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Computer HAARE IN DER DATENSUPPE

Der mit einem Schreibstift gesteuerte Handcomputer »Newton« von Apple, anfänglich als Vorbote einer »Megaindustrie« gefeiert, wird jetzt als Megaflop geschmäht. Die Benutzer ringen mit vielen Tücken, die dem »elektronischen Notizbuch« anhaften: Es leidet unter chronischer Leseschwäche.
aus DER SPIEGEL 49/1993

Die Programmierer waren gewappnet wie die »Raumschiff Enterprise«-Besatzung vor einem Landgang. Jeder hielt seinen flachen Kleinstcomputer in der Hand, ähnlich dem »Communicator« von Captain Kirk und Mr. Spock.

Im Konferenzsaal angekommen, legten die Software-Entwickler ihre Minirechner vom Typ Apple »Newton«, auf denen man sich mit einem Schreibstift Notizen machen kann, vor sich auf den Tisch. Dann lauschten sie dem Vortrag über Newton-Programme und schrieben fleißig mit - auf herkömmlichen Stenoblöcken, mit Kugelschreiber.

Die Entwicklerkonferenz, die kürzlich im kalifornischen Cupertino stattfand, bot reichlich Informationen über die technischen Feinheiten des »Personal Digital Assistent« (PDA), wie Apple seine neue Computerklasse nennt. Die Hauptfrage allerdings blieb unbeantwortet: Wer braucht den Newton - und wozu?

Die lange angekündigte US-Version des Newton, von dem inzwischen geschaßten Apple-Chef John Sculley vor zwei Jahren auf den Weg gebracht ("Geburt einer Billionen-Dollar-Industrie"), wurde im letzten August endlich ausgeliefert. In Deutschland soll der »Persönliche Digitale Assistent« Mitte Dezember seine Premiere haben.

PDA, hatte bereits das Wissenschaftsmagazin New Scientist gewitzelt, klinge »wie etwas, das man sonst im Sex-Shop kaufen würde«. Nun werden die Schwächen des »Message Pad« offenbar, das Newton-Desaster erinnert an den spektakulären Fehlstart des untauglichen Apple-PC »Lisa« 1983. »Apples neuer Newton Message Pad«, mokierte sich die New York Times, sei das »meistverspottete Produkt seit dem Ford Edsel«.

Bevor John Sculley im Oktober sein Chefbüro bei Apple räumen mußte, durfte er noch erleben, wie der Stiftcomputer von dem Cartoonisten Garry Trudeau in der US-Tagespresse verhohnepipelt wurde. In dem Comic-strip-Klassiker »Doonesbury« avancierte der Digitale Assistent endgültig zum Witzobjekt: »I am writing a test sentence« ("Ich schreibe einen Testsatz"), notiert Comic-Held Mike Doonesbury mit dem Spezialstift auf den berührungsempfindlichen Bildschirm. Der Computer liefert zuerst Nonsens-Sätze ("Ian is riding a taste sensation") und faselt dann, nachdem er endlich begriffen hat, wieder von »Eiern« und »Sommersprossen«.

Mitleidig belächelt wurden Mitte letzten Monats auf der US-Computer-Show Comdex in Las Vegas die rotgekleideten Apple-Standbetreuerinnen, die dem Messepublikum beim Umgang mit dem Message Pad zur Hand gehen sollten.

Ein Gerät nach dem anderen gab seinen Geist auf. Wenn der Bildschirm blank blieb oder probierfreudige Standgäste mit einem bizarren Muster überraschte, wurden die komatösen Handcomputer von den beflissenen Apple-Helferinnen ins Innere des prunkvollen Apple-Messebaus entsorgt.

Als Schwachstelle des Message Pad hat sich die programmierte Handschrifterkennung erwiesen, die Apple gemeinsam mit dem russisch-amerikanischen Software-Unternehmen Paragraph entwickelt hat. Nach einer Grundlernphase von einigen Stunden und danach stetig sich verbessernd soll sich das Gerät die individuelle Handschrift seines Benutzers merken. Doch bis heute steckt das System noch voller Tücken.

