesentlich häufiger als im normalen Unfallgeschehen (9 Prozent). Fazit bei Mercedes: »Nur ein Roadster mit stabilem Überrollbügel ist ein wirklich sicheres Automobil.«

Die klare Aussage birgt unterschwellig einen Vorwurf gegen die Konkurrenz aus München. Der BMW-Roadster Z3, mit 44 500 Mark Grundpreis erheblich günstiger als der SLK (ab 52 900 Mark) und der Boxster (76 500 Mark), wird ohne Überrollbügel angeboten. Laut Firmensprecher Rudolf Probst ist dieser »technisch nicht zwingend notwendig«, da der Z3 über hochfeste Rohrverstärkungen im Windschutzscheibenrahmen verfüge, die sich bei werksinternen Crashtests mit Überschlägen bewährt haben sollen.

Zusätzliche Bügel im Heck kommen »im wesentlichen den Fondpassagieren in einem Cabrio zugute«, sagt Probst, nicht aber den Insassen eines zweisitzigen Roadsters. Für Kunden, die sich dennoch ohne Bügel unwohl fühlen, bietet BMW im kommenden Jahr den nachträglichen Einbau zweier Stahlbügel an.

Das Fehlen von Rücksitzen beim Roadster zieht noch einen weiteren Sicherheitskonflikt nach sich: Kinder müssen auf den Beifahrersitz. Bei Sitzschalen für Säuglinge mit Blickrichtung nach hinten wird dann aus dem meist serienmäßigen Beifahrer-Airbag eine tödliche Waffe. Als einziger Roadster-Hersteller bietet Mercedes im neuen SLK eine Lösung für dieses Problem an: Kindersitze aus dem Werkszubehör senden ein Funksignal an die Airbag-Elektronik. Diese schaltet sogleich den Prallsack ab. Porsche wird ein solches System erst im kommenden Jahr nachliefern.

Die hohe Preisdifferenz gegenüber Mercedes und BMW rechtfertigt Porsche vor allem mit dem Raumvorteil des Boxster. Die Kofferräume in Front und Heck weisen ein Gesamtvolumen von 260 Litern auf. Mercedes bietet 88 Liter mehr, allerdings nur bei geschlossenem Dach. Wird das Hardtop abgesenkt, verengt sich der Kofferraum auf 145 Liter.

Etwas überrascht sein werden Boxster-Kunden, falls sie in die USA reisen und dort Preisvergleiche anstellen. Bei amerikanischen Händlern wird der Boxster knapp über 40 000 Dollar kosten, also etwas mehr als 60 000 Mark. Mit diesem Dumpingpreis will Porsche den einst so lukrativen, aber seit langem verlorenen US-Markt wiederbeleben.

Auch die erste Studie zum Boxster wurde aus diesem Grund vor dreieinhalb Jahren in Detroit enthüllt. Daß ihr Design mehr versprach, als Porsche schließlich halten konnte, zählte von Anfang an zum Konzept des damals schwer angeschlagenen Unternehmens. Porsche-Sprecher Hunger: »Wir mußten die Leute einfach scharf machen auf das Ding.«

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