Beispiele: Aus der Terminkalendereintragung »eat lunch« (Mittagessen) machte ein Newton-PC »entrance« (Eingang). Die New Yorker Testerin Barbara Kantrowitz fand ihren Namen zu »Barbara Railroads«, nach einigen Korrekturversuchen sogar zu »Minus run furniture railroad« verstümmelt. Ein Versuch mit getrennten Druckbuchstaben, »Hello Newton«, ging ebenfalls schief: Auf dem Minibildschirm erschien »Hello Clinton«.

Daß die Newton-Fehlleistungen beim elektronischen Begriffe-Raten fast immer einen Sinn ergeben, wenn auch nicht immer den richtigen, liegt an der hochentwickelten Handschrift-Software. Die Newton-Pioniere hatten etwas Neues gewagt: Der Jackentaschen-Assistent hält sich nicht nur mit dem Entziffern einzelner Buchstaben auf, sondern liest auch ganze Wörter. Dabei wird die Fließschrift des Benutzers mit einem eingebauten Wörterbuch abgeglichen, das in der englischsprachigen Version 10 000 Begriffe umfaßt.

Das neuartige System basiert auf einem hochspezialisierten sogenannten Risc-Prozessor, für den eigens eine komplexe Betriebssystem-Software geschrieben wurde. Alles, was der Benutzer mit dem Newton-Schreibstift auf die Bildschirmoberfläche des Geräts notiert, landet dabei in einer unstrukturierten »Datensuppe«, aus der die verschiedenen Arbeitsprogramme gemeinsam »löffeln« können.

Notiert der Benutzer mit dem Minigriffel beispielsweise »Fax Anita« auf das Message Pad, so schließt das Assistenzprogramm daraus, daß die zuvor auf den Schirm gekritzelten Notizen als Telekopie versandt werden sollen. Daraufhin wird im Datenbrei nach dem Vornamen »Anita« gefischt. Anschließend versieht das Gerät automatisch die Faxbotschaft mit der Anwahlnummer und verschickt sie unaufgefordert, sobald das PDA-System über Modem an die Telefonleitung angeschlossen wird - jedenfalls theoretisch.

Die Praxis sieht häufig anders aus. In der Newton-Datensuppe schwimmt noch manches Haar. So klagen Benutzer der ersten Gerätegeneration über *___Hardware-bedingte Leseschwäche bei der ____Handschrifteingabe: Wenn die Batterie nachläßt, ____schwindet auch das Lesevermögen des Newton. Nach ____wenigen Wochen sackt die Erkennungsrate insgesamt ab - ____das Gerät kommt nicht mehr mit der Handschrift seines ____Benutzers zurecht, die sich durch die glatte und ____schmale PDA-Schreiboberfläche verändert; *___hohen Energiebedarf: Wird das Gerät mit eingeschobener ____Speicherkarte benutzt, so reicht der Strom nicht länger ____als etwa viereinhalb Stunden; der Newton, klagte die ____US-Zeitschrift MacUser, »frißt Batterien, als ob es ____kein Morgen gäbe«; *___plötzliche Ausfallerscheinungen: Unvermittelt friert ____zuweilen der beschreibbare Minibildschirm ein, auch ____durch geduldiges Anpicken mit dem PDA-Pen läßt er sich ____dann nicht wieder zum Leben erwecken; gelegentlich ____steigt das Gerät auch mitten in einem Arbeitsvorgang ____aus, weil die integrierte Stromspar-Software es so ____befohlen hat; *___Sicherheitsmängel: Anders als bei herkömmlichen ____elektronischen Terminplanern und Notebook-PC wird das ____Paßwort, mit dem das Newton-Notizbuch vor unbefugtem ____Zugriff geschützt werden soll, unverschlüsselt im ____Klartext abgespeichert und sogar im Wörterbuch ____vermerkt; *___anfallartige Software-Krämpfe: Im ____Schreibmodus, berichtet beispielsweise der ____Computerfachmann und Newton-Spezialist Waldemar Zimmer ____aus Hamburg, wird Newton zuweilen von ____Programm-Zuckungen geschüttelt. Zimmers ____Pannenbeschreibung: »Blinkt nur noch, blickt nichts ____mehr«; *___unausgegorene Programme: Um die Pannenserie zu stoppen, ____versandte Apple zwei nachgebesserte ____(Programmierer-Jargon: »gepatchte") Versionen der ____Newton-Software, was allerdings nicht immer half; bei ____einem »Komplett«-Neustart des Systems wurde jedesmal ____aus den eingebauten Speicherchips die alte, fehlerhafte ____Software wieder hochgeladen.

Nicht wenigen Newton-Benutzern der ersten Stunde ist das Lachen vergangen. »Ich war so weit«, klagt etwa der Silicon-Valley-Manager John Schiefele, »das Gerät aus dem Fenster zu schmeißen. Wenn mir einer eine Bombe gegeben hätte, hätte ich es in die Luft gesprengt.«

»Nur von unzufriedenen Benutzern« habe er gehört, erzählt der US-Branchenbeobachter Andrew Seybold. Die vorab gerühmte Handschrifterkennung des PDA sei bei weitem nicht so gut wie versprochen. 50 000 Newtons, meldete Apple als Reaktion auf die Pannenmeldungen, seien bereits verkauft worden.

Die deutsche Basisversion des Newton, die von Mitte Dezember an für rund 1600 Mark angeboten wird, soll mit einer gründlich überarbeiteten Software ausgeliefert werden. Gleichwohl sind Probleme auch für die Deutschlandpremiere des kleinsten Apple-Computers programmiert.

Zum einen ist die deutsche Fließschrift reicher an Schnörkeln und Varianten als der US-Schreibstil, gleichzeitig machen die im Durchschnitt längeren deutschen Wörter dem Newton zu schaffen. Wörter lassen sich am Rand des winzigen beschreibbaren Bildschirms nicht einfach trennen - ein Trennstrich wird von der Newton-Logik als Minuszeichen interpretiert.

Von den »Early Adopters«, wie die Früheinsteiger in die PDA-Technologie genannt werden, wird derselbe experimentierfreudige Wagemut erwartet wie von den ersten Computerfans zur Pionierzeit der PC-Industrie. Wie damals bei den PC fehlt heute bei den stiftgesteuerten Taschenrechnern - ähnliche Modelle wurden etwa von Sharp, Tandy/Casio und Amstrad vorgestellt - noch ein gemeinsamer Standard für die verwendete Hard- und Software.

Äußerlich ähneln sich die Systeme zwar, dahinter aber verbergen sich Spezialchips und Betriebssysteme, die bei jedem Hersteller anders aussehen. Solange sich nicht ein Konzept durchgesetzt hat und dementsprechend der Nachschub an Programmen und Zubehör gewährleistet ist, wird sich kein PDA-Massenmarkt entwickeln können.

Auch reicht die derzeit erzielte Trefferquote von maximal 95 Prozent beim Erkennen von Zeichen und Wörtern für den praktischen Einsatz, etwa zur Datenkommunikation oder als Telefonverzeichnis, kaum aus. Bei längeren Telefonnummern beispielsweise wird durchschnittlich jede zweite falsch notiert.

Womöglich, meinen Marktbeobachter inzwischen auch bei Apple, seien derartige Stiftcomputer besser für stark formalisierte Arbeitsabläufe geeignet, etwa zum Ankreuzen von Antworten bei Straßenumfragen oder zum Abhaken von Lieferlisten. Grundsätzliche »Zweifel an dem Sinn des Message-Pad-Konzepts« äußerte bereits die Hamburger Computerzeitschrift MacUp: Das Gerät sei »für ein nützliches Kommunikationswerkzeug zu groß, für einen Notizblock zu klein«.

Dafür sind sich Computerfachleute einig, daß der Newton nostalgische Erinnerungen an die Gründertage der PC-Industrie Anfang der achtziger Jahre weckt, als die »Early Adopters« des PC mit dem damals noch ähnlich unvollkommenen Personalcomputer rangen.

Jetzt verraten die Apple-Kundendienstler dem PDA-Anfänger denselben Trick, der bereits beim seligen Ur-PC als (unelegantes, aber wirkungsvolles) Allheilmittel galt: »Drücken Sie die Reset-Taste.« Y

Der Newton weckt nostalgische Erinnerungen an die Gründertage

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